Kotel

Heiliger Ort für alle

Sicht auf die Kotel: Auf dem großen Vorplatz beten Männer und Frauen getrennt. Rechts von der Mughrabi-Brücke, die auf den Tempelberg führt, gibt es eine kleine Plattform für das gemischte Gebet. Foto: imago

Keine Israelreise ohne Besuch der Kotel: Für Millionen von Juden aus der Diaspora ist ein Gebet an der ehemaligen Westmauer des Plateaus, auf dem bis zum Jahr 70 n.d.Z. der zweite Jerusalemer Tempel stand, ein Höhepunkt im Programm.

Doch wo und wie darf man an der Westmauer beten – nur nach Geschlechtern getrennt, wie bei den Orthodoxen üblich, oder auch gemischt, wie es bei liberalen und konservativen (Masorti-)Juden Usus ist? Und dürfen auch Frauen an der Kotel aus der Tora lesen – und Tallit und Gebetsriemen tragen? Darüber wird in Israel seit Jahren erbittert gestritten.

An diesem Sonntag hat nun das israelische Kabinett auf Druck der ultraorthodoxen Koalitionsparteien Schas und Vereinigtes Tora‐Judentum beschlossen, den unter Vermittlung der Jewish Agency ausgehandelten und erst vor 17 Monaten vom Kabinett abgesegneten »Kotel‐Deal« wieder zu kippen – und Pläne für eine offizielle gemischte Gebetszone »einzufrieren«.

Verwirrend daran allerdings ist, dass laut Ankündigung von Regierungschef Benjamin Netanjahu die Bauarbeiten für die gemischte Zone beim sogenannten Robinson‐Bogen südlich der Hauptfront der Kotel dennoch weitergehen sollen.

Sharansky Vertreter liberaler und konservativer Juden in den USA fühlen sich durch den Beschluss vom Sonntag jedenfalls brüskiert – ebenso die Jewish Agency, die für die Einwanderung von Juden weltweit nach Israel zuständig ist. Aus Protest sagte der Chef der Agency, der ehemalige sowjetische Dissident Natan Sharansky, sogar ein geplantes Abendessen mit Netanjahu ab.

»Ich bin zutiefst enttäuscht über diese Entscheidung. Nach vier Jahren intensiver Verhandlungen hatten wir eine Lösung gefunden, die alle großen Gemeinschaften akzeptierten. Sie wurde von den jüdischen Gemeinden in der ganzen Welt begrüßt. Diese Entscheidung wird unsere Arbeit, Israel und die jüdische Welt enger zusammenzubringen, weitaus schwieriger gestalten«, sagte Sharansky in einer Reaktion auf den Kabinettsbeschluss.

Doch abgesehen von dem politischen Erdbeben – was bedeutet der Beschluss konkret? Ist ein gemeinsames Gebet von Männern und Frauen an der Kotel oder in der Nähe der Kotel heute und in Zukunft möglich oder nicht?

Zunächst ein kurzer Blick in die Geschichte: Im jüdischen Tempel von Jerusalem wurden Kulthandlungen nur von Männern ausgeführt und die Geschlechter getrennt. Es gab einen Hof für die Frauen und sogar mehrere Frauenemporen – wobei aber umstritten ist, ob sie fest eingerichtet waren oder ob sie nur temporär aufgestellt wurden. Maimonides, der Rambam (1135–1204), schreibt in seinem Kommentar zur Mischna (Sukka 5,2), dass zum »Fest des Wasserschöpfens« (Sukkot) die Geschlechter im Tempel getrennt wurden.

Im Jahr 70 n.d.Z. wurde der Tempel zerstört. Danach war ein Besuch an der Kotel nur wenigen Juden möglich. Historische Berichte und Gemälde aus dem 19. und aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus Jerusalem zeigen, dass damals keine Geschlechtertrennung an der Kotel existierte. Betende jüdische Frauen an der Mauer werden von mehreren Reisenden beschrieben und auch auf Bildern gezeigt.

Mandatszeit Unter dem britischen Mandat über Palästina (von 1922 bis 1948) war der zugängliche Teil der Kotel kleiner als heute, aber nicht nach männlichen und weiblichen Betern getrennt.

