Neulich beim Kiddusch

Mein kleiner Milchvulkan

Glücklicher Vater – glücklicher Sohn. Foto: fotolia

Neulich beim Kiddusch

Mein kleiner Milchvulkan

Was einem in der Synagoge alles passieren kann

von Beni Frenkel  04.03.2010 00:00 Uhr

Ich bin 33 Jahre alt. Ich wollte mal berühmter Journalist werden, heute unterrichte ich an einer Primarschule. Früher war ich der viertbeste Spieler im FC Hakoah. Jetzt wiege ich bei einer Körpergröße von 1,80 ungefähr 100 Kilo.

Dafür habe ich zwei Kinder, das ältere ist zwei Jahre alt, das jüngere knapp sechs Monate. Ich bin stets übermüdet und studiere nur noch wenig in den jüdischen Büchern. Manchmal fühle ich mich wie das Männchen einer Vogelspinne, das nach der Paarung aufgefressen wird. Wenn ich diesen Vergleich meiner Frau erzähle, wird sie natürlich wütend, lässt mich aber weiterleben.

Am Schabbat sind wir eigentlich immer alleine. Wegen der Kinder! Wer möchte schon bei uns eingeladen werden, wenn neben ihm die »Größere« stolz auf den Teppich kackt? Wir essen eh simultan. Nach dem Kiddusch isst meine Frau schnell Vorspeise, Hauptgang und Nachtisch, während ich den Kleinen rumtrage.

Gäste Aber in letzter Zeit hatten wir doch das starke Bedürfnis, Gäste einzuladen. Wir sind ja Nachkommen Abrahams, der sogar in der Wüste eine Herberge unterhielt. Ich ging Schabbatmorgen zum Gottesdienst und anschließend an den Kiddusch. Man muss nur warten. Die Juden, die unschlüssig im Kidduschraum ausharren, das sind Gäste, die im Hotelzimmer essen werden. Ich hatte Glück. Ein junges Pärchen aus Deutschland verbrachte den Schabbat in Zürich. Am Samstagabend spielte die Gruppe U2 in unserer Stadt, und die frisch Verheirateten wollten sich einen langgehegten Konzertwunsch erfüllen.

Frauenblicke Ich nahm sie mit nach Hause. Es stellte sich schnell heraus, dass die beiden Kinder mögen. Er wollte sogar das Baby halten, und sie guckte ihn dabei verliebt, stolz, ahnungsvoll an. Diese Frauenblicke eben. Dann begannen sie zu erzählen. Er ist 31 Jahre alt und Postdoc an einer mathematischen Fakultät irgendwo in Deutschland. Sie ist 27 und arbeitet für eine Consulting-Firma. Sie sprachen über ihre Südamerika-Reise letztes Jahr. Ihre eigentliche Leidenschaft sind aber Städtereisen. Zu Hause haben sie über dem Bett eine Europa-Karte. Mit Stecknadeln markieren sie ihre Fußspuren. Rote Stecknadel bedeutet Konzert, grüne Stecknadel erinnert an ein Museum. Der Typ ist außerdem Geiger und sie leidenschaftliche Sängerin. Die Marathon-Strecke schafft er unter drei Stunden. Sie hat dafür Verwandte in Israel und Kanada. Diesen Sommer gehen sie übrigens für ein Jahr nach New York.

Die Informationsflut wollte nicht mehr aufhören. Mit jedem zweiten Satz enthüllten sie uns ein weiteres Reiseziel, Hobby oder einen weiteren Leichtathletik-Rekord. Irgendwann fühlte ich mich wie Orson Hodge aus »Desperate Housewives«: Ich ging in die Küche und spülte die Gläser ab. Dieser Postdoc könnte ich sein, dachte ich mir. Zwei Jahre weniger, 20 IQ-Punkte mehr, 20 Kilo und zwei Kinder weniger, und ich würde da am Tisch sitzen.

Rülps Dann hörte ich ein Babyschreien und beruhigte meinen kleinen Sohnemann. Er guckte mich mit großen Augen an und rülpste Milch auf meinen Anzug. Ich unterdrückte ein Fluchwort und hörte nebenan den Kerl von seiner Mathematikforschung reden. Dann sah ich wieder meinen kleinen Milchvulkan an und wusste: Für nichts gäbe ich dieses Bündel her!

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