Jitro

Kultur der Lügen

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Kultur der Lügen

Was das neunte Gebot in Zeiten von Fake News und Künstlicher Intelligenz bedeutet

von Yonatan Amrani  05.02.2026 14:42 Uhr

Würden die Zehn Gebote heute verkündet, stünde vielleicht an erster Stelle: »Du sollst nicht lügen.« Wir erleben eine Zeit, in der Authentizität zur Pose geworden ist. Die Sorge wächst, dass Künstliche Intelligenz den Menschen ersetzt, dass Fake News die eigentlichen Nachrichten verdrängen. Selbst die eigene Existenz erscheint kuratiert: Die Instagram-Story ist zum Vermarktungsinstrument des Menschen geworden.

Das Verbot zu lügen, erscheint erst im neunten Gebot: »Du sollst kein falsches Zeugnis gegen deinen Nächsten ablegen.« Gemeint ist die Lüge im Gerichtssaal, die gezielte Falschbeschuldigung, das Wort, das einem anderen schadet. Und was ist mit einer Lüge in anderen Situationen? »Du sollst nicht morden« oder »Du sollst nicht stehlen« sind absolute Gebote – sie gelten unter allen Umständen. Warum ist es dann anders? Eine kurze biblische Reise kann darauf eine Antwort geben. Sie führt zu den Ursprüngen dessen, was Wahrheit und Lüge im Tanach bedeuten.

Als Awraham nach Ägypten hinabzieht

Schauen wir ins 1. Buch Mose: Als Awraham nach Ägypten hinabzieht, fürchtet er um sein Leben. Wüssten die Ägypter, dass Sara seine Frau ist, würden sie ihn töten und sie für sich nehmen. Awraham bittet Sara daher zu lügen. Die Lüge rettet Leben – und bleibt doch eine Lüge. Jakow erschleicht sich den Erstgeburtssegen, indem er sich als Esaw verkleidet. Auch hier drängt sich der Gedanke auf, es könnte richtig gewesen sein: Der geeignetere Sohn setzt die Linie Awrahams und Jizchaks fort. Später zeigen Josefs Brüder ihrem Vater Jakow das blutverschmierte Gewand und behaupten: »Ein wildes Tier hat ihn gefressen.« Der Tanach ist reich an solchen Szenen.

Diese Erzählungen irritieren. Sie verweigern die klare Grenzlinie zwischen Recht und Unrecht. Der Graubereich ist die Regel. Wahrheit steht gegen Fürsorge, gegen Leben, gegen den familiären Frieden: Ist es besser, dass Jakow erfährt, dass seine Söhne Josef verkauft haben? Ist es besser, dass Awraham von den Ägyptern getötet wird?

Vom 1. Buch Mose springen wir zum Buch Tehillim, den Psalmen: Die Reihe der »Stufenlieder« König Davids (Schir HaMa’alot) beginnt mit Tehillim 120 und endet mit Tehillim 134. Es gibt 15 solcher »Stufenlieder«. So beginnt dort der erste Psalm: »Ein Lied der Stufen … Herr, rette meine Seele vor der Lügenlippe, vor der falschen Zunge!« Die erste Stufe, die König David erklimmen will, ist die Stufe der Wahrheit – die Stufe der Abkehr von der Lüge. Das ist für David die Grundlage jeder spirituellen und religiösen Entwicklung.

David gesteht die Wahrheit ein

Als der Prophet Nathan König David dafür zurechtweist, dass er Batseba genommen und ihren Mann Urija an die Front geschickt hat, sagt David sofort: »Ich habe gesündigt.« David gesteht die Wahrheit ein. Ja, er hat eine schreckliche Tat begangen, Urija in den Tod geschickt und manipuliert – und übernimmt die volle Verantwortung für sein Handeln. Vielleicht beginnt hier Davids tiefste Rückkehr – mit dem Bekenntnis zur Wahrheit. Und ebenso weiß er in den »Stufenliedern«, dass er ohne die Abkehr von der Lüge nicht aufsteigen kann. »Was soll dir gegeben werden, du falsche Zunge?«, setzt er das Kapitel fort.

Nach und nach erkennen wir, dass Wahrheit und Lüge tief im Menschen verankert sind. Giganten wie Awraham, Jakow und David führten einen schweren Kampf damit. Vielleicht ist es deshalb so schwer, die Unwahrheit vollständig zu verbieten. Es gibt Dinge, die so tief im Wesen und in der Natur des Menschen liegen, dass es kaum möglich ist, sie zu befehlen.

