Neulich beim Kiddusch

Der Ikea-Simulant

Lieber in die Synagoge als zu Ikea Foto: imago

Wir waren spät dran. Ob wir es noch schaffen würden, pünktlich zur Synagoge zu kommen? Mein Sohn sollte sich nur schnell noch eine vernünftige Hose suchen. Doch da schrie es aus seinem Zimmer: »Wenn ich mein Bein anziehe, tut es im Bauch weh!« Keine Minute später saßen wir im Auto und brausten in Richtung Krankenhaus.

Im Wartebereich der Notaufnahme waren weniger Plätze frei als üblicherweise in der Synagoge. Hatten die Leute am Samstagmorgen nichts Besseres zu tun? Aber das war wohl nur der allgemeine Bereich. Wir wurden von einer Schwester in eine andere Abteilung geführt, in dem eine Frau auf und ab lief.

Typ frühpensionierte Oberstudienrätin, lila Strähne im grauen Haar. Sie betrachtete uns argwöhnisch aus dem Augenwinkel, das konnte ich spüren. Ich war ja praktisch schon umgezogen für den Schabbat: Krawatte, Sakko, feines Hemd. Damit schien ich ihr offenbar verdächtig. Die Frau machte uns nervös. Unter dem Arm hielt sie ein dickes Buch. Siddur? Wohl kaum. »Ikea« stand drauf.

Katalog Immer wieder blätterte sie in dem Katalog, dann rollte sie ihn zusammen. Sie sah auf die Uhr. Öffnete wieder den Katalog. Rollte ihn wieder zusammen und setzte sich. Zwischendurch versuchte sie per Handy jemanden anzurufen. Dass hier Mobiltelefone ausgeschaltet sein müssen, interessierte sie nicht. Eine weitere Gemeinsamkeit mit der Synagoge, dachte ich. Wieder blickte sie auf die Uhr. Katalog raus. Dann zückte sie einen farbigen Marker und kreiste ein paar Dinge ein. Plötzlich sprang sie auf, ging zur Tür, blickte hinaus und kehrte an ihren Platz zurück. Und wieder blätterte sie laut im Katalog.

Mein Sohn machte einen entspannten Eindruck. Er beobachtete die gestressten Gesichter seiner Eltern und wartete darauf, dass ich die Frau auffordern würde, sich endlich zu beruhigen. Ich wollte sie gerade ansprechen, als ich ein bekanntes Gesicht im Wartebereich erblickte. Der alte Herr Gerschon! Ich hatte ihn jahrelang nicht gesehen.

Er hielt sich mit einer Hand den Brustkorb und atmete schwer. »Hast du das Auto geparkt?«, fragte ihn die Frau. Gerschon nickte. »Dann geh dich mal schnell anmelden«, sagte sie zu ihm, »die öffnen gleich. Lass dir eine Spritze geben und dann ab. Unsere Liste ist lang.« Als freundliche Geste öffnete sie ihm die Tür zur Aufnahme. Uns nahm Herr Gerschon gar nicht wahr.

Kräfte Ich war sehr erstaunt. Zackiger Ton im Hause Gerschon. Und dann waren wir dran. Der Arzt untersuchte meinen Sohn gründlich und schloss einen Blinddarmdurchbruch aus. Nach einer halben Stunde standen wir wieder im Warteraum und zuckten mit den Schultern. Die Hände des Arztes hatten offenbar heilende Kräfte, meinem Sohn ging es schon wieder besser.

Bei Herrn Gerschon war es ebenso. Der schlenderte den Flur entlang und stellte sich zu meinem Sohn: »Gut Schabbes, mein Junge! Merk dir eines: Egal wie alt man ist, der Trick mit den Beschwerden funktioniert nur manchmal. Du wolltest nicht in die Synagoge und hattest Glück. Ich wollte nicht zu Ikea, aber das bleibt mir nicht erspart.«

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