Elisa Klapheck

»Die Homolka-Ära muss jetzt wirklich vorbei sein«

Rabbinerin Elisa Klapheck Foto: TR

Elisa Klapheck

»Die Homolka-Ära muss jetzt wirklich vorbei sein«

Die neue Vorsitzende der Allgemeinen Rabbinerkonferenz über ihre zukünftigen Aufgaben und das Abraham Geiger Kolleg

von Ayala Goldmann  06.07.2023 20:39 Uhr

Frau Klapheck, Sie sind neue Vorsitzende der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK). Hatten Sie mit dieser Wahl gerechnet?
Es hat etwas gedauert, bis ich mich zur Kandidatur durchgerungen hatte. Aber dann wollte ich mitwirken, einen Vorstand zu bilden, der in einer Situation des Übergangs die Kräfte zusammenbringt. Die Homolka-Ära muss jetzt wirklich vorbei sein, und das muss auch personell deutlich werden. Ich denke, die ARK brauchte ein neues Zeichen, um den nötigen Wandel in die Wege zu leiten. Wir müssen das Thema Machtmissbrauch aufarbeiten und verstehen, wie es zu so einem System kommen konnte – aber nicht, indem wir die Zerwürfnisse vertiefen und noch mehr Schmerz erzeugen. Dafür verwende ich das Wort Teschuwa, Umkehr. Diejenigen, die zu Homolkas Anhängern gehörten, sollen verstehen, wie sie zu einem Teil dieses Systems werden konnten, aber dass dieses System aufhören muss, damit wir jetzt gemeinsam vorankommen können.

Der neue Vorstand steht für Wandel, aber auch für Kontinuität. Ihr erster Stellvertreter ist der frühere ARK-Vorsitzende Rabbiner Andreas Nachama, zweiter Stellvertreter der neue Militärrabbiner Nils Ederberg.
Kontinuität ist für mich ein Vorteil. Ich könnte nicht allein oder mit Leuten, die bislang nicht involviert waren, diesen Neuanfang gestalten. Es gibt zum Beispiel im Moment Verhandlungen zwischen dem Abraham Geiger Kolleg und dem Zentralrat der Juden. Es ist sehr wichtig, dass nicht nur, wie in der Vergangenheit, Andreas Nachama, der ja für das Abraham Geiger Kolleg mitverhandelt, bei den Verhandlungen vertreten ist, sondern auch die ARK als solche repräsentiert ist und sich etwa am Curriculum für die Rabbinatsausbildung beteiligt. Der Wandel soll keinen Bruch bedeuten, sondern ein Einbeziehen der konstruktiven Kräfte. Diese wurden in der Vergangenheit zu stark ausgegrenzt, was zum System Homolka gehörte. Mit Nils Ederberg ist im ARK-Vorstand jetzt auch das Militärrabbinat vertreten, das in die Gesellschaft hineinwirkt, außerdem gehört er der Masorti-Bewegung an. Ich wiederum bin Vorstandsmitglied des Jüdischen Liberal-Egalitären Verbands JLEV – somit sind die verschiedenen nichtorthodoxen Ausrichtungen des Judentums repräsentiert.

Welche dringlichsten Aufgaben hat die ARK in Zeiten sinkender Mitgliederzahlen in den Gemeinden?
Wir sollten in erster Linie ein Gremium von guten Rabbinerinnen und Rabbinern sein und sie dahingehend empowern, ihre rabbinischen Aufgaben in den Gemeinden zu erfüllen, und dabei überzeugend das liberale und nichtorthodoxe Judentum verkörpern. Wir sollten stärker mit rabbinischen Stellungnahmen zu jüdischen und gesellschaftlichen Themen auffallen. Der beste Kampf gegen Antisemitismus ist eine starke Demokratie. Wir sollten verstehen, dass das Judentum seit dem Auszug aus Ägypten für Freiheit, Demokratie und den Rechtsstaat ist. Wir sollten die heutige jüdische Realität in Deutschland beherzter angehen, inklusiv sein, den patrilinearen Juden die Brücke ins Judentum schlagen, für gemischte Partnerschaften jüdische Möglichkeiten schaffen, eine jüdische Willkommenskultur pflegen. Mir persönlich ist es vor allem wichtig, der jüngeren Generation Gehör zu verschaffen. Ich bin positiv überrascht, dass es eine jüngere Generation an Rabbinerinnen und Rabbinern gibt, die bereit sind, die jüdische Religion weiterzutragen. Letztlich war sie es, die mich motiviert hat zu kandidieren. Wir sind noch lange nicht am Ende.

