Standpunkt

Der Schlüssel zur Wahrheit

Welcher Schlüssel gehört zur richtigen Tür: Für einen Gläubigen gibt es keine Fragen; für einen Ungläubigen gibt es keine Antworten. Foto: imago

Vor ungefähr vier Jahren traf ich mich mit dem hiesigen katholischen Pfarrer, um zu erörtern, ob wir für unseren Bezirk in Nord-London eine religionsübergreifende Gruppe ins Leben rufen sollten. Unter anderem kamen wir auch auf das Thema biblische Geschichten zu sprechen. »Glauben Sie, dass Noah wirklich existierte und es eine Flut gab?« Ich bejahte. »Dann sind Sie ein Fundamentalist!«, rief er voller Verachtung. Vor Kurzem fragte mich wieder jemand, ob ich glauben würde, G’tt habe die Welt in sechs Tagen erschaffen. Wieder antwortete ich mit Ja. »Wenn herauskommt, dass du an die buchstäbliche Bedeutung dieser primitiven Erzählungen glaubst, nehmen die Menschen dich nicht mehr ernst«, antwortete mein Gesprächspartner.

Wir haben es mit einer ernsten Angelegenheit zu tun: Wie können moderne Intellektuelle solche aus der Antike stammenden Geschichten für wahr halten? Seit der wissenschaftlichen Revolution gibt es doch bestimmt keinen rationalen, frei denkenden Menschen mehr, der diese überholten Vorstellungen von der Erschaffung des Universums noch glaubt. Tatsächlich haben sich aus diesem Grund zahlreiche religiöse Apologetiker bemüht, zu demonstrieren, dass die Bibel 100-prozentig mit der Wissenschaft kompatibel ist. Viele davon sahen sich aber gezwungen, das traditionelle Verständnis der biblischer Erzählungen abzuändern, um sie den wissenschaftlichen Theorien anzugleichen.

Rationalisierung Als Rabbiner, Theologe und Student der Philosophie habe ich eine etwas andere Antwort auf die Frage, wie sich der Glaube zu Intellekt und Wissenschaft verhält. Ich behaupte, dass echter Glaube nie blind ist – er führt immer zur Vernunft. Mein Freund Daniel Rynhold hat ein Buch veröffentlicht: »Two Models of Jewish Philosophy: Justifying One’s Practices« (Oxford University Press, 2005). Das Buch versucht, den Beweis für eine ähnliche Behauptung zu führen. Es stellt zwei Methoden vor, mit denen jüdische Rituale und Praktiken rationalisiert werden. Die erste Methode, im Buch »Priorität der Theorie« genannt, ist das traditionelle Muster, nach dem Verhaltensweisen rationalisiert werden: Zunächst wird eine Theorie oder ein Prinzip aufgestellt. In einem zweiten Schritt wird eine bestimmte religiöse Praxis mithilfe dieser Theorie oder dieses Prinzips gerechtfertigt.

So behauptet etwa Maimonides, die religiösen Bräuche der Juden seien so beschaffen, dass sie die Vervollkommnung des Menschen herbeiführten. Ausgehend von diesem Prinzip erläutert Maimonides, wie einzelne Bräuche dazu beitragen, diese Vervollkommnung zu verwirklichen. Hat man also erst einmal eine Theorie zur Hand, kann man sie dann verwenden, die Rituale selbst zu rationalisieren.

Praxis Diese Methode der Rationalisierung religiöser Praxis weist eine Reihe immanenter Probleme auf, von denen Rynhold das folgende besonders betont: Wenn sich herausstellt, dass eine Praxis von der aufgestellten Theorie oder dem Prinzip abweicht, besteht die Neigung, entweder die Praxis selbst oder ihren hergebrachten Sinn zu ändern. Geschieht dies, lässt sich daraus schließen, dass nicht alle religiöse Praktiken in ihrer ursprünglichen Form dem behaupteten rationalen Prinzip oder der Theorie entsprechen, wodurch die ursprüngliche Behauptung, nämlich dass alle Praktiken in einem bestimmten Prinzip oder einer Theorie fassbar sind, widerlegt wäre.

