Purim

Die geniale Königin

Kluge Beobachterin: Israelin in den Straßen von Netanja als Königin Esther verkleidet zu Purim Foto: Getty Images

Purim

Die geniale Königin

Ein Detail in der Megilla verrät, wie gekonnt Esther ihren Mann Ahasveros gegen Haman aufbrachte, um ihr Volk zu retten

von Rabbiner Yehuda Teichtal  26.02.2026 14:44 Uhr

Nach vielen Jahren mit Purim-Spielen und Megilla-Lesungen sind die meisten von uns wahrscheinlich mit den grundlegenden Details der Geschichte vertraut: Haman plant, die Juden zu töten; nachdem Mordechai von Hamans Plan erfahren hat, bittet er seine Cousine Esther, die Juden zu retten; Esther erhält eine Audienz beim König, lädt ihn und Haman zu einem Festmahl ein, dann zu einem zweiten, bei dem sie dem König offenbart, dass es ihr eigenes Volk ist, das Haman zu töten versucht; Haman wird gehängt; wir feiern.

Um Esthers Weisheit zu würdigen, wollen wir über eine offensichtliche Frage in der Purim-Geschichte nachdenken. Warum hat Esther zwei Feste veranstaltet? Bei der ersten Feier, die sie für Ahasveros und Haman gab, passierte doch erst mal nichts, das den Lauf der Geschichte veränderte – sie hat lediglich einen Termin für ihr nächstes Treffen festgelegt!

Etwas sagt uns, dass dies nicht nur ein billiger Trick ist, um die Spannung in dieser Geschichte zu steigern. Aber was hätte Esther durch die Ausrichtung von zwei Festmahlen gewinnen können? Warum konnte sie nicht einfach offen sein und dem König ihre Bitte beim ersten Mahl vortragen? Und hatte sie keine Angst, den König zu verärgern, indem sie ihn in der Schwebe hielt?

Bemerkenswerterweise wird die Frage nach der Notwendigkeit von zwei Festen durch eine winzige Abweichung im Wortlaut der Megilla beantwortet. Als Esther das erste Mal ihre Einladung an den König und Haman ausspricht, handelt es sich um ein Festmahl, das sie für ihn vorbereitet hat; die zweite Einladung gilt einem Festmahl, das sie für sie beide vorbereiten wird. Solche Nuancen in der hebräischen Bibel enthalten oft die Essenz einer Erzählung.

Um die Bedeutung von Esthers sehr bewusst unterschiedlich formulierten Einladungen zu verstehen, ist es entscheidend, die Dynamik und die Spannungen zwischen diesen drei Protagonisten – Esther, Ahasveros und Haman – zu beleuchten.

Ahasveros litt unter Paranoia. Esther wusste dies geschickt für ihr Volk zu nutzen.

Ahasveros war ein Mann, der unter starker Paranoia litt. Werfen wir einen Blick auf das erste Kapitel der Megilla und die ausschweifende Beschreibung des pompösen Banketts des persischen Monarchen: 187 Tage! Dieser König versucht verzweifelt, sich die Loyalität und Liebe seines Volkes zu erkaufen. Unsicher in seiner Position, will er seine Untertanen für sich gewinnen. Darüber hinaus sind diejenigen, die am eifrigsten ihren Reichtum und ihre Macht demonstrieren wollen, oft diejenigen, die sich damit am wenigsten wohlfühlen. Ahasveros’ Prahlerei war lediglich eine Maske für sein verzweifeltes Bedürfnis nach Anerkennung.

Vor diesem Hintergrund können wir auch sein Verhalten gegenüber Waschti verstehen, seiner ersten Frau. Als sie sich weigert, zu erscheinen, lässt er sie auf Vorschlag eines Beraters töten. Zwar wurde Königinnen zu jener Zeit nicht der größte Respekt entgegengebracht, doch erscheint diese gewalttätige Reaktion besonders sinnlos. Die Rabbiner bezeichneten Ahasveros daher spöttisch als »einen Trottel, der seine Frau wegen seines Freundes tötete und später seinen Freund wegen seiner Frau tötete«. In seiner Unsicherheit war der Widerspruch seiner Frau für ihn unerträglich.

