Talmudisches

Der jüdische Sindbad

»Und doch erkennen wir nicht, dass sich unsere ›Insel‹ jederzeit, wie es manchmal im Leben geschieht, in einen ›Wal‹ verwandeln kann und wir von einer der Überraschungen des Lebens überrollt werden.« Foto: Getty Images

Im Talmud (Bava Batra 73b) berichtet Rabba bar bar Hana von einer Reise, bei der er mit einem Schiff unterwegs war und auf einer vermeintlichen Insel Halt machte. »Wir nahmen an, dass es trockenes Land war, kletterten hinauf und backten und kochten.« Daraufhin stellte sich heraus, dass dies keine Insel, sondern der Rücken eines riesigen Fisches war. »Als sein Rücken heiß wurde, drehte er sich um. Und wäre das Schiff nicht in der Nähe gewesen, wären wir ertrunken.«

So weit die talmudische Erzählung, die übrigens einige Hundert Jahre später im orientalischen Märchen aus Tausendundeiner Nacht auftaucht. Hier heißt der Protagonist: Sindbad der Seefahrer.

Der Amoräer Rabba bar bar Hana lebte in Babylon und besuchte Eretz Israel

Der »jüdische Sindbad«, Rabba bar bar Hana, war ein sogenannter Amoräer, ein Gelehrter, der im dritten Jahrhundert in Babylon lebte und Eretz Israel besuchte.

Bekannt sind seine insgesamt 15 fantastischen Geschichten von Reisen zu Land und zu See, die im Talmudtraktat Bava Batra (73a–74a) aufgezeichnet sind. Darin berichtet er unter anderem, wie er in der Wüste unterwegs war und von einem Araber begleitet wurde. Dieser konnte sich orientieren und Entfernungen abschätzen, indem er am Staub der Erde roch. Zudem zeigte er ihm und seinen Begleitern die Toten des jüdischen Volkes, die nach ihrer Flucht aus Ägypten in der Wüste gestorben waren. Sie seien so riesig gewesen, »dass der Araber mit seinem Kamel und seiner aufrecht gehaltenen Lanze« unter das Knie eines der Toten passte, ohne ihn zu berühren. Und er führte ihn zu der Stelle, an der nach biblischer Erzählung Korach, der Anführer eines Aufstands gegen Mosche und Aharon, vom Erdboden verschluckt wurde. Rabba bar bar Hana berichtet, dass sie dort zwei rauchende Spalten im Boden sahen und die Stimmen der Söhne Korachs hörten. Diese sangen und wiederholten der talmudischen Erzählung zufolge die Worte: »Mosche und seine Tora sind wahr.«

Viele Rabbiner haben sich später mit dieser und den weiteren Abenteuern von Rabba bar bar Hana beschäftigt. Rabbi Abraham Isaak Kook (1865–1935), der erste Oberrabbiner in Eretz Israel, interpretierte die Legenden beispielsweise aus einer kabbalistischen Perspektive.

Chaim Jachter, amerikanischer Rabbiner und Buchautor: »Viele der Erzählungen der Gemara erscheinen fantastisch.«

Der amerikanische Rabbiner und Buchautor Chaim Jachter schreibt, dass viele der Erzählungen der Gemara fantastisch erscheinen. »Doch bei eingehender Analyse ist festzustellen, dass sie wertvolle und unschätzbare Lebenslektionen enthalten.«

So enthalte die Geschichte von Rabba bar bar Hana als Seefahrer eine wichtige Lehre für das Überleben der Juden im Exil, meint Rabbi Jachter. Es handele sich um ein Gleichnis: Das Meer stehe für das Exil, die Passagiere seien also die Juden, die im Exil leben. Und das Schiff stehe für die Tora. Der große Fisch, der sich als Insel tarnt, lenke die Passagiere von ihrer Reise und ihrer Mission ab. Er stehe für die Illusion der Sicherheit, die Juden in ihrem Gastland zu haben glauben, so Rabbi Jachter: »Das Verlassen des Schiffs durch die Passagiere steht dafür, dass wir die Werte der Tora aufgeben, um es uns auf der Insel bequem zu machen. Glücklicherweise befand sich das Schiff jedoch in der Nähe der Passagiere – wir hatten uns nicht zu weit von der Tora entfernt.«

Ähnlich formuliert es auch der israelische Rabbiner Shalom Rosner in seinem Buch Shalom Rav: Er schreibt, dass wir uns manchmal in unserer gewohnten Umgebung einrichten, uns sicher fühlen, um kurze Zeit später zu entdecken, wie unsicher doch alles ist. Oft im Leben denken wir, dass wir uns auf einer »terra firma« befinden und festen Boden unter den Füßen hätten. Alles sei stabil, alles gehe seinen natürlichen Gang. »Und doch erkennen wir nicht, dass sich unsere ›Insel‹ jederzeit, wie es manchmal im Leben geschieht, in einen ›Wal‹ verwandeln kann und wir von einer der Überraschungen des Lebens überrollt werden.« Und in diesem Moment des Lebens erkennen wir, dass alles von dem Einen, von Haschem, abhängt. Für Rabbi Rosner lautet die Botschaft der Geschichte: »Jeder Moment ist eine Gelegenheit, zu Haschem für göttlichen Schutz und sein Eingreifen zu beten.«

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