Bo

Funke der Hoffnung

Fast schon übernatürliches Licht: Auch in Deutschland leuchtete diese Woche der Nachthimmel. Foto: picture alliance / onw-images

»Einer konnte den anderen nicht sehen, und keiner vermochte es, von seiner Stelle aufzustehen drei Tage lang. Allen Kindern Israels aber war Licht in ihren Wohnsitzen« (2. Buch Mose 10,23).

Der Wochenabschnitt Bo berichtet von den letzten der zehn Plagen, die der Ewige über Ägypten brachte, um unsere Vorfahren aus der pharaonischen Sklaverei zu befreien. Die neunte Pur’anut, das neunte Strafgericht Gottes, war »Finsternis«. Doch handelte es sich dabei, wie Tora und Tradition uns berichten, nicht um eine herkömmliche Dunkelheit, wie etwa die Nacht sie bringt, sondern um eine wundersame, intensivere Form der Umhüllung aller Sinne und des Geistes. So dicht, so fest und schwer war das drei Tage anhaltende Dunkel, dass die Ägypter sich kaum zu bewegen vermochten. Sie konnten die sie umgebende Schwärze förmlich mit den Händen greifen.

Nun hören wir in den midraschischen Auslegungen unserer Weisen von einer Meinungsverschiedenheit in Bezug auf ebendiese Finsternis (Schemot Rabba 14,2). Rabbi Jehuda bar Ilai sagte: »Die Finsternis stieg von oben, vom Himmel her auf die Ägypter hinab.« Rabbi Nechemja aber meinte, die Finsternis stamme von weit unten, aus dem Gehinom, also den düsteren unterweltlichen Gefilden.

Finsternis brach aus der Verdunkelung des Firmaments und der Himmelskörper

Die Meinung Rabbi Jehudas lässt sich recht mühelos nachvollziehen. Eben wie viele andere Plagen, etwa der Hagel, von oben auf die Ägypter hinabstürzten, so brach auch die Finsternis aus der Verdunkelung des Firmaments und der Himmelskörper über das Land herein. Doch was soll Rabbi Nechemjas Meinung bedeuten, dass die Dunkelheit aus dem Gehinom, also sinngemäß aus der »Hölle«, hinaufstieg?

Dies kann durch eine in der Gemara im Traktat Sanhedrin 65b gefundene Anekdote aufgehellt werden: Tineus Rufus, der römische Prokurator Judäas, der später eine entscheidende Rolle bei der Verfolgung der Juden unter Kaiser Hadrian spielen sollte, fragte Rabbi Akiva, was den Schabbat von anderen Tagen unterscheide.

Rabbi Akiva verwies darauf, dass, so wie der Prokonsul von seinem Herrn, dem Kaiser, erwählt und herausgehoben worden ist, auch der Schabbat erwählt und herausgehoben worden ist, jedoch von einem noch größeren Herrn. Als Tineus Rufus daraufhin seine Frage spitzzüngig abwandelt und nachbohrt, woher Rabbi Akiva denn wisse, dass ausgerechnet dieser Tag – und nicht ein anderer – der von Gott gewollte Schabbat sei, da entgegnet ihm Rabbi Akiva ebenso beißend: »Das Grab deines Vaters beweist es. Nur am Schabbat steigt aus diesem kein Rauch auf.«

Diese und ähnliche Stellen (wie etwa Pessachim 94a) deuten darauf hin, dass Rabbi Nechemja zu denjenigen Gelehrten gehörte, die den Ort, an dem nach prophetisch-talmudischer Überlieferung die Ungerechten entweder nach ihrem Tod oder am Ende der Zeiten geläutert werden, sinnbildlich mit den tieferliegenden, heißeren Schichten des Erdballs in Verbindung bringen.

Und tatsächlich finden wir ganz parallel zu der Auseinandersetzung über die Herkunft der Finsternis in Ägypten auch eine Diskussion dazu, ob das Gehinom in ferner Zukunft dadurch entstünde, dass die Erdhitze hervortrete und die Kontinentalplatten zerschmelze oder ob nicht doch viel eher die Sonne anschwelle und die Erde von oben verbrenne (Nedarim 8b, Bawa Mezia 83b, auch »Mabbul schel Esch«, Bereschit Rabba 39,6). Letztere Variante findet die Tradition im Untergang von Sodom und Amora vorgedeutet (Sohar Wajera 258), erstere aber eben in der Plage der Dunkelheit, die Ägypten heimgesucht hat.