Haman taucht zum ersten Mal im dritten Kapitel der Megilla auf, unmittelbar nachdem die Episode von Waschtis Hinrichtung mit Esthers Krönung zur Königin abgeschlossen ist: »Nach diesen Ereignissen beförderte König Ahasveros Haman.« Doch welche Ereignisse sind hier gemeint?

Tatsächlich war laut dem Talmud der Berater, der Ahasveros die Hinrichtung von Waschti vorschlug, kein anderer als Haman selbst. Haman agierte von Beginn an hinter den Kulissen. Indem er mit den Ängsten des Königs spielte, stellte er Waschti geschickt als existenzielle Bedrohung für dessen Herrschaft dar. Doch was war sein Motiv? So wie Waschtis königliche Abstammung und Durchsetzungskraft die Autorität ihres Mannes beeinträchtigten, sah Haman in ihr eine Bedrohung für seinen eigenen Einfluss auf den Thron. Solange Waschti da war, hatte jemand anderes das »Ohr« des Königs. Mit Waschtis Verschwinden war die letzte Person mit eigenständigem Einfluss beseitigt. Nun bot sich Haman die Gelegenheit, unbegrenzten Einfluss auf den König auszuüben und enorme Macht zu erlangen.

Haman konstruierte in der Vorstellung des Königs Gefahren, die in jedem Winkel seines Reiches auf ihn lauerten. Er sorgte dafür, dass Ahasveros zu dem Schluss kam, er könne ohne Haman jeden Tag ermordet werden. So wurde er in den Augen des Königs zu seinem wichtigsten Beschützer und vertrauenswürdigsten Gefolgsmann.

Danach war es ein Kinderspiel, den König dazu zu bringen, seinen mörderischen Plänen gegen die Juden zuzustimmen. Haman unterstellte, dass die Juden die Autorität des Königs missachteten, sodass sie eine Rebellion auslösen könnten. Da sie ein einziges Volk seien und überall verstreut lebten, würde es sich um einen Aufstand handeln, der sich über das gesamte Reich ausbreiten würde. Der paranoide Ahasveros stürzte sich kopfüber in Hamans bösartigen Plan. An diesem Punkt der Purim-Geschichte scheint Hamans Plan unaufhaltsam zu sein: Sein Einflussbereich wächst ungehindert, der König traut ihm allein.

Doch Haman übersieht etwas. Die letzte Person, die Haman verdächtigen würde, ist Esther. Sie ist ruhig, bescheiden und zurückhaltend. Sie kümmert sich um ihre eigenen Angelegenheiten und scheint keine Bedrohung für Haman darzustellen. Sie ist die »First Lady«, die sich mehr für Mode als für Politik zu interessieren scheint. Er ahnt nicht, wie tiefgründig, weise, brillant einfallsreich eine jüdische Frau sein kann.

Esther versteht den paranoiden Tyrannen, mit dem sie es zu tun hatte, nur zu gut. Denn wer kennt die Unsicherheiten eines Ehemanns besser als seine Frau? Als Mordechai sie zum ersten Mal bittet, König Ahasveros anzuflehen und für ihr Volk zu bitten, zögert sie.

Warum? Für Ahasveros gab es nichts Wichtigeres, als seine eigene Autorität und Sicherheit zu gewährleisten. Er war unbegründet misstrauisch gegenüber allen und jedem. Er wurde von einem einzigen Motiv getrieben – seiner Angst, die Macht zu verlieren. Esther verstand, dass er daher gegenüber allen anderen Anliegen gleichgültig sein würde. Wenn Haman recht hatte und die Juden eine Bedrohung darstellten, würde ihn nichts davon abhalten, seine angeblichen Feinde vollständig zu vernichten.

