Religionswissenschaft

Die Macht des Mythos

Als besonders fatal für die Juden in der christlichen Welt erwies sich die Figur des Judas. Foto: PR

Religionswissenschaft

Die Macht des Mythos

Der britische Wissenschaftler Hyam Maccoby sieht die Judaslegende als Treiber des Judenhasses bis in die moderne Zeit

von Gunnar Mokosch  03.12.2020 08:12 Uhr

Was sind die Wurzeln des Antisemitismus, und wie bekämpfen wir ihn wirksam? Der britische Judaist Hyam Maccoby verschreibt uns ein »Eintauchen in die Mythenwelt der westlichen Kultur«.

Eine solche Auseinandersetzung sei »weitaus wichtiger als der rationalistische Diskurs über die Ursachen oder Übel des Antisemitismus«. Fremdenhass oder wirtschaftliche Faktoren verblassten im Vergleich zur Macht des Mythos.

Judas Als besonders fatal für die Juden in der christlichen Welt erwies sich die Figur des Judas. In Maccobys Darstellung erforderte die paulinische Doktrin von Sühne und Erlösung nicht nur ein Opfer in Form der Kreuzigung Jesu. Es brauchte auch einen »Heiligen Henker«, der die böse, aber notwendige Tat vollzieht.

Die Evangelisten machten den Apostel Judas Ischariot zu dieser zugleich Hass und Ehrfurcht einflößenden Figur. So wurde aus Judas der Archetyp des Verrats, des Geizes und des Bösen schlechthin, zunächst in der Theologie, später in Kunst und Kultur.

Er geriet auch zum Stellvertreter für das ganze jüdische Volk und ebnete damit den Weg für dessen traditionelle Rolle als gesellschaftlicher Sündenbock. Die Säkularisierung des Westens änderte für Maccoby wenig an der verhängnisvollen Wirkung der Judaslegende. Im Gegenteil, die Verdrängung eines Mythos ins kollektive Unbewusste kann ihn umso potenter machen.

Lehrer Die logische Schlussfolgerung ist die Notwendigkeit der Mythenkritik. Doch reiche es nicht aus, »das Bild von Judas Ischariot von bösen Geistern zu befreien und die Ehre des Namens ›Judas‹ wiederherzustellen«. Vielmehr sei »die richtige und einzige dauerhafte Lösung für das Problem des Antisemitismus (…), den paulinischen christlichen Mythos der Sühne zu demontieren«. Jesus sollte also »als Lehrer verehrt anstatt als Opfer angebetet« werden. »Denn dann müssen die Juden nicht mehr als seine Henker fungieren und für die Erlösung als unverzichtbar gelten – und dafür umso mehr gehasst werden.«

Hyam Maccoby (1924–2004) schreckte vor kontroversen Thesen zu den vormodernen Quellen des Antisemitismus nicht zurück. Sein im Original bereits 1992 erschienenes Werk über die Judaslegende bildet den Abschluss einer Trilogie von Übersetzungen ins Deutsche, die bei Hentrich & Hentrich vorliegen. In Ein Pariavolk, dessen Original auf das Buch über Judas folgte, erklärte Maccoby die Juden zu einer stigmatisierten Kaste ähnlich den Unberührbaren im Hinduismus. In Der Antisemitismus und die Moderne betonte er den »überwältigenden Hass« auf die Juden – eine Folge religiöser Konkurrenz – als letztendliche Ursache des Holocaust.

Neues Testament Auch in Judas Ischariot zieht er eine Linie vom Neuen Testament nach Auschwitz. Nicht alle Leser werden eine solch gerade Linie ziehen wollen. Maccobys Demonstration des Einflusses der Judaslegende auf den Antisemitismus der vergangenen zwei Jahrhunderte fällt knapp aus und dreht sich um die Dreyfus-Affäre. Doch ist die schädliche Wirkung der Legende quer durch die abendländische Geschichte unumstritten.

Der wichtigste Beitrag des Buches ist die akribische historische Nachzeichnung der Fabel, von den Paulusbriefen und den Evangelien über die mittelalterlichen Passions-spiele und die Fresken Giottos bis zu Shakespeares Stücken. Mithin stellt Maccoby anschaulich dar, was Hans Blumenberg die »Arbeit am Mythos« nannte. Blumenberg sah einen geistesgeschichtlichen Gegensatz zwischen dem wandlungsfähigen Mythos und dem starren christlichen Dogma. Maccoby legt überzeugend dar, wie die Judaslegende eine Brücke zwischen Mythos und Dogma schlug.
Über das Ziel hinaus schießt er in seinem Bemühen, den historischen Judas zu rekonstruieren.

Römer Anstelle des Verräters aus der Legende, so Maccoby, war der tatsächliche Judas ein Bruder Jesu und dessen Mitstreiter im Freiheitskampf gegen die Römer, den man in der Bewegung sogar als Prinz aus dem Hause Davids ansah.

Maccobys Spekulationen fußen auf allzu dünner historischer Beweislage und fanden unter Spezialisten wenig Anklang. Sein Hauptanliegen schmälert das nur wenig. Judas Ischariot ist eine gewinnbringende Lektüre für all jene, die hinter der Verteufelung der Juden mehr als nur handfeste Interessen oder die identitätsstiftende Abweisung der »Anderen« vermuten.

Hyam Maccoby: »Judas Ischariot und der Mythos vom jüdischen Übel«. Hentrich & Hentrich, Leipzig 2020, 224 S., 24,90 €

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