Motive der Finsternis und des Gehinom sind in den Quellen eng miteinander verwoben

Überhaupt sind die Motive der Finsternis und des Gehinom in den Quellen eng miteinander verwoben (Schemot Rabba 14,2, Wajikra Rabba 27,1, Sohar Wajeschew 126). Doch ermöglicht das Konzept des »Gehinom von oben« auch eine überraschende Lesart von Rabbi Jehuda bar Ilais’ Meinung, die Finsternis Ägyptens sei »von oben« gekommen. Vielleicht stimmt also auch er Rabbi Nechemja zu, dass die Quelle der Dunkelheit das Gehinom war, nur eben ein geophysisch anders verortetes.

Doch kennt unsere Tradition auch psychologisierende Verständnisse des Begriffes Gehinom. Basierend auf durch hellenistisches Denken beeinflusste Vorstellungen vom Menschen als mikrokosmisches Abbild des makrokosmischen Universums (Ibn Gvirol, Rambam) existiert alles, was es in der äußeren Welt gibt, in einer ähnlichen, jedoch anderen Form auch in der inneren Welt der Kinder Adams. Demnach gibt es auch ein seelisches Gehinom. Wie ist dies aber zu verstehen?

An einer Stelle im talmudischen Literaturkorpus hören wir, dass das Gehinom ein geistiger Zustand sei, der von demjenigen Besitz ergreift, der zürnt und verzweifelt (Nedarim 22a). Die Finsternis des Gehinom steht demnach auch für eine innere Gemütsverfassung. Sie ist ein Leid des Herzens, sie ist Schwermut und Hoffnungslosigkeit. Dieser Interpretation folgend ist auch erklärbar, warum die Ägypter in der Dunkelheit erstarrten. Es war nicht allein die physische Enge, die sie bedrängte und festnagelte, sondern auch ihre seelische Schwere. Durch ihre mutlose Depression, das Absterben auch der allerletzten Zuversicht angesichts der Lage, in der sie sich befanden, wurden sie gelähmt. Alle Hoffnung auf eine positivere Zukunft hatten sie aufgegeben.

Nicht wenige der Kinder Israels hingegen erhielten sich das Licht in ihrer Mitte – und somit auch ihre geistige Beweglichkeit. So hat es das jüdische Volk in jenen Tagen im Vertrauen darauf, dass auch im Schlechten noch ein Funke des Guten glüht, verstanden, sich die Zuversicht, »Emuna« und »Bitachon«, zu bewahren. Und das trotz aller Widrigkeiten und Sorgen, trotz aller Anzeichen, dass es schlechter werden könnte. Mögen auch wir von unseren Vorfahren lernen, nicht in unseren Sorgen gefangen zu sein und unterzugehen, sondern uns trotz der weltpolitischen Situation einen Optimismus zu erhalten, der uns zum inwendigen Licht werden kann.

Der Autor ist Rabbiner in der Jüdischen Gemeinde zu Oldenburg sowie wissenschaftlicher Mitarbeiter am Abraham J. Heschel Seminar und an der School of Jewish Theology der Universität Potsdam.

inhalt
Der aktuelle Wochenabschnitt Bo schildert die letzten Plagen, mit denen Gott die Ägypter heimsucht: Das sind zunächst Heuschrecken und Dunkelheit, dann kündigen Mosche und Aharon die Tötung aller ägyptischen Erstgeborenen an. Doch das Herz des Pharaos bleibt weiter hart. Die Tora schildert die Vorbereitungen für das Pessachfest und beschreibt dann die letzte Plage: Alle Erstgeborenen Ägyptens sterben, doch die Kinder Israels bleiben verschont. Nun endlich lässt der Pharao die Israeliten ziehen. Zum Abschluss schildert der Wochenabschnitt dann erneut die Vorschriften für Pessach und die Pflicht zur Erinnerung an den Auszug aus Ägypten.
2. Buch Mose 10,1 – 13,16

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