Rezension

Entwurf einer faszinierenden Frauengestalt

Foto: PR

Rezension

Entwurf einer faszinierenden Frauengestalt

Der Autorin Ilana Pardes gelingt es in ihrem neuen Buch, die zahlreichen Facetten der biblischen Ruth zu vermitteln

von Daniel Hoffmann  11.11.2022 09:26 Uhr

In der »Nachlese« ihres erstaunlichen Buches zur biblischen Figur Ruth schreibt Ilana Pardes, Professorin an der Hebräi­schen Universität von New York, Ruth habe den »Weg in die Herzen vieler hungriger Generationen gefunden«. Das trifft aber auch auf Pardes’ Buch zu, da dessen Lektüre die aktuellen Bedürfnisse nach einer zeitgemäßen Auseinandersetzung mit den grundlegenden Schriften des Judentums auf eine vorzügliche Weise zu stillen vermag.

Solche Bücher fehlten bisher auf dem deutschen Buchmarkt, der sich jahrzehntelang schwer damit getan hat, an die Tradition deutsch-jüdischer Verlage aus der Zeit vor 1933 anzuknüpfen, die ihrem Publikum die heute als klassisch geltenden jüdischen Kommentare zur hebräischen Bibel anbieten konnten. Von christlicher Seite gibt es auf dem Buchmarkt immer wieder neue Buchreihen, die sich jedem einzelnen Buch der Bibel exegetisch widmen. Es wäre zu wünschen, dass eine entsprechende Publikationsreihe mit Monografien zur Bibel aus jüdischer Perspektive in Angriff genommen wird. Pardes’ Buch würde für ein solches Projekt einen gelungenen Anfang bedeuten.

Entwurf Ilana Pardes hat ihre Biografie der Ruth für ein größeres Publikum geschrieben. Die fachwissenschaftlichen Anteile, die in den Kapiteln über den biblischen Text, seine rabbinische Rezeption in den Midraschim sowie seine Adaption in den mystischen Texten des Sohars zu finden sind, sind deshalb auch für einen Laien gut verständlich. Sie sind zudem spannend zu lesen, bieten sie doch Einblicke in die unterschiedlichen Methoden des Interpretierens der klassischen jüdischen Autoritäten, die sich durch tiefe Weisheit, aber auch durch ein schöpferisches Denken auszeichnen. Dadurch entsteht bereits in dieser ersten Phase der Rezeption der Gestalt der Ruth – trotz der Kürze des biblischen Textes – der Entwurf einer faszinierenden Frauengestalt, die im kulturellen Gedächtnis fest verankert ist.

In jedem der sechs Kapitel von Pardes’ Buch erhält Ruth durch die unterschiedlichen »Deutungsanliegen«, die an sie herangetragen werden, ein neues Leben: Für die Bibel ist sie die Migrantin, die an der Seite ihrer Schwiegermutter Noomi in die Heimat ihres verstorbenen Gatten zieht, für das rabbinische Judentum ist sie das Vorbild der Konvertitin, für die jüdischen Mystiker wird sie zum Urbild der Schechina im Exil, für die französischen Maler (beispielsweise Nicolas Poussin) bildet sie das Zentrum einer bukolischen Szene, für die Zionisten hingegen ist sie der Prototyp der Pionierin. Pardes zeigt jedoch auch Gegenbilder zu diesen in ihren Zeitaltern vorherrschenden Deutungen auf, die die schmerzliche Seite des Schicksals einer Migrantin aufweisen.

Im 20. Jahrhundert wird das Bild der biblischen Ruth durch die Erfahrungen mit dem Schicksal der Migration häufig negativ gezeichnet.

Dies geschieht zum Beispiel in einer Erzählung von S. J. Agnon »In der Mitte ihres Lebens« und in den Fotografien des Israelis Adi Nes, die mit ihren Adaptionen einen desillusionierten Blick auf das vermeintlich geglückte Leben der Ruth werfen. Vor allem im 20. Jahrhundert wird das Bild der biblischen Ruth durch die Erfahrungen mit dem Schicksal der Migration häufig negativ gezeichnet. Das gilt nicht nur für das Foto von Adi Nes, das obdachlose Frauen als Ährensammlerinnen zeigt, sondern auch für die amerikanische Sicht, die mit den Beispielen von Allen Ginsberg, Toni Morrison und dem Filmemacher Guillermo del Toro die qualvollen Erfahrungen einer Migration in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten dokumentiert.

