Re’eh

»Irgendeiner deiner Brüder«

Verwandte zuerst: Das Prinzip dieser Ordnung ist offensichtlich. Foto: Getty Images

Unser Wochenabschnitt enthält 54 Gesetze. Einige von ihnen können nur im Land Israel erfüllt werden, wie zum Beispiel die Opfergabe im Tempel, die Vernichtung der Götzen, das Verbot, die Ernteabgabe (Ma’aser scheni) außerhalb von Jerusalem zu essen, oder der Schuldenerlass nach dem siebten Jahr.

Unter anderem wird auch erwähnt, dass man auf keinen Fall zulassen darf, dass der Nächste darbt. Wir müssen, soweit es in unserer Kraft steht, unsere Nächsten unterstützen: »Wenn unter dir ein Armer sein wird, irgendeiner deiner Brüder in einem deiner Tore, in deinem Land, (…) so verhärte nicht dein Herz und verschließe nicht deine Hand vor deinem Bruder, dem Armen; sondern öffnen sollst du ihm deine Hand und sollst ihm leihen ausreichend für seinen Bedarf, so viel ihm fehlt. (…) Geben sollst du ihm und dein Herz nicht verdrießen, wenn du ihm gibst, denn um deswillen wird der Ewige, G’tt, dich segnen in all deinem Tun und in jeglichem Unternehmen deiner Hand« (5. Buch Mose 15, 7–10).

GESCHENK Maimonides, der Rambam (1135–1204), schreibt in seinem Gesetzesbuch, dass es mehrere Stufen der Mizwa von Zedaka, finanzieller Unterstützung, gibt: Die allerhöchste Stufe besteht darin, dem Armen ein Geschenk zu machen. Weitere Stufen sind, ihm das, was er nötig hat, zu geben, ihm Geld zu leihen und schließlich ihm eine Arbeit zu besorgen, damit er nicht auf die Hilfe anderer angewiesen ist.

Die Mizwa besteht also darin, die finanziellen Schwierigkeiten des anderen zu beheben. Doch ist dies nicht die einzige Art, wie man einem Bedürftigen helfen kann. Unser Leben ist ja noch viel umfangreicher und komplexer: Wir können zum Beispiel einer älteren Person beim Überqueren der Straße helfen, einem Touristen den Weg weisen, den Traurigen und Enttäuschten ermutigen und ihm Hoffnung geben, dem Gegenüber ein Lächeln schenken, eine positive Einstellung ausstrahlen.
All dies ist unter anderem das Thema unseres Wochenabschnitts: dem Nächsten »das Fehlende« so weit wie möglich zu ersetzen, denn es heißt: »ausreichend für seinen Bedarf, so viel ihm fehlt«.

PRIORITÄT Stellen Sie sich vor, Ihr bester Freund und einer Ihrer Verwandten, zu dem Sie kein gutes Verhältnis haben, bitten Sie zur selben Zeit um Unterstützung. Wem müssten Sie zuerst helfen?

Die Tora sagt: »irgendeiner deiner Brüder«. Dein Bruder, sprich: dein Verwandter, steht an erster Stelle. »In einem deiner Tore«, das sind die Armen deiner Stadt und erst danach die restlichen Bedürftigen. Die Tora gibt uns eine klare Anweisung, welche Ordnung wir einzuhalten haben und welche Prioritäten wir setzen sollten. Das Prinzip dieser Ordnung ist offensichtlich: nämlich dass der Mensch sich nicht von Sympathie leiten lassen sollte, sondern einen objektiven Blick der Nähe beibehält.

An allererster Stelle sollten wir uns um diejenigen kümmern, die uns am Nächsten stehen, um Verwandte, und erst danach um andere Mitmenschen, die uns nicht ganz so nah sind. Durch die Wohltätigkeit können wir einen besseren Kontakt zu anderen Menschen herstellen und im weiteren Verlauf sogar eine Zuneigung beziehungsweise Liebe zu ihnen entwickeln, ähnlich wie es sich mit der Mutter-Kind-Beziehung verhält.

Die Wurzel des hebräischen Wortes für Liebe, »Ahava«, ist »hav« – geben. Der wahre Ausdruck und die erfolgreiche Entwicklung der Liebe basieren auf dem Prinzip des Gebens und nicht des Nehmens.

BEDÜRFTIGE Doch kehren wir noch einmal zum Text zurück. Die Tora sagt: »So verhärte nicht dein Herz und verschließe nicht deine Hand.« Der erste Teil spricht über die Menschen, die den Bedürftigen helfen, sich jedoch ständig mit Zweifeln quälen, ob sie das Richtige tun. Der zweite Teil bezieht sich auf diejenigen, die ihre Hand erst kaum öffnen, sie jedoch dann sofort verschließen. Auch wenn sie ihre Hand öffnen, tun sie dies mit Unmut. Deshalb erinnert uns die Tora daran, was wir vermeiden sollten.

Im Talmud lesen wir von Rabbi Chija, der einmal zu seiner Frau sagte: »Wenn dich ein Armer um Hilfe bittet, gib ihm schnellstmöglich das von ihm Erbetene, denn so wird man auch deine Kinder behandeln.« – »Warum verfluchst du deine Kinder?«, fragte seine Frau. Da erwiderte Rabbi Chija: »Das Leben ist ein Rad, mal sind wir auf ihm, mal sind wir unter ihm« (Schabbat 151b).

Diese wertvolle Weisheit soll den Menschen sein Leben lang begleiten, denn keiner ist sich sicher, was ihm der nächste Tag bringt. Jeder von uns kann in eine Notlage geraten und die Hilfe der Mitmenschen benötigen. Es ist auch möglich, dass man selbst zwar nicht in eine solche Notsituation gerät, aber die eigenen Kinder oder Enkelkinder.

Es ist unangebracht zu denken, der Mensch bräuchte sein mit Mühe verdientes Geld nicht für wohltätige Zwecke auszugeben. Denn alles, was der Mensch besitzt, gibt ihm der Schöpfer der Welt, und der Mensch nimmt nur die Rolle des Vermittlers ein. Einen Teil des Geldes gibt er für seine persönlichen Zwecke aus, und mit dem Rest sollte er das tun, was der wahre Besitzer des Geldes von ihm verlangt.

Der Autor studiert am Rabbinerseminar zu Berlin.

INHALT
Paraschat Re’eh: Der Wochenabschnitt beginnt mit den Worten, die Mosche an das Volk richtet: »Siehe, Ich lege heute vor euch Segen und Fluch!« Den Segen erhalten die Kinder Israels, wenn sie auf die Gebote G’ttes hören. Der Fluch wird über sie kommen, wenn sie sich nicht entsprechend verhalten und sich fremden Götzen zuwenden. Bei den nachfolgenden Ritualgesetzen geht es um die Errichtung eines zentralen Heiligtums, um Schlachtopfer, die Entrichtung des Zehnten (Ma’aser) und um die Erfüllung von Gelübden (Neder). Dann folgen die Speisegesetze, und zum Schluss werden die Regeln für das Schabbatjahr beschrieben und die Feiertage Pessach, Schawuot und Sukkot sowie die damit verbundenen Vorschriften erwähnt.

5. Buch Mose 11,26 – 16,17

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