Lech Lecha

Mann mit Makel

Awram erhält die göttliche Anweisung, seine Heimatstadt Ur zu verlassen. Foto: picture-alliance / Mary Evans Picture Library

Lech Lecha

Mann mit Makel

Awram ist kein Mensch ohne Fehler – und wird gerade deshalb von Gott erwählt

von Rabbiner Alexander Nachama  14.10.2021 12:28 Uhr

Zu Beginn der Parascha lesen wir über die Erwählung Awrams, des Stammvaters unserer Religion. Weshalb Gott Awram erwählte, beantwortet uns die Tora nicht. Bei der Wahl Noachs im letzten Wochenabschnitt ist dies anders. Dieser wurde erwählt, weil er ein »Isch zadik« war, ein »gerechter Mann« in seiner Generation.

Bei Awram schweigt die Tora. Das zeigt, dass Gottes Beweggründe dem Menschen nicht immer verständlich sein müssen. Awrams Erwählung nicht an bestimmte Gründe zu binden, mag auch ein Zeichen dafür sein, dass diese Erwählung unabhängig von weiteren Entwicklungen ist: Selbst wenn sich Awram im weiteren Verlauf der Tora negativ entwickeln würde, wäre die Erwählung nicht zu hinterfragen, da sie nicht an bestimmte Kriterien gebunden ist.

MIDRASCH Über einige der Erfahrungen, die der junge Awram gemacht hat, können wir in Midraschim nachlesen. So berichtet etwa ein Midrasch, dass Awram all die Götzen seines Vaters Terach zerstörte und schließlich (etwas frech) zu seinem verdutzten Vater sagt: »Siehst du nicht, dass ein Allmächtiger lebt, dem Erde, Sonne und Stern ihr Dasein verdanken?«

Awram musste nicht erst davon überzeugt werden, dass Gott Himmel und Erde erschaffen hat. Dies erklärt auch, weshalb Awram auf Gottes Stimme vertraut. Es ist blindes Vertrauen, denn Awram kann Gott nicht sehen. Aber er scheint davon nicht überrascht und hinterfragt es nicht. Awram scheint bereits zu wissen, dass es anders nicht möglich ist.

Awram verlässt auf Gottes Anweisung seine Heimat: das Haus, die Stadt, das Land, wo er bis dahin sein ganzes Leben verbracht hat. So lebt Awram Vertrauen und Mut vor. Vertrauen, auf Gott zu hören, obwohl völlig unklar ist, wohin die Reise geht und wie sich die Geschichte entwickeln wird. Mut, auch im höheren Alter Herausforderungen anzunehmen (immerhin war Awram bereits 75 Jahre alt) und sich nicht von Veränderungen abschrecken zu lassen.

Ein Midrasch fragt, weshalb Awram seine Heimat verlassen musste: Er hätte doch dort den Bund mit Gott errichten können. Der Midrasch antwortet: Zu Hause war Awram wie eine verschlossene Orange. Erst in der weiten Welt begann sie, sich langsam zu öffnen und ihren Duft in alle Himmelsrichtungen zu verbreiten. Erst als Awram seine Heimat verlassen hatte, konnte er sich wirklich entfalten.

KRISE Es dauert nicht lange, bis Awram in eine erste Krise gerät: »Es entstand eine Hungersnot im Lande. Da reiste Awram herunter nach Ägypten, um dort zu wohnen, denn die Hungersnot war schwer in Land.«

Der berühmte Torakommentator Raschi (1040–1105) schreibt, dass die Hungersnot in Kena’an herrschte, um Awram zu prüfen, ob er über die Worte Gottes nachgrübeln würde, der zu ihm gesprochen hatte, in das Land Kena’an zu gehen, und ihn jetzt veranlasste, es wieder zu verlassen.

Diese Prüfung besteht Awram sofort, denn tatsächlich zweifelt er nicht einen Moment an Gott. Er zieht, gemeinsam mit seiner Frau Sarai, zumindest vorübergehend nach Ägypten. »Als er (Awram) nun nahe an Ägypten kam, sprach er zu seiner Frau Sarai: Siehe nun! Ich weiß, dass du eine Frau von schönem Angesicht bist. Wenn dich nun die Ägypter sehen werden und sprechen: ›Dies ist seine Frau‹, so könnten sie mich umbringen und dich behalten.«

Da seine Frau Sarai so hübsch ist, fürchtet Awram, als »überflüssiger« oder »störender« Ehemann von den Ägyptern ermordet zu werden. Während der erste Vers in gewisser Weise ein Kompliment an die Schönheit seiner Frau ist, ist die Fortsetzung ein Spiegel von Awrams Ängsten, ermordet zu werden.

