17. Tamus

»Ich mag die Trauerzeit«

Während der drei Wochen zwischen dem 17. Tamus und Tischa beAw veranstalten wir keine Hochzeiten, schneiden uns nicht die Haare und hören keine Musik. Foto: Thinkstock

Wenn man Juden fragt, welche ihre liebste Zeit im jüdischen Kalender ist, wird man eine überschaubare Anzahl an Antworten bekommen: Purim, Chanukka, Pessach oder Simchat Tora werden wohl die Top-Antworten sein.

Eine Antwort wird man aber mit großer Sicherheit selten hören: Tischa beAw, der 9. Tag des jüdischen Monats Aw (in diesem Jahr fällt er auf den 31. Juli/1. August) – oder ganz allgemein die drei vorangehenden Trauerwochen, die mit dem 17. Tamus (in diesem Jahr fällt er auf den 10./11. Juli) beginnen.

Für mich allerdings sind diese drei Wochen eine meiner Lieblingszeiten im Kalender. Nicht, weil es eine einfache und bequeme Zeitspanne wäre, ganz im Gegenteil, sondern vielmehr wegen dem, was sie symbolisiert.

Schulchan Aruch Wir lesen im Schulchan Aruch, Orech Chajim 751, dass wir während der dreiwöchigen Periode zwischen dem Fasten des 17. Tamus und dem Fasten des 9. Aw unsere Freude reduzieren sollen. Während dieser drei Wochen veranstalten wir keine Hochzeiten, schneiden uns nicht die Haare und hören keine Musik. Zwischen dem Anfang des Monats Aw und dem Fasten am 9. Aw essen wir zusätzlich kein Fleisch, trinken keinen Wein und waschen uns nicht zum Vergnügen.

Dies sind einige der Beispiele für die Trauer, die wir während dieser Zeitspanne demonstrieren. Wir müssen uns aber fragen: Warum tun wir das alles, und was sollen wir daraus lernen? Und was bedeuten uns die drei Trauerwochen? Die Antwort lautet: Sie sind ein Zeugnis des Wesens des jüdischen Volkes, eines Volkes, das sich erinnert und weiß, dass die Geschehnisse der Vergangenheit zu einer besseren Zukunft führen.

Kronleuchter Man erzählt über Napoleon Bonaparte, dass er einmal in einer kleinen Stadt an einer Synagoge vorbeiging. Er betrat die Synagoge und sah dort Männer, Frauen und Kinder weinend auf dem Boden sitzen. Die Synagoge hatte einen aufwendigen Kronleuchter, aber nur sehr wenige Kerzen waren angezündet. Es war ein düsterer und trauriger Anblick.

Napoleon fragte, warum die Leute weinten, und wollte wissen, was für ein Unglück hier geschehen war. Ein französisch-jüdischer Offizier erklärte ihm, dass nichts Neues und akut Schreckliches passiert sei, sondern dass das jüdische Volk den Brauch pflegt, sich einmal im Jahr an einem Tag zu versammeln – und zwar am 9. Aw, dem Tag, der die Zerstörung des Tempels markiert.

Zweimal erbaute das Volk Israel einen prächtigen Tempel in Jerusalem – und beide Male wurde der Bau zerstört. Nachdem ihr zweiter Tempel in Trümmern lag, wurden die Juden über die ganze Welt zerstreut und als Sklaven verkauft. Einige entkamen und bauten sich Häuser überall auf der Welt. Seitdem existierte das jüdische Volk ohne sein Land und ohne seinen Tempel, erläuterte der jüdische Offizier dem französischen Kaiser.

Fasten Um dieser traurigen Ereignisse zu gedenken, versammeln sich die Juden einmal im Jahr in der Synagoge, erklärte der Offizier weiter. Dort fasten sie, beten und lesen traurige prophetische Schriften über die Zerstörung ihres Tempels und ihres Landes. Was wir hier in der Synagoge sehen, geschieht in allen jüdischen Gemeinden auf der ganzen Welt.

Auf die Frage, wie lange das alles denn schon her sei, erhielt Napoleon die Antwort: »1700 Jahre.« Darauf rief der französische Kaiser: »Ein Volk, das 1700 Jahre um seinen zerstörten Tempel weint und fastet, wird sicher mit dem Wiederaufbau belohnt werden.«

Im Vergleich zu uns Juden gibt es viel mehr Italiener in der Welt. Doch sieht man heute noch Italiener, die wegen der Zerstörung Roms klagen und trauern? Es gibt viel auch mehr Griechen als Juden auf der Welt, aber die Akropolis und der Parthenon sind heute nur noch Touristenattraktionen. Babylonien, Persien, Assyrien, das alte Ägypten – wer gedenkt ihrer heute noch außer Historikern, wer vergießt auch nur eine Träne ihretwegen?

