Tezawe

Ewiges Licht

Bereits im Wüstenheiligtum sollten die Israeliten für eine beständige Beleuchtung sorgen

von Rabbiner Joel Berger  23.02.2024 09:14 Uhr

Ner Tamid in der Berliner Synagoge Rykestraße Foto: imago images/BRIGANI-ART

Bereits im Wüstenheiligtum sollten die Israeliten für eine beständige Beleuchtung sorgen

von Rabbiner Joel Berger  23.02.2024 09:14 Uhr

In unserer Parascha für diesen Schabbat lesen wir über die Verpflichtung, das Ner Tamid (Ewiges Licht) im Heiligtum während der Wüstenwanderung anzuzünden. So sagte Gʼtt zu Mosche: »Und du befiehl den Kindern Israels, dir reines ausgepresstes Olivenöl zur Beleuchtung zu bringen, um die Lampen beständig anzuzünden« (2. Buch Mose 27,20). Die Kommentatoren meinen, dass aus diesem »beständigen Licht« später das »Ewige Licht« im Salomonischen Tempel in Jerusalem werden sollte. Die Tora schreibt also vor, dass die Menora nur mit reinem Olivenöl entzündet werden darf.

Der Talmud sieht den Olivenbaum als Symbol eines gʼttlichen Versprechens für das Überleben des jüdischen Volkes. Rabbi Jehoschua ben Levi sagte: »Warum heißt es, dass Israel wie ein Olivenbaum ist? Um euch zu sagen: So wie die Blätter eines Olivenbaums weder im Sommer noch in der Regenzeit abfallen, so wird auch Israel niemals aufhören zu existieren, weder in dieser noch in der kommenden Welt« (Menachot 53b).

Pardes Jossef sieht unser Ner Tamid als äußeren Ausdruck eines inneren spirituellen Lichts

Andere Rabbiner wiederum haben das Licht selbst im Blick. Vor etwa 100 Jahren lebte im heutigen Polen Rabbiner Joseph Patznovski, genannt Pardes Jossef. Er sieht unser Ner Tamid als äußeren Ausdruck eines inneren spirituellen Lichts, das an künftige Generationen weitergegeben werden soll.

Ferner schreibt Rabbi Patznovski: »Jeder Jude muss in seinem eigenen Herzen ein ›Ner Tamid‹ anzünden, ein Licht für den Ewigen. Aber dieses Licht muss nicht nur im Zelt der Begegnung – in der Synagoge und im Lehrhaus – leuchten. Sondern auch außerhalb (…), das heißt, in den eigenen vier Wänden, auf der Straße und bei all unseren Unternehmungen in der realen Welt.«

Wieder andere sehen das Thema der Kontinuität in der Art und Weise aufgegriffen, wie die Lampe angezündet werden soll. Denn der Ausdruck, der die Methode beschreibt, lautet »leʼhaʼalot« und bedeutet: das Licht »aufrichten«.

Der mittelalterliche Kommentator Raschi interpretiert dies dahingehend, dass der Kohen, der Priester im Heiligtum, die Flamme so lange an den Docht halten muss, »bis die neue Flamme in der Lage ist, sich von selbst zu erheben«.

Rabbiner Samson Raphael Hirsch (1808–1888) sieht darin ein starkes Symbol für die Kontinuität durch Erziehung. Konkret bedeutet dies, dass wir die Verantwortung dafür haben, die Flamme der Tradition an die nächste Generation weiterzugeben, bis diese in der Lage ist, die Flamme selbst zu tragen. Wir dürfen die brennende Flamme erst dann zur Seite legen, wenn, wie Hirsch es ausdrückt, »der Lehrer sich selbst überflüssig gemacht hat«.

Verantwortung für die Flamme der Tradition, bis die nächste Generation die Flamme selbst trägt

Nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem im Jahr 70 n.d.Z. übernahm die Synagoge die Rolle als Trägerin des Lichts, das einst im Heiligtum brannte, und dies, obwohl die Synagoge lediglich ein Ort der Versammlung und der Lehre ist und kein Heiligtum. Die völlig andere Aufgabe und Bedeutung der Synagoge brachten es wahrscheinlich mit sich, dass diese Anordnungen der Tora, die das Licht, das Öl und den Leuchter betreffen, eine reiche symbolische Sinngebung erhalten haben.