Wenn Esther zu sehr versucht hätte, die Entscheidung von Ahasveros offen zu beeinflussen oder sogar infrage zu stellen, hätte auch sie getötet werden können. Mit einer offenen Verunglimpfung von Haman wäre sie zur nächsten »Staatsfeindin« geworden – genau wie einst Waschti. Esther musste also mit den Ängsten ihres Mannes arbeiten und ihm beweisen, dass die größte und gefährlichste Bedrohung für den König niemand anderes als Haman selbst war. Nun offenbart sich uns ihr brillanter Plan. Als Esther Ahasveros und Haman zum ersten Mal gemeinsam zu einem Bankett einlädt, muss der König sofort ein wenig misstrauisch gegenüber dieser ungewöhnlichen Geste geworden sein. Warum veranstaltet sie plötzlich ein Festmahl? Und warum ist Haman eingeladen? Doch wie Esther in ihrer Einladung deutlich macht, handelt es sich immer noch um ein »Festmahl für ihn« – für den König. Haman ist lediglich eine Begleitperson.

Warum veranstaltete sie plötzlich ein Festmahl? Und warum war Haman eingeladen?

Dann folgt das erste Festmahl. Esther verlangt nichts, und Haman amüsiert sich prächtig, zufrieden, dass er es geschafft hat, eine Einladung zu einer so exklusiven Veranstaltung zu erhalten. Er ist begeistert und erzählt später seiner Frau Zeresch, dass sogar Königin Esther außer ihm niemanden zu dem Festmahl mit dem König eingeladen habe. Der König, der sich vielleicht gefragt hatte, warum Haman anwesend war, beobachtet argwöhnisch, wie wohl sich Haman fühlt und wie sehr er die Situation genießt. Und dann lädt Esther auch noch die beiden zu einem Bankett ein, das sie »für sie« vorbereitet hat – für Ahasveros und Haman.

Paranoide Menschen reagieren überempfindlich auf Nuancen. Der König hörte gewissermaßen einen »Freudschen Versprecher«: Während die erste Feier »für ihn« war – für den König allein –, war die zweite Feier »für sie« – für den König zusammen mit Haman. Plötzlich stand eine vage Andeutung im Raum: Haman war nicht mehr nur Untertan, sondern ihm in den Augen Esthers gleichgestellt. Nun begannen in Ahasveros’ von Paranoia verwirrtem Geist wilde Gedanken zu kreisen: Was hatte Haman vor? Warum hatte Esther ihn nicht nur einmal, sondern zweimal eingeladen? War sie ihm zu nahe gekommen? Planten Haman und Esther etwas hinter dem Rücken des Königs? Vertrauten sie sich einander an? Hatten sie eine Affäre? Verschworen sie sich? War der König in Gefahr? Würden die beiden versuchen, ihn zu töten? Man kann sich vorstellen, wie die Panik in ihm aufstieg. Und nun vertraute er nicht einmal mehr Haman, um mit ihm darüber zu sprechen. Somit ist offensichtlich, dass der König in dieser Nacht nicht schlafen konnte.

Als das zweite Bankett begann, war Ahasveros bereits von intensiver Eifersucht und Misstrauen erfüllt. Esther wusste, dass der richtige Zeitpunkt gekommen war. »Es gab eine Verschwörung!«, verkündete sie. Wer könnte dahinterstecken? Ahasveros, wohl schon nah an einem Nervenzusammenbruch, verlangte eine Antwort. Nun machte Esther ihren letzten Zug: Sie erzählte ihm von Hamans Plänen, ihr Volk zu vernichten. Für den König konnte es keinen größeren Angriff auf seine Würde und Autorität geben als einen Angriff auf seine Königin. Und so war es vorbei. Haman war erledigt.

In einem Akt atemberaubender taktischer Genialität gelang es Esther, Haman auf die raffinierteste Weise zu überlisten. Das Geniale: Esther verunglimpfte Haman nicht vor dem König – das hätte sie niemals geschafft. Stattdessen hob sie Haman zunächst hervor, indem sie ihn zu diesen intimen Festen einlud. Er dachte, Esther würde ihn aufwerten, während sie in Wirklichkeit die Grundlage für seinen Untergang schuf. Haman, der alle und alles fest im Griff zu haben glaubte, wurde böse überrascht.

Und anstatt zu versuchen, Ahasveros’ Paranoia zu bekämpfen, arbeitete sie mit ihr. Sie wendete genau die Schwäche Ahasveros’, die Haman zuvor ausgenutzt hatte, gegen ihn. Es ist eine brillante Strategie. Und das Geheimnis der beiden Bankette.

Der Autor ist Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Chabad in Berlin.

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