Jubiläum

»Friedensort im wilden Berlin«

Vor 150 Jahren wurde die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums gegründet

von Michael Brenner  05.05.2022 08:33 Uhr

Das Leo-Baeck-Haus in Berlin: Im ehemaligen Gebäude der Hochschule hat heute der Zentralrat der Juden in Deutschland seinen Sitz. Foto: Marco Limberg

Vor 150 Jahren wurde die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums gegründet

von Michael Brenner  05.05.2022 08:33 Uhr

Franz Kafka war da, und Leo Baeck, und auch Regina Jonas, die erste Frau mit rabbinischer Ordination. Sie alle studierten an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, der ersten wissenschaftlichen Ausbildungsstätte für liberale Rabbiner in Deutschland.
Gegründet wurde sie am 6. Mai 1872 von den Pionieren des liberalen Judentums in Deutschland, unter ihnen Abraham Geiger und Ludwig Philippson.

Die Hochschule, die sich zeitweise auch Lehranstalt nennen musste, stand in der Tradition der zu Beginn des 19. Jahrhunderts begründeten Wissenschaft des Judentums, also der quellenkritischen Auseinandersetzung mit der jüdischen Geschichte und Kultur. Heute würde man es Judaistik oder Jüdische Studien nennen.

DISZIPLIN Von Anfang an drängten die Vertreter der neuen wissenschaftlichen Disziplin darauf, dass diese einen Platz an den deutschen Universitäten erhielt. Bereits 1838 schrieb ihr Begründer, Leopold Zunz: »Wie sehr täte die Besetzung eines Lehrstuhls für jüdische Literatur an unseren Universitäten not!«

Zehn Jahre später beantragte er die Errichtung eines Lehrstuhls für »jüdische Geschichte und Literatur der Juden aus dem Zeitraum der letzten zweitausend Jahre«. Er begründete dies damit, dass es sich um ein Gebiet handle, das an deutschen Universitäten nicht gelehrt werde, »da jüdische Wissenschaft mit den Juden in ein Ghetto verwiesen war. Das Ghetto ist gesprengt, aber die Verweisung geblieben«.

Ziel war quellenkritische Auseinandersetzung mit der jüdischen Geschichte und Kultur.

Das wissenschaftliche Ghetto sollte noch über ein Jahrhundert erhalten bleiben, denn zur Errichtung entsprechender Lehrstühle und Institute kam es an deutschen Universitäten erst in den 60er-Jahren – und zwar, nachdem das deutsche Judentum weitgehend vernichtet war. Wo konnte man also im 19. Jahrhundert das, was man später Judaistik nannte, studieren? Lediglich an theologisch orientierten Forschungseinrichtungen.

ausbildung Wenn man Christ war, dann konnte man sich an Einrichtungen mit klar missionarischem Zweck, wie etwa an Franz Delitzschs Institutum Judaicum in Leipzig und später an dem von Hermann Strack gegründeten Institut gleichen Namens in Berlin, einschreiben. Die Konversion von Juden zum Christentum als ein Ziel der Ausbildung zukünftiger Theologen wurde hier offen propagiert und konnte somit schwerlich das Wohlwollen jüdischer Wissenschaftler erregen.

Diese gründeten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihre eigenen Institutionen, die in erster Linie der Rabbiner­ausbildung dienten, aber ebenso zu Zentren wissenschaftlicher Arbeit wurden. Dem 1854 eingerichteten konservativen Jüdisch-Theologischen Seminar in Breslau folgten 1872 die liberale Hochschule für die Wissenschaft des Judentums und 1873 das orthodoxe Rabbinerseminar in Berlin. Bereits vorher waren in Padua (1829) und Metz (1830) entsprechende Einrichtungen in Italien und Frankreich etabliert worden.