Migration Pardes führt den Reichtum der unterschiedlichen weiblichen Erfahrungen von Migration, der sich in der biblischen Ruth findet, auf eine luzide Weise vor. Ruth, die zunächst an ihrem frühen Witwentum leidet, wird als Vorfahrin von David zu einer königlichen Gestalt, sie erhält in der Mystik göttliche Züge, die sie jedoch im Zeitalter der Säkularisierung zugunsten einer menschlichen Gestalt wieder verliert.

Im 20. Jahrhundert drängt sich aufgrund der leidvollen Geschichte der Migration erneut das Bild der Bettlerin, die auf dem Feld als Ährenleserin für sich und ihre Schwiegermutter einen kärglichen Lebensunterhalt einzuheimsen versucht, in den Vordergrund. Diese zahlreichen Facetten eines Schicksals zu vermitteln, ist das große Verdienst von Ilana Pardes.

Ilana Pardes: »Das Buch Ruth. Geschichte einer Migration«. Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, Berlin 2022, 249 S., 24 €

Antwerpen

Belgien: Empörung über Anklage gegen jüdische Beschneider

Wegen Anklagen gegen zwei jüdische Beschneider kritisieren jüdische Vertreter die belgischen Behörden scharf. Die European Jewish Association wirft der Staatsanwaltschaft vor, die Religionsfreiheit zu verletzen - Belgien weist dies zurück

von Marlene Brey  27.05.2026

Nasso

Raum für die g’ttliche Präsenz

Warum das Lesen dieses Wochenabschnitts beim Finden eines Ehepartners hilfreich sein soll

von Vyacheslav Dobrovych  24.05.2026

Essay

Erinnerungen an Schawuot in Be’eri

Unsere Autorin ist in dem Kibbuz aufgewachsen, der durch das Massaker traurige Bekanntheit erlangte. Eines der prägendsten Feste ihrer Kindheit war das Wochenfest – wird jene Freude je wieder zurückkehren?

von Eshkar Eldan Cohen  21.05.2026

Schawuot 2

Mit offener Hand

Das Gebot des Zehnten ist weit mehr als eine soziale Maßnahme. Es ist eine geistige Übung

von Rabbiner Joel Berger  21.05.2026

Jerusalem

Auf den Spuren der Pilger

Seit Januar kann man auf jener Straße gehen, auf der zu Schawuot einst Juden ihre Früchte zum Tempel brachten. Die Ausgrabungen bekräftigen religiöse Überzeugungen – und entfachen politische Konflikte

von Detlef David Kauschke  21.05.2026

Schawuot

Sei wie ein kleiner Berg

Der Ewige wählte nicht den höchsten Gipfel der Wüste Sinai für die Offenbarung der Tora. Dahinter steckt eine Botschaft

von Rabbiner Avraham Radbil  21.05.2026

Religionen

Rabbiner: Juden, Christen und Muslime können einander stärken

Der Nahostkrieg hat auch Auswirkungen auf Gesellschaften in Europa und den USA. Ein niederländischer Rabbiner schreibt, was Juden, Christen und Muslime dennoch einander bedeuten können - und welche Werte sie teilen

von Leticia Witte  21.05.2026

Interreligiöser Dialog

Evangelische Kirche und Zentralrat der Juden wollen mehr Austausch

Evangelische Kirche und Zentralrat der Juden wollen sich intensiver austauschen. Am Mittwoch kamen Delegationen in Berlin zusammen, um einen festen Turnus festzulegen

 20.05.2026

Fest

Magdeburger Synagogen-Gemeinde hat neue Torarolle eingeweiht

Mit dem Fest der Toravollendung konnte die neue Torarolle der Magdeburger Synagogen-Gemeinde eingeweiht werden. Traditionell wurden die 5 Bücher Mose von einem Sofer genannten Schreiber in Israel angefertigt

von Thomas Nawrath  20.05.2026