Tu beAw

Der perfekte Hochzeitstag

Die letzte Mischna im Traktat Taʼanit sagt uns, dass kein Tag für Israel so festlich wie der 15. Aw und Jom Kippur gewesen ist. Doch was bedeutet Tu beAw, also der 15. Tag des jüdischen Monats Aw? Und inwiefern ist er mit Jom Kippur gleichzusetzen?

Unsere Weisen erklären: Jom Kippur symbolisiert, dass G’tt Israel die Sünde des Goldenen Kalbs in der Wüste vergab, denn an diesem Tag nahm Er Mosches Bitte um Vergebung für das Volk an, und an diesem Tag kam Mosche mit den neuen Bundestafeln vom Berg herab.

So wie Jom Kippur die Sühne für die Sünde des Goldenen Kalbs symbolisiert, so steht Tu beAw für die Sühne für die Sünde der Spione, von denen zehn negative Berichte über das Land Israel brachten, sodass das ganze Volk in Panik geriet und nicht in das Land Israel einziehen wollte.

PLAGE Als Folge dieser Sünde ordnete Gʼtt an, dass das Volk 40 Jahre lang in der Wüste bleiben sollte und keine Person, die 20 Jahre oder älter war, Israel betreten dürfe. An jedem Tischa beAw (dem 9. Tag des jüdischen Monats Aw) dieser 40 Jahre starben diejenigen, die in diesem Jahr das 60. Lebensjahr erreicht hatten – 15.000 in jedem Jahr. Doch am 15. Aw des 40. Jahres der Wüstenwanderung hörte diese Plage auf.

An Tu beAw ereigneten sich mehrere freudige Ereignisse in der Geschichte Israels.

Am 15. Aw ereigneten sich folgende freudige Ereignisse für das jüdische Volk: Wie oben erwähnt, endete die Plage, die die Juden 40 Jahre lang in der Wüste begleitet hatte. In diesem letzten Jahr machten sich die letzten 15.000 Menschen zum Sterben bereit.

barmherzigkeit Doch Gʼtt beschloss in seiner Barmherzigkeit, diese letzte Gruppe nicht sterben zu lassen. Als nun der 9. Aw nahte, machten sich alle Mitglieder der Gruppe auf den Tod gefasst, aber nichts geschah. Daraufhin beschlossen sie, dass sie sich in Bezug auf das Datum geirrt haben, und warteten einen weiteren Tag, und noch einen weiteren …

Schließlich, am 15. Aw, als der Vollmond erschien, erkannten sie endgültig, dass der 9. Aw vorbei war und dass sie immer noch am Leben waren. Da war ihnen klar, dass Gʼttes Dekret nicht mehr zur Anwendung kam, und dass Er dem Volk die Sünde der Spione endlich vergeben hatte.

Das ist es, was unsere Weisen meinten, als sie sagten: »Kein Tag war für Israel so festlich wie der 15. Aw und Jom Kippur«, denn es gibt keine größere Freude, als wenn einem die Sünden vergeben werden – am Jom Kippur für die Sünde des Goldenen Kalbs und an Tu beAw für die Sünde der Kundschafter. Im Buch der Richter wird Tu beAw als Feiertag erwähnt (Richter 21,19).

EHEVERBOT Zusätzlich zu diesem bemerkenswerten Ereignis fanden an Tu beAw fünf weitere Ereignisse statt: Nach dem Fall der Töchter Zelophehads (5. Buch Mose 36) war es Töchtern, die von ihrem Vater geerbt hatten, wenn es keine Söhne gab, verboten, jemanden aus einem anderen Stamm zu heiraten, damit das Land nicht an einen anderen Stamm ging. Generationen später, nach der Geschichte von der »Konkubine von Givʼa« (Richter 19–21), schworen die Kinder Israels, ihren Töchtern nicht zu erlauben, jemanden aus dem Stamm Benjamin zu heiraten. Damit drohte dem Stamm Benjamin die Ausrottung.

Jedes dieser Verbote wurde an Tu beAw aufgehoben. Das Volk erkannte, dass einer der zwölf Stämme völlig verschwinden könnte, wenn sie an diesem Verbot festhielten. Was den geschworenen Eid anbelangt, so wiesen sie darauf hin, dass er nur die Generation betraf, die den Eid geleistet hatte, und nicht die nachfolgenden Generationen.

»Kein Tag war für Israel so festlich wie der 15. Aw und Jom Kippur«, sagten unsere Weisen.