Luxus Ich mag Tischa beAw, weil ich es brauche. Bei allem Komfort und Luxus, der uns tagtäglich umgibt, brauchen wir einen Tag, an dem wir keine Lederschuhe tragen und auf einem unbequemen Hocker sitzen. In unserer Überflussgesellschaft brauchen wir einen Tag, an dem wir auf Essen und Trinken verzichten.

Ich mag Tischa beAw und die drei Wochen, weil sie uns eine immens wichtige Botschaft vermitteln: Feiertage in unserem Kalender sind nicht einfach Tage, an denen vor ein paar Tausend Jahren etwas geschah. An diesen Tagen ist unser Bewusstsein geschärft, da G’tt der Welt wichtige Gefühlszustände in ihrer Gänze zeigt: an Sukkot die Freude als Teil des Lebens, an Pessach die absolute Nähe zu G’tt und am 9. Aw die wahre Trauer.

Ich mag diese Zeit, weil sie uns zwingt, unsere Fehler einzugestehen. Unsere Weisen lehren, dass der Tempel aufgrund von grundlosem Hass unter uns Juden zerstört wurde – und erst in einer Generation wiederaufgebaut werden wird, in der grundlose Liebe herrscht.

Messias Ich mag die drei Wochen, weil sie die Botschaft einer tiefgründigen Hoffnung überbringen. Am 9. Aw, so unsere Weisen, wird der Maschiach, unser Erlöser, geboren. Wie ironisch, aber auch lehrreich, dass die Erlösung ausgerechnet am Tag der Zerstörung ihren Anfang findet.

Am Schabbat vor dem 9. Aw lesen wir das erste Kapitel des Propheten Jesaja, die Zurechtweisung. Am Schabbat nach dem 9. Aw lesen wir das 40. Kapitel in Jesaja: »Seid getröstet, seid getröstet, mein Volk.« Genauso wie die Trauer real war, wird auch der Trost real sein. Ist es da ein Wunder, dass man diese Trauerzeit mögen kann?

Der Autor ist Rabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde Fürth und Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland.

Beha’alotcha

Macht der Gewohnheit

Die Tora zeigt am Beispiel Aharons, warum die tägliche Pflicht den Menschen wachsen lässt

von Avi Frenkel  05.06.2026

Wohlbefinden

»Verbinde dich mit etwas Größerem«

Rabbiner Levi Shmotkin landete mit »Worte fürs Leben« einen Bestseller. Ein Gespräch über die Stärke, sich von Krieg und antisemitischen Bedrohungen nicht lähmen zu lassen

von Detlef David Kauschke  05.06.2026

Talmudisches

Geister

Was antike jüdische Überlieferungen über Besucher aus dem Jenseits erzählen

von Rabbinerin Yael Deusel  04.06.2026

München/Jerusalem

Rabbinerkonferenz weist Kritik an deutschen Yad-Vashem-Standorten zurück

Die geplanten Außenstellen von Yad Vashem in Deutschland stoßen auch auf Skepsis. Doch die Orthodoxe Rabbinerkonferenz warnt davor, die Arbeit der Gedenkstätte zum Gegenstand politischer Abrechnungen zu machen

 31.05.2026

Bonn

»Es ist ein Bruch eingetreten.«

Rabbiner Andreas Nachama betonte, dass Jüdinnen und Juden immer weiter in eine »Defensivposition« gebracht würden. Eine Studientagung des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit lotete aus, wie es anders gehen könnte

von Leticia Witte  31.05.2026

Antwerpen

Belgien: Empörung über Anklage gegen jüdische Beschneider

Wegen Anklagen gegen zwei jüdische Beschneider kritisieren jüdische Vertreter die belgischen Behörden scharf. Die European Jewish Association wirft der Staatsanwaltschaft vor, die Religionsfreiheit zu verletzen - Belgien weist dies zurück

von Marlene Brey  27.05.2026

Nasso

Raum für die g’ttliche Präsenz

Warum das Lesen dieses Wochenabschnitts beim Finden eines Ehepartners hilfreich sein soll

von Vyacheslav Dobrovych  24.05.2026

Essay

Erinnerungen an Schawuot in Be’eri

Unsere Autorin ist in dem Kibbuz aufgewachsen, der durch das Massaker traurige Bekanntheit erlangte. Eines der prägendsten Feste ihrer Kindheit war das Wochenfest – wird jene Freude je wieder zurückkehren?

von Eshkar Eldan Cohen  21.05.2026

Schawuot 2

Mit offener Hand

Das Gebot des Zehnten ist weit mehr als eine soziale Maßnahme. Es ist eine geistige Übung

von Rabbiner Joel Berger  21.05.2026