Das unmittelbarste Beispiel ist das erste Gebot: »Ich bin der Ewige, dein Gott.« Es gibt eine große Debatte darüber, ob man Glauben überhaupt gebieten kann. Maimonides, der Rambam (1138–1204), sagt, dass aus dem ersten Gebot das positive Gebot folgt, »an die Existenz Gottes zu glauben«. Nachmanides, der Ramban (1194–1270), hingegen meint, dies sei kein Gebot, sondern das Fundament des Glaubens und die Grundlage jeder religiösen Verpflichtung.

Nur dort, wo der Wille relevant ist, kann ein Gebot gelten

Rabbi Chasdai Crescas (1340–1410) fügt ein weiteres Argument hinzu: Nur dort, wo der Wille relevant ist, kann ein Gebot gelten. Glaube aber ist etwas, das man »entweder hat oder nicht« – ähnlich wie Liebe. Natürlich kann man daran arbeiten, aber es lässt sich kaum erzwingen.

Und hier kehren wir zur Wahrheit zurück. Kann man sie gebieten? Ist es wirklich möglich, tief in unser Herz einzudringen und vorzuschreiben: »Lügt nicht«?

Die Tora verbietet, im spezifischen Kontext der Zeugenaussage zu lügen.

Schon die Erzväter rangen damit – und auch im 21. Jahrhundert ist dieses Thema hochaktuell: Es beginnt schon mit der simplen Frage: »Wie geht es dir?«, auf die viele nicht ehrlich antworten wollen. Es setzt sich fort beim Nachrichtenkonsum: »Dem Sender, dem ich glaube, alle anderen sind Lügner.« Und es zeigt sich in den Instagram-Storys scheinbar perfekter Menschen, die gerade ihren fünften Marathon absolviert haben. Wir wissen, dass sie nicht perfekt sind, doch wir sind längst abhängig geworden – vom Drang, zu zeigen, dass alles in Ordnung ist; eine glänzende Fassade zu präsentieren; ja, manchmal sogar zu lügen, nur um unser zerbrechliches Leben nicht zu erschüttern.

So übernehmen wir langsam eine »Kultur der Lüge«. Wir sind gute Menschen, die der Wahrheit und uns selbst treu bleiben wollen – aber es ist schwer. Sehr schwer.

»Halte dich fern von der Lüge!«

Die Tora weiß das und gebietet nicht: »Ihr sollt nicht lügen«, sondern nur das konkrete Verbot des falschen Zeugnisses: »Du sollst kein falsches Zeugnis gegen deinen Nächsten ablegen.« An anderer Stelle hilft die Tora uns mit dem Satz: »Halte dich fern von der Lüge!« Sie sagt: Wir erwarten nicht von dir, niemals zu lügen, aber bemühe dich, dich davon fernzuhalten.

Und wenn das schwer ist, sagt König David: Öffne Tehillim 120 und bete: »Zum Ewigen rief ich in meiner Not … rette mich vor der Lügenlippe.« Und wenn auch das nicht hilft, sagt Rabbi Nachman von Bratzlaw (1772–1810): »Selbst in der Verborgenheit, in der tiefsten Verborgenheit, ist gewiss Haschem dort zu finden« – schaffe dir einen Ort der Wahrheit, selbst wenn er verborgen und nur für dich ist.

All diese Mittel, Gebete und Aussagen sagen uns: Mein Lieber, wir wissen, wie schwer es ist. Wir wissen, dass die Kultur der Lüge herrscht und dass du dich leicht darin verlierst. Aber wir sind da, um dich auf diesem Weg zu begleiten.

inhalt
Im Wochenabschnitt Jitro stellt die Tora Mosches Schwiegervater, den midjanitischen Priester Jitro, als religiösen und weisen Menschen dar. Er rät Mosche, Richter zu ernennen, um das Volk besser zu führen. Die Kinder Israels lagern am Fuß des Berges Sinai und müssen sich drei Tage lang vorbereiten, rein und gesammelt in Körper und Geist. Dann senkt sich G’ttes Gegenwart über die Spitze des Berges, und Mosche steigt hinauf, um die Tora zu empfangen.
2. Buch Mose 18,1 – 20,23

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