Allegorien

Kraft der Symbole

Die Weisen fanden neue Wege, den Menschen die Worte des Ewigen nahezubringen

von Rabbiner Joel Berger  08.02.2011 09:43 Uhr

Vor der Knesset in Jerusalem: Die Menora steht für Erleuchtung, Einsicht und das Licht der Lehre. Foto: Flash 90

Die Weisen fanden neue Wege, den Menschen die Worte des Ewigen nahezubringen

von Rabbiner Joel Berger  08.02.2011 09:43 Uhr

Der Wochenabschnitt Tezawe befasst sich mit den Geräten des Mischkan, der Stiftshütte. Weil wir seit fast 2.000 Jahren kein Heiligtum mehr haben, deuten unsere Gelehrten den Inhalt dieser Parascha – und auch den der vorherigen, Teruma – symbolisch. Sie sehen darin Allegorien. Unsere Lehre, die Auslegung, fand neue Wege, um uns das G’tteswort, die Schrift, näherzubringen. Manche Elemente, wie die Geräte des Stiftszelts, nehmen heute eine erinnernde, sinnbildliche Aufgabe in unseren Synagogen ein. An Stelle der Bundeslade, in der einst die Tafeln des Bundes, die Zehn Gebote, untergebracht waren, ist heute der Aron Hakodesch, der Toraschrank, getreten.

Die Menora hat in der Synagoge eine mannigfaltige symbolische Bedeutung. Sie vergegenwärtigt den Bet Hamikdasch, den Tempel in Jerusalem, und das Licht der Lehre. An mehreren Stellen unseres Tenach werden die hebräischen Begriffe Ner (Öllampe, Licht) und Or (Helligkeit, Licht) auch im Sinne von geistiger Erkenntnis, Erleuchtung und Einsicht verwendet. »Denn eine Leuchte ist das Gebot, und Weisung (Tora) ist das Licht« (Mischle 6,23). Oder: »Sein Gebot ist lauter, die Augen erleuchtend« (Psalm 19,9). In diesem Sinne beginnt die Parascha mit der Beschreibung des Olivenöls für den Leuchter. Den einstigen Leuchter des alten Heiligtums stellt heute in den Synagogen der Ner Tamid, das Ewige Licht, vor dem Toraschrank dar. Das Licht und das Öl werden von unseren Weisen sinnbildlich betrachtet.

Ein Midrasch zitiert den Propheten Jeremia, der unser Volk mit Oliven vergleicht: »Der Herr nannte dich eine grüne, schöne, fruchtbare Olive« (Jeremia 11,16). Warum dieser Vergleich? Die Olive wird, wenn sie reif ist, geschlagen und gepresst, bis Öl aus ihr fließt. Ihr Schicksal ähnelt dem unseres Volkes: Die Feinde und Neider schlugen auf uns ein, ketteten uns an, bis der Herr seine Gnade endlich walten ließ (Schemot Rabba 36,1).

Eigenart An einer anderen Stelle im Midrasch finden wir die Aussage, dass das Öl sich mit keiner anderen Flüssigkeit vermengen lässt. Auch unser Volk soll seinen Charakter und seine Eigenart bewahren, um sich nicht seinen Feinden zu ergeben und ihrer Aggression zum Opfer fallen.

Licht und Leuchter verkündet auch der Prophet Jesaja als Israels Auftrag: »Ich habe dich gebildet, dich bestimmt, (…) der Nationen Leuchte zu sein« (Jesaja 42,6). Unsere Weisen meinten, dass unter dem »ewigen Licht« das mittlere Licht der Menora, des siebenarmigen Leuchters, im ehemaligen Heiligtum in Jerusalem zu verstehen sei.

Nach der Zerstörung des Bet Hamikdasch übernahm die Synagoge die Rolle, das Licht zu tragen, das einst im Heiligtum angesteckt wurde. Sie tut es, auch wenn sie lediglich ein Versammlungs- und Lehrhaus ist und kein Heiligtum wie einst in Jerusalem. Die vollkommen andere Aufgabe und Bedeutung der Synagoge brachte es vielleicht mit sich, dass die Anordnungen der Tora über Licht, Öl und Menora eine reiche symbolische Sinngebung erhalten haben. Das älteste Sinnbild unseres Volkes, noch vor dem Davidstern, ist die Menora. Das liegt an der besonderen Aufgabe unseres Volkes, Licht der Völker zu sein, ein Licht des Glaubens, das den Nationen die Gerechtigkeit des einzigen G’ttes verkünden soll. Daher erscheint der siebenarmige Leuchter auch in den Synagogen als Symbol des Glaubens des jüdischen Volkes.

In unserer Parascha tritt, neben den Geräten des Mischkan, auch die Funktion des Kohen in den Vordergrund. »Lass deinen Bruder Aharon (...) zu dir kommen, damit er Mir als Priester diene« (2. Buch Moses 28,1). Mit diesen schlichten Worten tat der Herr Mosche kund, dass der Dienst im Heiligtum seinem Bruder und dessen Söhnen zufallen werde. Ein exegetischer Midrasch meint, dass Mosche nach dieser Anweisung niedergedrückt war, denn er hatte gedacht, dass er selbst derjenige sein werde, der auch diesen Dienst erfüllen und das Priesteramt bekleiden wird.