Die Pioniere der Wissenschaft des Judentums weigerten sich, innerhalb dieses »neuen Ghettos der jüdischen Wissenschaft« zu wirken, und zogen diesem oftmals ein Leben als unabhängige Forscher oder Lehrer vor.

emanzipation Doch für die Ausbildung der Rabbiner im Zeitalter der Emanzipation waren die neuen wissenschaftlichen Hochschulen von entscheidender Bedeutung. Vorher waren Rabbiner an traditionellen Jeschiwot ausgebildet worden, die keine weltliche Bildung vorsahen. Nun entstand der Typ des auch in säkularen Wissenschaften gelehrten Rabbiners. In der Regel studierten die Rabbiner aller drei Rabbinerseminare auch an der Universität, wo sie promovierten. Sie wurden damit zu »Doktor-Rabbinern«.

Die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums unterschied sich schon ihrem Namen nach von den beiden anderen Rabbinerseminaren. Sie wollte ganz in der Tradition der Wissenschaft des Judentums stehen und das Quellenstudium ohne theologische Vorbehalte kritisch betreiben. Ursprünglich war geplant, allen religiösen Richtungen im Judentum sowie auch nichtjüdischen Studierenden das zu vermitteln, was die deutschen Universitäten eben nicht taten: die ganze Bandbreite jüdischer Geschichte, Kultur und Religion. In der Praxis entwickelte sich die Institution jedoch zu einem liberalen Rabbinerseminar.

In der Praxis entwickelte sich die Hochschule zu einem liberalen Rabbinerseminar.

Hier lehrten viele der Größen des Faches, unter ihnen die Philosophen Hermann Cohen (nach seiner Emeritierung an der Universität Marburg), Julius Guttmann und Max Wiener, die Historiker Ismar Elbogen und Eugen Täubler, der Bibelwissenschaftler Harry Torczyner (Naftali Herz Tur-Sinai), der klassische Literaturwissenschaftler Ernst Grumach und der führende Repräsentant des deutschen Judentums seiner Zeit, der Berliner Rabbiner Leo Baeck. Während der 20er-Jahre waren unter den Studierenden auch Gasthörer, die nicht beabsichtigten, Rabbiner zu werden, sondern mehr über das Judentum wissen wollten.

Unter ihnen war ein von Schwindsucht geplagter Prager Schriftsteller, der sich im Herbst 1923 nach Berlin zurückgezogen hatte. Franz Kafka berichtete euphorisch über die Kurse bei den Professoren Torczyner und Guttmann, die er gemeinsam mit seiner damaligen Freundin Dora Diamant besuchte. Die Hochschule sei ein »Friedensort im wilden Berlin und in den wilden Gegenden des Innern«. Er stand dem reformierten Judentum aber auch kritisch gegenüber und bemängelte zudem, dass nicht alle seiner Dozenten liberal genug gewesen seien, das unverheiratete Paar unter den Hörern zu tolerieren.

Im Jahre 1932 erreichte die Studierendenzahl mit über 150 eingeschriebenen Hörern und Hörerinnen (es gab in diesem Jahr 27 Studentinnen), darunter auch zahlreiche Gasthörer, ihren Höhepunkt. Es gab zeitweilig fünf Lehrstühle (Bibel, Talmud, Religionsphilosophie, jüdische Geschichte und Literatur, praktische Theologie und Religionsgeschichte), und neben den hauptamtlich beschäftigten Professoren wirkten Gastdozenten wie Hermann Cohen oder Leo Baeck.

DEGRADIERUNG 1934 musste sich die zwölf Jahre zuvor zur Hochschule avancierte Institution zur Lehranstalt degradieren lassen, doch sie blieb auch während des Naziterrors ein Refugium im nun wirklich wilden Berlin. Zahlreiche Gelehrte, die nicht mehr die Studenten an den deutschen Universitäten unterrichten durften, lehrten nun angehende Rabbiner. Und sogar die erste Rabbinerin, Fräulein Regina Jonas, wie sie sich nannte, erhielt 1935 ihre rabbinische Ordination.

Noch 1942 wurde an der Lehranstalt unterrichtet. Während draußen die Bomben einschlugen und die ersten Deportationszüge mit Berliner Juden nach Osten rollten, saß Leo Baeck mit einer Handvoll Studierender, unter ihnen der spätere Landesrabbiner von Baden und Hamburg, Nathan Peter Levinson, sowie der spätere Gründungsdirektor des Zentrums für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin, Herbert Strauss, in einem Klassenzimmer und lehrte den angehenden Rabbinern, wie sie zu predigen hatten.