Unter der jordanischen Besatzung Ost‐Jerusalems (von 1948 bis 1967) war die Kotel für Juden, gleich welchen Geschlechts, nicht zugänglich. Nach dem Sieg Israels im Sechstagekrieg 1967 und der Eroberung Ost‐Jerusalems ließ David Ben Gurion das Mughrabi‐Viertel vor der Kotel planieren; ein großer Platz für Beter und Besucher wurde eingerichtet.

Seit 1968 gibt es an der Westmauer wie in orthodoxen Synagogen getrennte Bereiche für Frauen und Männer. Im Lauf der Jahre änderte sich die Höhe der Mechiza, der Trennwand: War die Absperrung früher durch eine Kette in Kniehöhe und mit israelischen Fahnen markiert, steht heute zwischen Männern und Frauen eine undurchsichtige Wand in Höhe von zwei Metern. Auch ist der Bereich für die Frauen (rechts) wesentlich kleiner als der Bereich für die Männer (links).

Israelische Feministinnen, die sich 1988 unter dem Namen »Women of the Wall« zusammengeschlossen haben, stört vor allem etwas anderes: Die 13. Richtlinie des israelischen Gesetzes zum Schutz der heiligen Stätten schreibt vor, dass man an Orten, zu denen auch die Kotel zählt, keine religiösen Handlungen vollziehen darf, die die religiösen Gefühle anderer verletzen.

In der Praxis bedeutet das, dass es Frauen verboten ist, an der Kotel laut zu beten, aus der Tora zu lesen, Torarollen an die Kotel zu bringen oder Tefillin (Gebetsriemen) und den Tallit (Gebetsschal) zu tragen, weil dies die orthodoxen Beter stört.

Rosch Chodesch Für ihre regelmäßigen Gebete zu Rosch Chodesch, dem jüdischen Monatsbeginn, »schmuggelten« die Women of the Wall dennoch immer wieder demonstrativ Torarollen an die Kotel – was zu Verhaftungen der Frauen durch die Polizei führte, aber auch zu lauten und teilweise gewalttätigen Reaktionen ultraorthodoxer Beter, die sich provoziert fühlten.

Zwar ist rechts von der Mughrabi‐Brücke (der Holzbrücke für Fußgänger, die vom Platz vor der Kotel zum Tempelberg hinaufführt), in der Nähe des Robinson‐Bogens (einer Ausgrabungsstätte im Süden der Kotel), seit dem Jahr 2000 ein gemeinsames Gebet von Männern und Frauen möglich. Doch die Women of the Wall wollten sich »nicht in eine Ecke abschieben lassen«, wie sie immer wieder betonten, sondern an der »offiziellen« Kotel beten.

Um die ständigen Auseinandersetzungen um das Gebet an der Kotel zu beenden, beauftragte Regierungschef Benjamin Netanjahu den Chef der Jewish Agency, Natan Sharansky, und den damaligen Kabinettssekretär und heutigen Generalstaatsanwalt Avichai Mandelblit, mit Vertretern des liberalen Judentums, den Women of the Wall und dem orthodoxen Rabbiner der Kotel, Shmuel Rabinovitch (dem Verantwortlichen für den gesamten Bereich der Westmauer), zu verhandeln.

Ein Jahr später, im August 2013, weihte Naftali Bennett, Vorsitzender der Partei »Jüdisches Haus«, als Minister einen provisorischen Bereich für das gemischte Gebet am Robinson‐Bogen ein.

Balkon »Die Kotel gehört allen Juden, egal, wer sie sind und welcher Strömung des Judentums sie angehören«, beschwor Bennett die Einheit des jüdischen Volkes. Doch auch mit dem »Balkon« waren die Women of the Wall nicht zufrieden. Ihre Sprecherin Hila Perl sagte am Dienstag, er sei zu klein und der Zugang zu unbequem.

Erwartungsgemäß gestalteten sich die von Sharansky betriebenen Verhandlungen äußerst zäh. Dann kam der Durchbruch: Zum ersten Mal einigten sich Liberale, Konservative, der orthodoxe Verwalter der Kotel, die Jewish Agency und die Women of the Wall Anfang 2016 auf einen gemeinsamen Aktionsplan.

Die israelische Regierung beschloss im Januar 2016, dass die temporäre Gebetsplattform am Robinson‐Bogen in der Größe verdoppelt, ausgebaut und von einem Ko‐mitee aus Reformern, Masorti‐Vertretern, zwei nichtorthodoxen Frauen, einem Vertreter der Jewish Agency und Vertretern der israelischen Regierung verwaltet wird. Außerdem sollte der egalitäre Beter‐Bereich über einen gemeinsamen Eingang zum Kotel‐Platz für alle Besucher erreichbar sein, um offiziell zu zeigen, dass Juden die Art ihres Gebets frei wählen können.