Das älteste Symbol des jüdischen Volkes ist die Menora, der siebenarmige Leuchter. Eine Erklärung dafür ist in der besonderen Aufgabe des Gʼttesvolkes zu suchen, ein »Licht der Völker« zu sein, ein Licht des Glaubens, um ihnen die Gerechtigkeit des einzigen Gʼttes zu verkünden. Daher erscheint der siebenarmige Leuchter auch in den Synagogen als Symbol des Glaubens unseres Volkes.

Toragelehrten fiel irgendwann auf, dass unsere aktuelle Parascha der einzige Wochenabschnitt ist, in dem der Name Mosche nicht erwähnt wird. Den Grund dafür vermuten sie in den Ereignissen rund um das Goldene Kalb, den wohl schlimmsten Fall von Götzendienst. Aber sogar in diesem Moment bat Mosche um Erbarmen für sein Volk. Er gab sich selbst die Schuld für diesen Vorfall und sprach: »Und nun verzeihe ihnen ihre Sünde, wenn aber nicht, so lösche doch mich aus Deinem Buch, das Du geschrieben hat« (2. Buch Mose 32,32). Dieses Flehen Mosches wurde aber nur teilweise erhört, betonen die Kommentatoren. Sie meinten, dies könnte ein Grund dafür sein, dass Mosches Name hier nicht vorkommt.

Nicht die Person Mosches, sondern die Lehren Gʼttes, die durch Mosche offenbart wurden, stehen im Mittelpunkt des Judentums

Vergangene Woche, am siebten Tag des jüdischen Monats Adar, haben wir den Jahrestag der Geburt und des Todes von Mosche begangen. Da wir jedoch jede Art von Personenkult vermeiden, feiern wir diesen Tag nicht in pompöser oder trauernder Weise. Nicht die Person Mosches, sondern die Lehren Gʼttes, die durch Mosche offenbart wurden, stehen im Mittelpunkt des Judentums. In vielen Gemeinden ist dieser Tag traditionell das Gründungsfest der Chewra Kadischa, der Beerdigungsbruderschaft.

»Lass deinen Bruder Aharon (…) zu dir kommen, damit er mir als Priester diene« (2. Buch Mose 28,1). Mit diesen einfachen Worten kündigte der Allmächtige Mosche an, dass der Dienst im Heiligtum seinem Bruder und dessen Söhnen zufallen würde. Laut einem Midrasch soll Mosche über diese Anweisung recht traurig gewesen sein, denn er hatte gedacht, dass er selbst für das Priesteramt auserwählt wird.

Die Tora hat hier ein Beispiel gesetzt, das sich durch die gesamte alte Geschichte der Israeliten zieht: die strikte und konsequente Trennung von staatlicher Macht und den Ämtern der Kohanim (Priester).

Auch heute, da es seit fast 2000 Jahren keinen Tempel mehr gibt, sind in den jüdischen Gemeinden weltweit die Ämter und Tätigkeiten der demokratisch gewählten Gemeindevorsteher und die der Rabbiner streng voneinander getrennt. Auf diese Weise funktionieren die traditionellen Ins­titutionen bis heute und ermöglichen das Fortbestehen unserer Gemeinden.

Der Autor ist emeritierter Landesrabbiner von Württemberg.

INHALT
Der Wochenabschnitt Tezawe berichtet davon, wie den Kindern Israels aufgetragen wird, ausschließlich reines Olivenöl für das Ewige Licht, das Ner Tamid, zu verwenden. Auf Geheiß des Ewigen soll Mosche seinen Bruder Aharon und dessen Söhne Nadav, Avihu, Eleazar und Itamar zu Priestern machen. Für sie übermittelt die Parascha Bekleidungsvorschriften. In einer siebentägigen Zeremonie werden Aharon und seine Söhne in das Priesteramt eingeführt. Dazu wird Aharon angewiesen, Weihrauch auf einem Altar aus Akazienholz zu verbrennen.
2. Buch Mose 27,20 – 30,10

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