Die Tora setzt hier ein Zeichen, das in der gesamten antiken Geschichte unseres Volkes zu beobachten ist: die strenge, konsequente Trennung von staatlicher Macht und den Ämtern des Kultes. Selbst heute, da es keinen Mischkan mehr gibt, werden in den jüdischen Gemeinden weltweit die Ämter und die Tätigkeit der demokratisch gewählten Gemeindevorsteher, der Parnassim, und jene der Rabbiner strikt voneinander getrennt. So wirken die klassischen Einrichtungen bis in unsere Zeit und ermöglichen die Funktionsfähigkeit unserer Gemeinden.

Brustschild Wir erfahren in unserer Parascha auch etwas über die Zeichen, die die Kohanim trugen. Darunter waren die Urim Wetumim vielleicht die Interessantesten. »Also soll Aharon die Namen der Kinder Israel tragen auf dem Brustschild auf seinem Herzen, wenn er in das Heiligtum hineingeht, zur allzeitigen Erinnerung vor dem Herrn. Und sollst in das Brustschild tun Licht und Recht, dass sie auf dem Herzen Aharons seien, wenn er hineingeht vor den Herrn, dass er das Amt der Kinder Israel auf seinem Herzen vor dem Herrn immerdar trage (2. Buch Moses 28, 29-30).

Die Internet-Enzyklopädie Wikipedia schreibt über Urim Wetumim, es seien »(vermutlich) Los- und Orakelsteine des Hohepriesters (…) Im Hebräischen bedeuten die Worte (nach der Buber-Rosenzweig Übersetzung) die Lichtenden und die Schlichtenden«. Aus dieser versuchten Definition kann man erahnen, dass den mystisch-allegorischen Deutungen dieses Brustschilds mit den zwölf Steinen viel Raum geschenkt wird.

Ich möchte gern eine talmudische Aggada über das priesterliche Brustschild wiedergeben: Einst ging einer der Steine verloren. Lange und verzweifelt suchte man danach. Schließlich fand man ihn bei einem Nichtjuden in der Stadt Aschkelon. Dieser wollte aber den Stein nicht herausgeben, weil sein Vater gerade auf jener Truhe schlief, in der sich der Stein befand. Man bot dem Mann viel Geld für den Stein. Er aber blieb standhaft. Auf einmal wachte der Vater auf, und daraufhin gab der Mann den Stein gegen einen ganz geringen Finderlohn zurück (Jerusalemer Talmud, Pea 1,1).

Ich denke noch an die mahnenden Worte meines Rebben, der mit Nachdruck erwähnte: Siehe, der Nichtjude, der eine Mizwa ausführt, obwohl er dazu nicht verpflichtet ist, handelt beispielhaft, trotz der Verlockung. Den Vater zu ehren, war dem Mann wichtiger als materielle Vorzüge.

Der Autor war von 1981 bis 2002 Landesrabbiner von Württemberg.

Inhalt
Der Wochenabschnitt Tezawe berichtet davon, dass den Kindern Israels aufgetragen wird, nur reines Olivenöl für das ewige Licht, das Ner Tamid, zu verwenden. Auf Geheiß des Ewigen soll Mosche seinen Bruder Aharon und dessen Söhne Nadav, Avihu, Eleazar und Itamar zu Priestern machen. Für sie übermittelt die Parascha Bekleidungsvorschriften. In einer siebentägigen Zeremonie werden Aharon und seine Söhne in das Priesteramt eingeführt. Dazu wird Aharon angewiesen, Weihrauch auf einem Altar aus Akazienholz zu verbrennen.
2. Buch Moses 27,20 – 30,10

Israel

Oberrabbinat stärkt Anerkennung äthiopischer Juden

Damit folgt das Gremium einer Entscheidung des verstorbenen früheren sefardischen Oberrabbiners Ovadia Josef von 1973

 20.01.2020

Lutherstadt Wittenberg

Gericht verhandelt über »Judensau«

Oberlandesgericht Naumburg entscheidet über Verbleib der umstrittenen Schmähplastik

von Romy Richter  20.01.2020

Gerichtsprozess

Wittenberg bedauert antisemitische Schmähplastik

Die Stadtkirchengemeinde wirbt zugleich um Verständnis beim Umgang mit dem schwierigen Erbe

 19.01.2020

Schemot

Im Zeichen der Schlange

Die Geschichte von Mosches Stab lehrt, dass Gut und Böse dem Befehl G’ttes unterstehen

von Vyacheslav Dobrovych  17.01.2020

Talmudisches

Von jüdischen Ärzten

Was Rabbi Jochanan über Mediziner, das Leben und den Tod meinte

von Stephan Probst  17.01.2020

Auszeichnung

Werner-Sylten-Preis für christlich-jüdischen Dialog

Die Ehrung wird im Rahmen des Tora-Lerntages am 22. Januar in Erfurt verliehen

 16.01.2020

Nachwuchs

Von Archie bis Toby

Die jüdische Website »Kveller« in den USA listet die populärsten Namen für das Jahr 2020 auf

von Ayala Goldmann  16.01.2020

Torarolle

Buch mit Seele

Warum ein Roboter keine Sefer Tora schreiben kann, die als koscher gilt

von Rabbiner Elischa Portnoy  16.01.2020

Antisemitismus

»Traumatherapeutischer Meilenstein«

Theologe Bell erinnert an Beschluss der Evangelischen Kirche im Rheinland von 1980 und fordert Kampf gegen Judenhass

 15.01.2020