Nachruf

Das Feuer in seinen Augen

Dayan Chanoch Hakohen Ehrentreu sel. A. (1932–2022) Foto: Gregor Zielke

Nachruf

Das Feuer in seinen Augen

Zum Tod von Dayan Chanoch Hakohen Ehrentreu

von Rabbiner Joshua Spinner  01.12.2022 10:59 Uhr

Ich konnte immer noch das Feuer in seinen Augen sehen. Der Schlaganfall war schon fast zwei Jahre her. Es war schwer für ihn, furchtbar schwer, nicht mehr sprechen zu können, denn er war ein begnadeter Redner und setzte das Wort kraftvoll ein, ob im privaten Gespräch oder bei öffentlichen Auftritten. Aber die Kraft des Dayan Chanoch Ehrentreu lag nicht nur in seinen Worten. Man konnte sie auch im Feuer in seinen Augen erkennen.

Als ich ihn im vergangenen Sommer in seinem Haus im Nordwesten Londons besuchte, konnte er schon nicht mehr sprechen. Also übernahm ich das Reden und berichtete dem Dayan – wie er von seinen Anhängern liebevoll genannt wurde –, und er hörte zu. In den vergangenen 20 Jahren hatte ich ihm unzählige Male Bericht erstattet, manchmal in Berlin, manchmal auf Konferenzen irgendwo in Europa, aber am häufigsten in seinem Haus.

Als Fünfjähriger erlebte er 1938 die Pogromnacht in seiner Geburtsstadt Frankfurt am Main.

Er saß am Esszimmertisch, die Tora-Bücher an einem Ende ausgebreitet, wo er gerade eine Lernpause eingelegt hatte, um mich willkommen zu heißen. An den Wänden hingen die Bilder großer Rabbiner, darunter eines seines legendären Namensvetters und Großvaters, Rabbiner Chanoch Ehrentreu aus München. Die Rebbetzin war in der Nähe, meist mit wichtigen Dingen beschäftigt, sie bot Tee an, erinnerte ihren Mann daran, welchen Termin er als Nächstes hatte oder wer mit welchem Problem gerade anrief.

Und der Dayan löcherte mich mit Fragen. Wie geht es diesem Studenten? Was macht jener Absolvent, ist er erfolgreich? Welches Problem hatten wir beim letzten Mal besprochen, und hatte ich es mittlerweile lösen können?

FÜRSORGE Das Feuer brannte in seinen Augen. Durchdringend sah er einen an. Im Laufe der Jahre hatte ich mich an dieses Feuer gewöhnt, ich liebte es, ja irgendwie brauchte ich es sogar.

Je genauer ich den Dayan kennenlernte, desto mehr entdeckte ich subtile, aber reale Unterschiede in diesem Feuer. Manchmal brannten seine Augen vor Fürsorge, vor Sorge, Liebe und Einfühlungsvermögen. Ein anderes Mal war es eher ein Nachdenken und Grübeln. Aber das Feuer war immer da.

Zweifelsohne war mir der glühende, belebende, erhabene Blick, den er aufsetzte (oder besser gesagt, der von ihm Besitz ergriff), wenn er über die Tora lehrte, der liebste. Wenn er einen mit der Essenz der Botschaft traf, sei es die Erklärung einer komplexen Passage im Talmud oder eine Predigt über einen biblischen Vers oder auch ein Aufruf zu moralischem Handeln.

kraft Dann leuchteten seine Augen vor Begeisterung, Überzeugung und Kraft, fast so, als könne er die Botschaft mit seinen Augen in einen »hineinbohren«. Im vergangenen Sommer konnte der Dayan keine Fragen mehr stellen. Also versuchte ich, die Fragen zu beantworten, die er wohl gestellt hätte, hätte es ihm seine Gesundheit noch erlaubt. Doch sein Blick war nach wie vor präsent, das Feuer war da.

Dayan Chanoch Hakohen Ehrentreu wurde 1932 in Frankfurt am Main geboren. Sein Großvater war ein legendärer halachischer Entscheidungsträger und Gelehrter und diente als Rabbiner einer orthodoxen Gemeinde in München. Als kleiner Junge erlebte Dayan Ehrentreu die Pogromnacht 1938 in seiner Heimat Frankfurt am Main. Kurz darauf floh die Familie nach Großbritannien, wo er die Schule und die Jeschiwa besuchte.

Später leitete er eine Toraschule (Kolel) und war als Av Beit Din tätig, als Chef des Londoner Rabbinatsgerichts. In diesem Beit Din, das dem Oberrabbinat des Vereinigten Königreichs angegliedert ist, war der Dayan für halachische Angelegenheiten im gesamten Commonwealth, einschließlich Australiens und Kanadas, zuständig. Schnell verbreitete sich sein Ruf als herausragender Gelehrter, Redner, Vermittler halachischer Entscheidungen, Ratgeber und Führungspersönlichkeit in der jüdischen Welt.

GROSSVATER Vor etwa 20 Jahren begann Dayan Ehrentreu dann, mit jungen Juden, die die Tora studieren und das traditionelle Judentum praktizieren wollten, regelmäßig nach Deutschland zu kommen. Im Zuge der Neugründung des Rabbinerseminars zu Berlin 2009 übernahm er die Rolle des Rektors. Es war ein Posten, der bereits 1920 seinem Großvater angeboten worden war und den dieser auf die eindringlichen Bitten seiner Münchner Gemeinde hin ausgeschlagen hatte.

2009 wurde er Rektor des neu gegründeten Rabbinerseminars
zu Berlin.

Als Rektor des Rabbinerseminars legte Dayan Ehrentreu den Lehrplan fest und wies die Lehrer ein. Er prüfte jeden Schüler persönlich, oft stundenlang. Nie forderte er eine Bezahlung für seine Arbeit, und er erhielt auch nie eine.

Als G’tt sich Moses zu Beginn des Buches Exodus vorstellt, wählt er einen brennenden Busch als Medium. In dem Busch lodert ein Feuer, aus dem G’tt spricht, aber der Busch verbrennt nicht.

Auch in Dayan Chanoch Ehrentreu brannte ein Feuer, das Feuer der Tora. Es verzehrte und zerstörte nichts, im Gegenteil, es diente als Quelle der Inspiration und als Medium, um Sinn und Zweck der Tora zu vermitteln. Ich vermisse den Dayan. Ich vermisse seine Fragen, seine Antworten, seine Reden und Vorträge, all seine guten Worte. Vor allem aber vermisse ich das Feuer in seinen Augen.

Der Autor ist CEO der Ronald S. Lauder Foundation.

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