Rezension

Eine Liebe in »bitterböser Zeit«

»Liebes Fräulein Jonas«, schrieb Norden.

Kürzlich wurde in Berlin ein Straßenschild ausgetauscht: Die Kohlfuhrter Straße ist nun benannt nach Regina Jonas, der ersten Rabbinerin der Welt. Dass sie heute einen solchen Legendenstatus erreicht hat, war lange nicht abzusehen. Zu Lebzeiten war die junge Berlinerin im liberalen Judentum eine Pionierin, doch nach ihrer Ermordung in Auschwitz geriet sie in Vergessenheit. Als die deutsch-amerikanische Theologin Katharina von Kellenbach 1994 den Nachlass der Rabbinerin im sächsischen Coswig entdeckte, war dies eine kleine Sensation.

Regina Jonas hatte kurz vor ihrer Deportation Dokumente ihres außergewöhnlichen Werdegangs zur Verwahrung an die Gemeinde gegeben: Insbesondere ihre Abschlussarbeit über die Frage, ob eine Frau das rabbinische Amt bekleiden könne, und die Ordinationsurkunde von Rabbiner Max Dienemann zeugen von ihrem Durchbruch. Es war die deutsche Rabbinerin Elisa Klapheck, die sich zuerst vollumfänglich diesem Nachlass widmete und 1999 eine Biografie verfasste.

Doch eine Mappe in dem Nachlass ließ Elisa Klapheck seinerzeit beinahe unberührt. Der damalige Leiter des Archivs des Centrum Judaicum, Hermann Simon, hatte zuvor sogar gezögert, sie ihr überhaupt auszuhändigen. Denn sie enthielt keine Zeugnisse von Jonas’ rabbinischem Talent, sondern gab vielmehr einen Einblick in ihr Privatleben. Es waren Liebesbriefe an Regina Jonas. Und so lautet auch der Titel des Sammelbandes, den Elisa Klapheck gemeinsam mit Ulrike Schrader herausgegeben hat.

Autor der Briefe ist ein gewisser Joseph Norden, ein angesehener Reformrabbiner, der in Hamburg wirkte, die 32 Jahre jüngere Kollegin in Berlin zunächst von Weitem bewunderte, dann kennenlernte und sich verliebte – doch nie bereit war, sie zu heiraten. Dass Rabbinerin Jonas daran durchaus Interesse hatte, erfährt der Leser nur durch seine Anmerkungen – denn ihre Briefe sind in der Schoa verloren gegangen. So eröffnet der Band zwar einen völlig neuen Blick auf ihre Person, doch nie auf ihre Seite der Geschichte.

Kann man die Briefe ohne die Antworten der Geliebten verstehen? Waren sie überhaupt für die Öffentlichkeit bestimmt? Oder hoffte Jonas, das Lager zu überleben, nach Berlin zurückzukehren, und die intimen Erinnerungen wieder an sich zu nehmen? In einem klugen Vorwort erörtert Klapheck ihre Zweifel, die Liebesbriefe zu publizieren.

Ihr half, dass Jonas scheinbar bereits selbst ihre eigene Grenze gezogen hatte: Manche Briefe riss sie ab, Behauptungen Nordens über ausgetauschte Zärtlichkeiten dementierte sie in eigenen Notizen auf dem Papier – schließlich war für die fromme Rabbinerin eine körperliche Bindung vor der Heirat tabu. Die Beziehung beinhaltete Konflikte, die Jonas scheinbar absolut nicht teilen wollte. Doch das, was sie hinterließ, hat Elisa Klapheck veröffentlicht.

Der Band gibt einen einzigartigen Einblick in das Leben und Lieben zweier Rabbiner während der Nazizeit.

Man muss ihr für diese Entscheidung danken. Denn der Band gibt einen einzigartigen Einblick in das Leben und Lieben zweier Rabbiner während der Nazizeit. Die beiden Seelsorger lernten sich 1939 kennen und entschieden sich dafür, bei ihren Gemeinden zu bleiben, statt zu fliehen. Noch in Theresienstadt hielt Regina Jonas Predigten. Die Kraft, weiterzumachen, fand das Paar auch aneinander. »Unsere Liebe muss uns Trost geben in bitterböser Zeit«, schreibt Norden an Jonas.

Oft ist das Vorgehen der Nazis nur angedeutet: Es war zu gefährlich, konkret darüber zu schreiben. Und doch ergeben gerade diese Lücken ein eindringliches Bild. Nach dem einordnenden Vorwort von Rabbinerin Klapheck entdeckt der Leser die originalen Briefe und Postkarten zunächst auf Fotografien, die Briefmarken mit Hitler im Profil, Nordens enge Handschrift. Das abgerissene, alte Papier seiner letzten, schnellen Mitteilung an Jonas, kurz vor der Deportation. Die Liebesbeziehung wird greifbar, ganz nah.

Anschließend sind die Briefe jeweils in Druckschrift transkribiert, in Fußnoten werden Referenzen erklärt, hebräische Begriffe übersetzt, biblische Liebkosungen, mit denen Norden seine Regina adressierte: »kelilat jofi«, nennt er sie einmal, der Schönheit Vollendung.

So wird aus einem Archivfund eine anschauliche Schriftenreihe, die einem breiten Publikum das Gefühlsleben zweier Menschen zugänglich macht. Und eine Erinnerung an eine widerständige Liebe hochhält, die die Nazis auslöschen wollten.

Joseph Norden: »Liebesbriefe an Regina Jonas«. Herausgegeben von Elisa Klapheck und Ulrike Schrader. Hentrich & Hentrich, Berlin 2024, 196 S., 20 €

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