Es war ein trauriges Bild und dennoch so etwas wie geistiger Widerstand, eine typisch jüdische Antwort auf das Unrecht. Man lernte, man blieb der jüdischen Tradition treu und ergab sich nicht dem Terror. Der Pädagoge Ernst Simon nannte es »Aufbau im Untergang«.

Hier lehrten Hermann Cohen, Harry Torczyner, Ismar Elbogen und Rabbiner Leo Baeck.

70 Jahre nach ihrer Gründung verfügte der nationalsozialistische Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung – wie er zynisch erklärte, »im Hinblick auf die Entwicklung der Aussiedlung der Juden« – die Schließung sämtlicher jüdischer Schulen in Deutschland, darunter auch des letzten bestehenden Rabbinerseminars.

kriegsjahre Rabbiner brauchte man in Deutschland nun tatsächlich nicht mehr. Leo Baeck überlebte die Kriegsjahre in Theresienstadt, Levinson gelang eine abenteuerliche Flucht über Korea und Japan nach Amerika, Strauss flüchtete 1943 über die grüne Grenze in die Schweiz. Fräulein Rabbiner Regina Jonas begegnete Leo Baeck nochmals in Theresienstadt, bevor sie, wie viele ihrer ehemaligen Kommilitonen und Lehrer, nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde.

Der Name Leo Baecks aber ist wieder mit dem Gebäude verbunden, in dem von 1907 bis zu ihrer Auflösung die Lehranstalt untergebracht war. Das Leo-Baeck-Haus in der damaligen Artilleriestraße und heutigen Tucholskystraße ist seit 1999 Sitz des Zentralrats der Juden in Deutschland. Das geistige Erbe der Hochschule wird in Potsdam weitergeführt, wo ebenfalls 1999 das erste Rabbinerseminar im Nachkriegsdeutschland begründet wurde. Es trägt den Namen des Gründers der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, Abraham Geiger.

Der Autor ist Professor für Jüdische Geschichte und Kultur.

Bechukotaj

Regen und Segen

Die Schrift lehrt: Wer die Gebote hält, wird reichlich belohnt

von Rabbiner Elischa Portnoy  27.05.2022

Talmudisches

Geteiltes Leid

Was schon die Weisen der Antike über die Psychotherapie wussten

von Diana Kaplan  27.05.2022

Pro & Contra

Sollen wir Gott, G’tt oder lieber G*tt schreiben?

»Wenn schon G’tt, dann G*tt«, meint Rabbinerin Ulrike Offenberg. Daniel Neumann findet: »Ein Genderstern? Gott behüte!«

von Daniel Neumann, Rabbinerin Ulrike Offenberg  26.05.2022

Berlin

Aufruf zur Aufklärung

Die Allgemeine Rabbinerkonferenz Deutschland nimmt Stellung zu den Vorwürfen am Abraham-Geiger-Kolleg

 24.05.2022

Konferenz der Europäischen Rabbiner

Rabbiner wollen sich Ethik-Kodex geben

Zur 32. Generalversammlung werden vom 30. Mai bis 1. Juni mehr als 200 Rabbiner aus Europa, Israel und USA erwartet

 24.05.2022

Behar

Alle 7 und alle 49 Jahre

Was die Tora über das Schmitta- und über das Joweljahr lehrt

von Rabbiner Joel Berger  20.05.2022

Talmudisches

Bärenstark

In den jüdischen Schriften steht der Bär vor allem für eines: ungebändigte Natur

von Chajm Guski  20.05.2022

Interview

»Religiosität stößt auf immer weniger Verständnis«

Rabbiner Julian-Chaim Soussan über Feiertage, Konflikte zwischen Geboten und Alltag sowie gesetzliche Regelungen

von Eugen El  20.05.2022

Bamberg

Antijüdische Statue im Dom bleibt

Die Figur der Synagoga soll mit Informationsmaterial in ihren historischen und kulturellen Kontext eingeordnet werden

von Leticia Witte  20.05.2022