Das Gleiche galt für das Verbot, dass Erbinnen außerhalb ihres eigenen Stammes heiraten durften: Diese Regel galt nur für die Generation, die das Land unter Jehoschua erobert und aufgeteilt hatte, nicht aber für künftige Generationen. Dies war der erste Ausdruck des Zusammenwachsens aller Stämme und ein Grund zur Freude. Im Buch der Richter wird er als »Fest des Herrn« bezeichnet. Im Laufe der Generationen wurde dieser Tag im Traktat Taʼanit als ein Tag für Verlobungen beschrieben, an dem neue jüdische Familien entstehen sollten.

PILGERFESTE Nachdem Jerowam das Königreich Israel mit seinen zehn Stämmen vom Königreich Juda abgespalten hatte, postierte er Wachen an allen Straßen, die nach Jerusalem führten, um sein Volk daran zu hindern, zu den Pilgerfesten in die Heilige Stadt hinaufzuziehen. Denn er befürchtete, dass solche Pilgerfahrten seine Autorität untergraben könnten.

Als »Ersatz« errichtete er in Dan und Bet-El Kultstätten mit rein götzendienerischem Charakter. Auf diese Weise wurde die Trennung zwischen den beiden Königreichen zu einer vollendeten Tatsache, die über Generationen hinweg andauerte.

Der letzte König des Königreichs Israel, Hosea ben Elah, wollte den Bruch beheben und entfernte alle Wachen von den Straßen, die nach Jerusalem führten, sodass sein Volk wieder pilgern konnte. Dieser Akt fand an Tu beAw statt.

HOLZ Zu Beginn der Zeit des Zweiten Tempels lag das Land Israel fast völlig brach, und Holz, das zum Darbringen der Opfer und für die ewige Flamme benötigt wurde, die auf dem Altar brennen musste, war fast nicht zu bekommen. Jedes Jahr meldeten sich einige mutige Menschen freiwillig, um das Holz von weit her heranzuschaffen – eine Reise, die unter damaligen Umständen äußerst gefährlich war.

Nun konnte aber nicht jedes beliebige Holz mitgebracht werden. Holz, das wurmstichig war, wurde nicht zugelassen. Denn Nässe und Kälte sind bekanntlich ideale Bedingungen für die Vermehrung von Würmern im Holz. Daher musste alles Holz, das bis zum nächsten Sommer benötigt wurde, vor dem Einsetzen der Kälte gesammelt werden. Der letzte Tag, an dem Holz zur Lagerung über die Wintermonate gebracht wurde, war Tu beAw, und es war jedes Jahr ein festlicher Anlass, wenn die benötigte Menge bis zu diesem Tag erreicht wurde.

Die Beziehung zwischen dem Allmächtigen und dem jüdischen Volk gleicht einer Ehe.

Schließlich erlaubten die Römer, die Leichen derjenigen zu bestatten, die bei der Verteidigung der Festung Betar (während des Bar-Kochba-Aufstands) getötet worden waren. Dies war ein doppeltes Wunder, denn erstens erteilten die Römer endlich die Erlaubnis zur Beerdigung, und zweitens waren die Leichen trotz der langen Zeit und der andauernden Hitze nicht verwest. Die Erlaubnis wurde an Tu beAw erteilt.

wunder Aus Dankbarkeit für dieses doppelte Wunder wurde der vierte und letzte Segensspruch (Tov uMetiv) des Tischgebets (Birkat Hamason) hinzugefügt, der Gʼtt, der »gut ist und Gutes tut«, huldigt. »Er ist gut« (weil die Leichen nicht verwest waren) »und er tut Gutes« (weil die Erlaubnis für die Beerdigung erteilt wurde).

Bis heute feiern wir Tu beAw als ein kleines Fest. An diesem Tag wird kein Tachanun (Trauergebet) gesprochen, und bei einer Beerdigung werden keine längeren Trauerreden gehalten. Wenn ein Paar an diesem Tag heiratet (es ist gewöhnlich ein Brauch, dass Braut und Bräutigam an ihrem Hochzeitstag fasten), fastet keiner von beiden.

Wie wir den herausragenden Ereignissen, die an diesem Tag geschehen sind, entnehmen können, steht dieser Tag in seiner Essenz für eine tiefere Verbindung und das Verzeihen der Missetaten. Eine innige Verbindung zwischen dem Allmächtigen und dem jüdischen Volk, die einer Ehe gleicht, aber gleichzeitig auch einer Verbindung zwischen den Menschen.

Aus diesem Grund wurde der 15. Aw als perfekter Tag für eine Hochzeit bestimmt.

Der Autor ist Rabbiner der Synagogen­gemeinde Konstanz und Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD).

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