Awram sagt zu Sarai: »Sprich lieber, du seist meine Schwester, damit mir Gutes geschehe dir zuliebe und ich deinetwegen am Leben erhalten werde.«

Die halbe Wahrheit soll also Awram davor bewahren, von den Ägyptern ermordet zu werden. Die halbe Wahrheit, da Sarai und Awram, wie aus Kapitel 20,12 hervorgeht, den gleichen Vater, aber unterschiedliche Mütter hatten. Eine Ehe, die die Tora nach der Offenbarung der Tora am Berg Sinai verbietet. Dennoch erzählt Awram hier nur die halbe Wahrheit, da sie eben verheiratet waren und Sarai somit nicht ledig war.

PHARAO Die beiden kommen in Ägypten an, und tatsächlich finden die Ägypter Sarai sehr schön: »Die Fürsten des Pharaos sahen sie und rühmten sie vor Pharao. Da wurde die Frau hineingenommen in das Haus des Pharaos.« Sarai wurde eine von wahrscheinlich vielen Frauen im Palast des Pharaos, sie war nun Teil der »Frauenauswahl«.

Und wie erging es Awram derweil? War er von der Sorge erschüttert, dass seiner Frau etwas passieren könnte? Überlegte er, wie er seine Frau aus dem Palast befreien könnte? Haderte er mit seiner Entscheidung, Sarai als Schwester auszugeben und sie somit möglicherweise für immer zu verlieren?

Die Tora berichtet: »Dem Awram aber erwies man Gutes um ihretwillen, und er erhielt Schafe und Rinder und Esel, Knechte und Mägde, Eselinnen und Kamele.« Awram wurde viel Gutes erwiesen, er erhielt jede Menge Geschenke. Über Zweifel an der Entscheidung, seine Frau beziehungsweise Schwester an den Herrscher zu verkaufen, berichtet uns die Tora nichts.

PLAGEN Ende der Geschichte? Nein, es geht weiter: »Der Ewige schlug hierauf den Pharao und sein Haus mit großen Plagen wegen Sarai.«

Raschi schreibt dazu, dass der Pharao eine Hautkrankheit bekam, die es ihm unmöglich machte, intime Beziehungen mit Frauen zu führen.

Der Pharao begreift schnell, dass es an der neuen Frau liegen muss, lässt Awram zu sich kommen und fragt: »Was hast du mir getan? Warum hast du mir nicht gesagt, dass sie deine Frau ist? Warum hast du gesagt: ›Sie ist meine Schwester‹? Da nahm ich sie mir zur Frau. Nun aber, hier ist deine Frau! Nimm sie und geh weg!«

Lesen wir zu Beginn der Parascha noch über Awrams Erwählung, so dauert es nicht lange, bis wir über Awrams erste Fehler lesen – oder zumindest eine umstrittene Aktion.

Aber genau das mag ein Grund dafür sein, warum Gott Awram ausgewählt hat: So wie später Jizchak, Jakow oder Mosche macht auch Awram nicht alles richtig. Das macht ihn nicht nur sympathisch, das macht ihn menschlich. Und das macht Awraham, wie er ab Ende des Wochenabschnitts nach seiner Beschneidung fortan heißen wird, zu unserem Stammvater.

Der Autor ist Landesrabbiner von Thüringen und Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK).

inhalt
Der Wochenabschnitt Lech Lecha erzählt, wie Awram und Sara ihre Heimatstadt Charan verlassen und nach Kena’an ziehen. Awrams ägyptische Magd Hagar schenkt ihm einen Sohn, Jischmael. Der Ewige schließt mit Awram einen Bund und gibt ihm einen neuen Namen: Awraham. Als Zeichen für den Bund soll von nun an jedes männliche Neugeborene am achten Lebenstag beschnitten werden.
1. Buch Mose 12,1 – 17,27

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