Von Angeboten an patrilineare Juden ist immer wieder die Rede, auch bei Orthodoxen. Was bieten Sie außer Absichtserklärungen?
Wir haben nicht nur einen neuen Vorstand gewählt, sondern mit Rabbiner Jonah Sievers auch den Organisator für das Beit Din der ARK in Berlin. Mit ihm haben wir einen Rabbiner, der das Anliegen patrilinearer Juden unterstützt, und auch ich werde mich dafür starkmachen. In Frankfurt am Main war es in meinem egalitären Minjan die ganze Zeit Usus, patrilinearen Juden einen Giur zu ermöglichen. Ich hoffe, dass diese Einstellung sich allgemein durchsetzt und die entsprechenden Giur-Kurse bereitgestellt werden. Dafür stehe ich ein.

Mit der neuen ARK-Vorsitzenden und Rabbinerin der liberalen Synagogengemeinschaft »Egalitärer Minjan« in der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main sprach Ayala Goldmann.

Warschau

Absage an Antisemitismus: Polnische Bischöfe besuchen Synagogen

Vor 40 Jahren umarmte Papst Johannes Paul II. in Roms Hauptsynagoge den dortigen Oberrabbiner. In Polen erinnern nun Bischöfe an diesen Meilenstein in den katholisch-jüdischen Beziehungen. Es gibt aber auch Misstöne

von Oliver Hinz  14.04.2026

Video

Pessach verstehen: Bedeutung, Bräuche und Traditionen

Rabbiner Dovid Gernetz erläutert die religiöse und historische Bedeutung von Pessach

von Jan Feldmann  01.04.2026

Chol HaMoed

Warum der Esel?

Das Grautier steht in der biblischen Geschichte für die Kraft, die den Menschen an seine niederen körperlichen Bedürfnisse bindet

von Vyacheslav Dobrovych  01.04.2026

Schemini

Fremdes Feuer

Wer mehr tut als geboten, läuft Gefahr, dass Frömmigkeit zur Selbstdarstellung wird

von Rabbiner Bryan Weisz  01.04.2026

Meinung

Hauptsache, Israel steht am Pranger!

Palmsonntag in Jerusalem und auf Social Media: Ein Rückblick

von Wolf J. Reuter  01.04.2026

Mascha Malburg

Jerusalem ist allen heilig

Regelmäßig knirscht es vor Ostern zwischen Christen und den israelischen Behörden. Unsere Redakteurin wünscht sich nach dem neuesten Vorfall an der Grabeskirche mehr gegenseitiges Verständnis

von Mascha Malburg  31.03.2026

Psychologie

Mizrajim ist wie die Enge in der Brust

Aus chassidischer Sicht geht es an Pessach nicht darum, der Bitterkeit schnellstmöglich zu entfliehen. Wir müssen sie durchleben

von Rabbiner David Kraus  31.03.2026

Exodus

Türen öffnen, Freiheiten erobern

Der Auszug aus Ägypten ist ein Appell, den Mut zu haben, uns der Welt zuzuwenden – auch wenn sie noch so bedrohlich erscheint

von Shoshana Ruerup  31.03.2026

Essay

Das fünfte Glas

Beim Seder füllen wir voller Hoffnung einen Becher Wein für Elijahu – doch er bleibt unberührt. Es ist eine Geduldsprobe, ein ritualisiertes Sehnen. Wir wissen: Seine Zeit wird kommen

von Rabbiner Noam Hertig  31.03.2026