Geburtstag

»Jüdischkeit ist sein Lebenskompass«

Rabbiner Gabor Lengyel Foto: imago

Am 15. Januar wird Rabbiner Gábor Lengyel 80 Jahre jung. Jüdischkeit ist sein Lebenskompass. Die ihn kennen, wissen, dass er ein bescheidener leiser und bedacht auftretender Mann ist. Immer korrekt gekleidet, immer darauf bedacht, dass die, die mit ihm sind, das bekommen, das sie gerade brauchen. Beispielsweise ein mit einer Stimmstörung kämpfender Redner, ein Glas Wasser, das Rabbiner Lengyel ihm fast unsichtbar auf das Rednerpult stellt.

ORDINATION Aber auch seine Worte sind wohlgewählt, in der jüdischen Tradition verwurzelt und treffend. Ich lernte ihn in den Nullerjahren als Studenten am Abraham Geiger Kolleg kennen. Er nahm da und an dem neolog-konservativen Rabbinerseminar in Budapest seinen Weg zur Ordination als Rabbiner.  Gábor Lengyel war sicherlich älter als mancher seiner Lehrer, aber er wirkte und wirkt damals wie heute viel jünger, als das jetzt zu feiernde Geburtstagsdatum es anzeigt.

In dunkler Zeit 1941 wurde er in Ungarn geboren, seine Mutter wurde Opfer der Schoa, sein Vater war (wie Gábor später in Deutschland,) jahrzehntelang für jüdisches Leben in Ungarn engagiert. Bis zu seinem 16. Lebensjahr lebte Gábor Lengyel in Budapest, um dann in Israel als Techniker ein neues Kapitel in seinem Leben aufzuschlagen. Auch als Soldat der israelischen Armee war er jüdisch-religiös engagiert, indem er dort zum Beispiel zu Pessach den Seder für die diensttuenden Soldaten abhielt.

1965 bis 1972 studierte er als DAAD- und Friedrich-Ebert-Stipendiat an der TU Braunschweig und arbeitete danach in diversen Managementfunktionen international agierender Industrieunternehmen, zuletzt bei IBM. In seinen ersten drei Lebensjahrzehnten lebte er in drei Ländern: Ungarn, Israel und Deutschland. Gábor hat das Talent, überall, wo er ist, wichtige Dinge voranzubringen und sich dabei immer selbst treu zu bleiben.

FUNKTIONEN Von Mitte der 1960er-Jahre an wirkte er neben seiner beruflichen Tätigkeit in der ihm eigenen Form für und am Wiederaufbau der jüdischen Gemeinde in Braunschweig nach der Schoa mit. 15 Jahre lang war Gábor Lengyel Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Braunschweig und stellvertretender Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Niedersachsen.

Unter seiner Federführung wurde 1983 das neue Gemeindezentrum in Braunschweig wieder aufgebaut. Aber er war zugleich auch als Vorbeter, Toraleser, »Prediger«, aber vor allen Dingen als Helfer für Gemeindemitglieder, auch für die ab 1991 kommenden Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion.

HANNOVER Ab 1993 lebte und wirkte er in Hannover. Er unterstützte als religiöser Betreuer die Gründung und den Aufbau der Liberalen Jüdischen Gemeinde Ez Chajim in Hannover, später als Rabbiner und Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz die liberalen jüdischen Gemeinden in Niedersachsen.

Jetzt unterstützt Gábor Lengyel die Reformsynagoge in Hamburg als betreuender Rabbiner. Daneben hält er noch einen Lehrauftrag an der Leibniz Universität in Hannover und ist im christlich-jüdischen Dialog seit mehr als vier Jahrzehnten engagiert, wie auch jetzt im jüdisch-islamischen Gesprächen. Die Aufzählung muss unvollständig bleiben.

BUCH In dem anlässlich seines 75. Geburtstags erschienenen schönen Buch »Betrachte nicht den Krug, sondern dessen Inhalt« ist eine Rede des Schoahüberlebenden Gábor Lengyel anlässlich Rosch Haschana zu lesen: »Kein Poet, kein Mensch kann Auschwitz und Jerusalem mit Worten und mit Verstand wiedergeben. Auch in der Liturgie sind wir hilflos, die existierenden Gebete sind irrelevant geworden. (...) Er (der Jisroel-Mensch) betet, weil auch die Juden vor ihm und Generationen vor ihm das Gebet gesagt haben. Unabhängig davon, wie schwierig es für ihn ist, diese Verse zu sagen, er fühlt: Das Judentum soll nicht bei ihm, im letzten Glied in der Kette der Generationen seiner Familie, das Ende finden.«

Rabbiner Gábor Lengyel als Schoa-Überlebender, Zeuge der Schoa und des Neubeginns mit dem Staat Israel, aber auch in Europa schöpft seine Kraft für alles, das er für eine jüdische Zukunft hinzugefügt hat, aus dieser Verantwortung. Er verkörpert gelebte jüdische Theologie nach der Schoa.

Der Autor ist Vorsitzender der Allgemeinen Rabbinerkonferenz Deutschland (ARK) und Rabbiner in Berlin.

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