Jom Kippur

Die letzte Vorlesung

Am 18. September 2007 hält Randy Pausch, Professor für Computerwissenschaft, an der Carnegie-Universität eine Rede, die als »die letzte Vorlesung« bekannt wird. Es ist akademischer Brauch, dass Professoren gebeten werden, bei ihrem Rücktritt mitzuteilen, was ihnen am meisten am Herzen liegt. In seinem Fall allerdings endete nicht nur sein Lehrauftrag. Randy hatte erfahren, dass er an Krebs erkrankt war und dass dies tatsächlich die letzte Vorlesung seines Lebens sein würde.

Im voll besetzten Hörsaal spricht Professor Pausch davon, wie man ein erfülltes Leben lebt. Er skizziert seine Vorstellung von Aufrichtigkeit, Integrität, Dankbarkeit und anderen Dingen, die ihm in seinem Leben wichtig waren. Am Schluss sagt er seinen 400 Zuhörern, dass dieser Vortrag eigentlich für seine drei Kinder – sechs und drei Jahre sowie 18 Monate alt – gedacht ist, die ihren tödlich erkrankten Vater bald nicht mehr sehen würden.

Am 25. Juli 2008 erliegt Randy seiner Krankheit. Er stirbt zu Hause in Virginia im Alter von 47 Jahren. Seine Kinder werden sich nun an seine »letzte Vorlesung« halten, um von seiner Liebe zu ihrer Mutter und zu ihnen zu erfahren, um die Leidenschaft und die Träume ihres Vaters zu entdecken.

Jiskor An Jom Kippur werden wir aufgerufen, unsere eigene letzte Vorlesung zu halten. Natürlich hoffen und beten wir für ein langes Leben. Gleichwohl ist es am heiligsten Tag des Jahres an uns, das zu artikulieren, was für uns von Bedeutung ist. Welches ist unsere Vision eines gut gelebten Lebens? Welche Weisheiten würden wir unseren Kindern hinterlassen, wenn wir wüssten, dass dies unsere letzte Chance ist? Vielleicht passt es zu einem solchen Tag, sich unsere Lieben vorzustellen, derer wir beim Jiskor zu Jom Kippur gedenken. Was hätten sie uns wohl bei ihrem letzten Vortrag gesagt?

Ich höre die Botschaften: Mein liebes Kind, hätten sie wohl gesagt, wichtig ist, zu sein, wofür man einsteht. Und dann denke an die Macht einer Tat. Wir können die Welt nicht sofort »reparieren«. Aber wir können sie heilen, einen Menschen nach dem anderen, eine Tat nach der anderen. Eine Mizwa, sagt Maimonides, kann die Welt verändern. Ein einziges Leben, sagen unsere Weisen, ist wie eine Welt. Rette ein Leben, und du rettest eine Welt. Verändere ein Leben, und du beginnst, die Welt zu verändern.

rETTUNG Man erzählt sich die Geschichte eines Mannes, der einen Jugendlichen aus einem brennenden Haus rettet. Der Junge will sich später für diese mutige Tat bedanken. »Sie brauchen mir nicht zu danken«, sagt der Mann, »ich habe nur meine Pflicht getan.« »Bitte! Ich möchte Ihnen Geld geben. Mein Vater ist ein reicher Mann.« Der Mann lehnt ab. »Wie kann ich mich dann erkenntlich zeigen?«, fragt der Jugendliche erneut. Der Mann schaut dem jungen Mann tief in die Augen und sagt: »Sie können mir danken, indem sie ein Leben führen, welches es wert war, gerettet zu werden.«

Jiskor ist nicht nur ein Gebet, um unserer Lieben zu gedenken. Jiskor ist auch ein Moment, an dem wir uns verpflichten, ein erinnerungswürdiges Leben zu leben.

Fragen Ich muss jeden Abend in der Lage sein, mich im Spiegel anzusehen, wenn ich mir folgende Fragen stelle: »War dies ein erinnerungswürdiger Tag? War dies ein Tag, an dem ich mich auf meine eigenen Bedürfnisse konzentriert habe, oder habe ich heute als Botschafter des Göttlichen gedient?«

Die besten Fragen sind die kurzen. Welches ist wohl die kürzeste Frage in der Tora? Es ist G’ttes erste Frage in der Bibel, und sie besteht aus einem einzigen Wort! Adam und Eva hatten gerade Früchte vom verbotenen Baum gegessen und versteck-
ten sich, daraufhin rief G’tt zu Adam: »Ajeka?«. Wo bist du?