Alle hatten Zugeständnisse gemacht: Die Women of the Wall verzichteten auf das Gebet an der Hauptkotel, während der Rabbiner der Kotel, Shmuel Rabinovitch, indirekt eingestand, dass auch Liberale und Konservative ein Recht auf ihre Form des Gebets an der heiligen Stätte haben.

Doch die ultraorthodoxen Parteien schossen quer, und am Robinson‐Bogen passierte wenig – bis die Women of the Wall vor den Obersten Gerichtshof zogen, um eine Umsetzung des Regierungsbeschlusses von 2016 zu erzwingen. Die Regierung hatte bis Sonntag Zeit, um eine Reaktion einzureichen. Stattdessen revidierte das Kabinett am 25. Juni den eigenen Beschluss.

Forward Die Reaktionen fielen höchst unterschiedlich aus. Während in Israel die orthodoxe Strömung des Judentums dominiert, definieren sich in den USA nur etwa zehn Prozent aller Juden als orthodox. Vertreter des liberalen Judentums werteten das Vorgehen der israelischen Regierung als Schlag ins Gesicht – auch deshalb, weil das Kabinett am Sonntag zusätzlich das Monopol des ultraorthodox geprägten Oberrabbinats bei Konversionen stärkte. Im »Forward« (New York) schrieb Chefredakteurin Jane Eisner, mit seiner »feigen Entscheidung« zeige Netanjahu einem großen Teil der Juden in den USA »den Finger«, was deren Bindung an Israel weiter schwächen werde.

Der aschkenasisch‐orthodoxe Oberrabbiner Israels, David Lau, hingegen sagte, leider versuchten »marginale Elemente, einen Kampf um das einstige Überbleibsel des heiligen Tempels zu entfachen, der als Ergebnis grundlosen Hasses zerstört wurde«.

Minister Naftali Bennett stellte ein Video ins Internet, in dem er erklärte, er habe den »Kotel‐Deal« von 2016 zwar unterstützt – doch das Aus für den Kompromiss bedeute keineswegs ein Ende des egalitären Gebets an der heiligen Stätte.

Blogger Auch der Blogger Zev Stub verwies in der »Times of Israel« darauf, dass ein gemeinsames Gebet von Männern und Frauen auf der bisherigen Plattform jetzt schon möglich ist – auch wenn der »Balkon« nicht auf die Fläche von etwa 3000 Quadratmetern verdoppelt wird, wie 2016 beschlossen, und auch wenn kein gemeinsamer Eingang für die Kotel‐Besucher entsteht und die geplante Selbstverwaltung wegfällt.

»100.000 konservative und reformierte Beter nehmen dort jährlich an den egalitären Gottesdiensten teil«, schrieb Stub: »Heute morgen war ich um 7.45 Uhr dort und habe drei verschiedene Gruppen gesehen, die Smachot gefeiert haben.«

Eines ist sicher: Der Streit um das Gebet an der Kotel wird weitergehen. Vertreter der israelischen Regierung betonten, man suche weiterhin im Gespräch mit Juden in den USA nach einer Lösung.

Deutsche Reaktionen Für die internationale Masorti‐Bewegung teilte die Berliner Gemeinderabbinerin Gesa Ederberg mit, alle Organisationen von Masorti bedauerten das Scheitern der Vereinbarung von 2016 zutiefst und sähen dies als »erneutes Versagen der Regierung, eine Kompromisslösung einzuhalten, die aufgrund jahrelanger Verhandlungen erreicht worden war«.

Avichai Apel, Vorstandsmitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz, sagte: »Dass der traditionelle Teil der Kotel 24 Stunden am Tag von Gläubigen besetzt ist, ist bekannt. Man soll sich wahrscheinlich erst darauf konzentrieren, dass auch der neue Teil mit Leben erfüllt wird. Dann wird man sich in Zukunft bestimmt wieder zusammensetzen, um die Situation zu verbessern. Es ist keine Frage von Sieg oder Niederlage, es ist eine Frage der Realität – vor allem geht es darum, Vertrauen aufzubauen.«

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