Aufbauend auf diesem Gedanken behaupte ich, dass die Rechtfertigung religiöser Glaubenssätze durch eine Reihe externer Prinzipien, nämlich die Wissenschaft, nicht weniger problematisch ist. Stellt sich zum Beispiel heraus, dass die gesamte Schöpfungsgeschichte wörtlich genommen unmöglich der Evolutionstheorie angepasst werden kann, liegt es nahe, den überlieferten Sinn der biblischen Erzählung zu ändern, und das wurde auch von vielen getan. Dadurch wird zugestanden, dass die biblische Geschichte im wörtlichen Sinne nicht rational ist und die wissenschaftliche Realität verneint. So gerät man in die absurde Position, das ursprüngliche Ziel, nämlich zu beweisen, dass die biblische Erzählung ganz und gar wissenschaftlich plausibel ist, zu verwerfen.

Rechtfertigung Rynhold schlägt daher ein zweites Modell für die Rechtfertigung religiöser Bräuche vor, die er als »Priorität der Praxis« bezeichnet. Das Konzept ist einfach: Die Praxis selbst erzeugt eine Rationalität, die nicht auf Prinzipien oder allgemeine Theorien reduzierbar ist. Auf der Grundlage der aristotelischen Philosophie, nach der aus einem gewohnheitsmäßigen tugendhaften Verhalten eine vernunftbasierte und rationale Zuversicht in tugendhaftes Verhalten erwächst, schließt Rynhold: »Es ist eine empirisch belegbare Tatsache, dass Gewohnheit und Praxis eine vernunftbasierte Zuversicht in unseren Praktiken hervorbringen.« Ein Beispiel dafür ist der Schabbat: Den Schabbat in seinem ganzen Reichtum zu erleben, bringt das Verständnis für die dahintersteckende vernunftgemäße Begründung hervor. Auf diese Weise erzeugt die gewohnheitsmäßige Praxis eine rationale Wahrnehmung des Rituals, die ohne das Erleben der Praxis selbst nicht denkbar wäre.

Nach diesem Modell der Rechtfertigung religiöser Praxis ist der Ausgangspunkt der Glaube. Man glaubt, die Rituale seien der Mühe wert, weil sie göttlicher Herkunft sind. Doch kann man erst nach der Ausübung eines Rituals ein rationales Verständnis seines Zweckes gewinnen. Dies sollte niemanden überraschen, betont Rynhold, denn genau diese Methode wird angewendet, um Kindern die Wichtigkeit des Lernens beizubringen. Nach Maimonides soll man ein Kind mit allen möglichen materiellen Anreizen bestechen, bis es von selbst den Wert des Studiums zu würdigen weiß.

Erklärung Dieses Modell ist auch auf den Glauben an biblische und religiöse Lehren anwendbar. In der Tat: Wenn man glaubt, wissenschaftliche Theorie bilde den Schlüssel zur Wahrheit, ist die Anpassung der biblischen Schöpfungsgeschichte an diese vermeintliche Wahrheit schwierig. Geht man jedoch vom Standpunkt des Glaubens aus und verficht die Meinung, die Bibel sei das Wort G’ttes und enthalte daher die wahre Version der Ereignisse, wird man früher oder später die vernünftige Erklärung hinter den Erzählungen verstehen. Einer der großen chassidischen Meister sagte: »Für einen Gläubigen gibt es keine Fragen; für einen Ungläubigen gibt es keine Antworten.« Das heißt nicht, dass der Gläubige blindlings glaubt. Zwar brechen die Gläubigen von einem Standpunkt des Glaubens auf, doch endet ihre Reise nicht dort. Wahre Gläubige können an die Lehre ihrer Religion glauben, ohne ihre intellektuelle Integrität aufzugeben. Ähnliches gilt für die religiöse Praxis: Bevor man im Praktischen mit einem Ritual vertraut ist, ist es schwierig, die dahintersteckende Vernunft zu erkennen. Während ein Ungläubiger es als schwierig empfindet, die einer religiösen Lehre inhärenten Vernunftgründe zu verstehen, fällt dies einem Gläubigen viel leichter.