Sinngemäß bedeutet es: Wo stehst du in deiner Welt? So viele Jahre, die dir zugedacht wurden, sind vergangen, wie weit bist du gekommen? Ich habe dir eine Welt gegeben, ich habe dir ein Leben gegeben, eine Familie, Geld und Talente, nutzt du sie, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen? In diesem Sinne würden unsere Lieben vielleicht sagen: Mein Kind, nutze dein Leben, lasse die Seiten deines Buches nicht leer.

Identität Welches Buch gemeint ist? Dieses Buch – wir nennen es die Tora – enthält das Wissen darüber, was wir sind. Aus diesem Grund haben die Nazis immer darauf geachtet, wenn sie in eine Stadt einmarschierten, immer zuerst die Torarollen zu verbrennen. Denn sie wussten, dass in diesem Buch das Geheimnis jüdischer Identität enthalten ist. Umso mehr schmerzt es, zu sehen, wie viele jüdische hochintelligente Menschen an Jom Kippur das Buch kurz zur Hand nehmen, um es dann für ein weiteres Jahr zur Seite zu legen. Nicht in böser Absicht. Vielmehr hatten viele nie zuvor die Gelegenheit, festzustellen, dass sie Zugang zu diesem Buch haben. 4.000 Jahre unglaublicher Weisheit bleiben damit so vielen wunderbaren Menschen verborgen.

Aber wir können beginnen, das zu ändern. Jeder von uns hat ein paar Bücher auf seinem Lesestapel. Warum fügen wir nicht unser eigenes Buch hinzu? Dieses Buch wird uns helfen, die eigene Identität zu verstehen. Vielleicht kann jeder von uns damit beginnen, vor dem Schlafengehen ein klein bisschen aus der Tora zu lesen, die Geschichte kennenzulernen und Fragen zu stellen. Dann können wir unsere eigene Seite dem Buch hinzufügen und es an unsere Kinder weitergeben, damit sie ihre Seite schreiben können.

Ziel Eine der berühmtesten olympischen Geschichten geschah 1968 in Mexico City. John Akhwari aus Tansania begann den olympischen Marathonlauf mit anderen Läufern, beendete ihn aber allein. Leicht verletzt, humpelnd und völlig erschöpft lief Akhwari langsam ins Stadion, in dem nur noch wenige Zuschauer ausgeharrt hatten. Als er später gefragt wurde, warum er sich dieser Mühe unterzogen hatte, antwortete der überraschte Athlet: »Mein Land hat mich nicht 7.000 Kilometer hierher geschickt, um diesen Lauf zu beginnen. Sie haben mich so weit geschickt, damit ich dieses Rennen zu Ende laufe.«

Unsere Vorfahren haben uns 4.000 Jahre Geschichte als Geschenk mitgegeben. Sie haben uns losgeschickt, damit wir ans Ziel kommen. Wir erreichen es, wenn wir uns klarmachen, was es bedeutet, Jude zu sein.

Das bedeutet, sich selbst die Frage »Ajeka?« zu stellen. Lebe ich ein erinnerungswürdiges Leben? Lebe ich ein Leben, welches es wert ist, gerettet zu werden? Jude zu sein bedeutet zu wissen, dass jede gute Tat von Bedeutung ist. Weil ich ein Verbindungsglied zwischen dem Himmel und der Erde bin, sind meine Taten von großer Bedeutung. Jude zu sein bedeutet, an die endlosen Möglichkeiten jeder menschlichen Seele zu glauben und an die Fähigkeit, immer wieder von Neuem anzufangen. Jude zu sein heißt, sein Kapitel in der ewigen Rolle der Tora zu schreiben und diese den Liebsten weiterzureichen.

Nehmen wir das Buch, lernen, verstehen und lieben wir es. Tragen wir es, und es wird uns tragen. Geben wir es an die Kinder weiter. Sagen wir ihnen in unserer letzten Vorlesung, dass wir Mitglieder des Ewigen Volkes sind, dass jeder Einzelne von uns ein Buchstabe in der Tora ist. Lassens wir deren Ewigkeit in uns weiter leben.

Der Autor ist Direktor des Jüdischen Bildungszentrums Berlin.

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