Verständnis Bereits die Kabbalisten wussten, dass der Schlüssel zum richtigen Verständnis biblischer und mystischer Vorstellungen der Glaube ist. Es gibt Menschen, die uns davon zu überzeugen versuchen, dass Glaube und Intellekt eine unglückliche Ehe führen. Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein. Als ich 18-jährige High-School-Studenten in Jüdischen Studien unterrichtete, waren sie oft überrascht, zu entdecken, dass es eine tiefe vernünftige Basis für religiöse Vorstellungen gibt. Häufig wird eine unglaubliche Menge geistiger Energie, auch unbewusst, darauf gerichtet, unsere tiefsten Überzeugungen zur Gänze zu verstehen. Interessant ist, dass diese Tatsache grenzüberschreitend zutrifft. Auch in der akademischen Welt wenden Menschen gigantische Mengen Energie auf, intellektuelle und körperliche, um zu beweisen, dass eine von ihnen geglaubte Theorie zutrifft. Wenn man wirklich an eine Theorie oder eine Lehre glaubt, sind die meisten Hindernisse, sowohl intellektuelle als auch physische, überwindbar.

Wenn wir also die Schöpfungsgeschichte in der Tora lesen, sollten wir sie nicht als Dichtung abtun und sagen, sie habe keinen wörtlichen Sinn. Stattdessen sollten wir erkennen, dass man mit ein wenig Glauben das erreichen kann, was sonst schlechterdings unmöglich scheint.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors. www.levibrackman.com

Interview

»Eine heilige Mission«

Oberstleutnant V. hat mit seiner Einheit die sterblichen Überreste von Soldaten geborgen, auch jene der letzten Geisel Ran Gvili. Hier spricht er über die Prinzipien seiner Arbeit

von Detlef David Kauschke  19.03.2026

Wajikra

Im Zentrum

So wie das Buch Wajikra die Mitte der Tora markiert, sind Gebete und Opfergaben das Herzstück des jüdischen Bewusstseins

von Gabriel Umarov  19.03.2026

Berlin

Berliner Rabbinerin wird Präsidentin der Rabbinical Assembly

Mit Gesa Ederberg übernimmt erstmals eine Europäerin das Spitzenamt der internationalen Organisation

 18.03.2026

Wajakhel–Pekudej

Serie mit Botschaft

In »Alles für die Liebe« geht es um Familie, Zusammenhalt und Werte, die bereits im Mischkan und heute am Pessachfest eine besondere Bedeutung haben

von Yonatan Amrani  13.03.2026

Talmudisches

Die Zahl Dreizehn

Was unsere Weisen über Vollständigkeit und gʼttliche Ordnung lehren

von Chajm Guski  13.03.2026

Unterricht

Wenn Lehrer lernen

Jüdische Religionspädagogen aus ganz Deutschland treffen sich zur Weiterbildung – und finden Wege, alte Texte mit Theater, TikTok und KI wieder lebendig werden zu lassen

von Mascha Malburg  13.03.2026

Pro & Contra

Braucht es jüdischen Feminismus?

Ja, sagt Valérie Rhein: »Weil er zu einem hierarchieloseren Miteinander beiträgt.« Nein, findet Noémi Berger: »Gleichwertigkeit ist das Fundament, auf dem jüdisches Leben gebaut ist.«

von Valérie Rhein, Noemi Berger  12.03.2026

Chabad

Europäische Rabbiner tagen in Berlin

Die Hauptstadt ist seit Montag Treffpunkt von rund 180 Rabbinern aus ganz Europa

 09.03.2026

Talmudisches

Neidisch

Was unsere Weisen über Zufriedenheit lehren

von Detlef David Kauschke  06.03.2026