Paraschat Beha’alotcha

Burn-out am Sinai

Wenn vor Erschöpfung das Ich zu kurz kommt, fällt es schwer, eine höhere Bewusstseinsstufe zu erlangen. Foto: Getty Images / istock

In diesem Wochenabschnitt erleben wir eine außergewöhnlich menschliche Seite Mosches. Nachdem sich das Volk wiederholt darüber beschwert hatte, wie schwierig die Lebensumstände in der Wüste seien, sagt Mosche zu Gott: »Wozu hast Du Deinem Diener solches Leid beschieden, und warum habe ich keine Gnade in Deinen Augen gefunden, dass Du mir die Last dieses ganzen Volkes auflädst? … Ich kann dieses ganze Volk nicht allein ertragen, denn mir ist es zu schwer. Hast Du dies über mich verhängt, so lass mich doch lieber umkommen« (4. Buch Mose 11, 11,14–15).

Mosche bittet um seinen Tod. Er wirkt resigniert, desillusioniert und erschöpft. Verständlicherweise sind die Kommentatoren bemüht, diese befremdliche und störende Bitte zu erklären oder gar umzudeuten.

Helden Der Tanach ist einzigartig, er zeigt die menschlichen Charakterzüge unserer Helden auf. Die Helden werden nicht zu Superhelden, und die »Bösen« sind kein Abbild psychischer Abgründe.

Die Vielschichtigkeit der Charaktere macht es laut Rabbiner Jonathan Sacks problematisch, aus den biblischen Erzählungen ein einfaches »Schwarz-Weiß«- oder »Gut-Böse«-Grundprinzip der Ethik herzuleiten.

Rabbiner Zwi Hirsch Chajes (1805–1855) geht sogar so weit zu behaupten, der Midrasch streiche die Moral der Episoden heraus, indem das Erzählte re-interpretiert oder verändert wird, damit sich das Gute als »supergut« und das Schlechte als »superschlecht« darstellen lässt. Nichtsdestoweniger wird im Talmud festgehalten (Traktat Schabbat 63a), dass die einfache semantische Bedeutung eines biblischen Verses nie ihre Gültigkeit verliert.

Rabbiner Sacks führt weiter aus, dass dies im tieferen Sinne auch einen Aspekt des Monotheismus widerspiegelt: Gott ist Gott, und der Mensch ist Mensch – im Gegensatz zu anderen Kulturen, in denen die Helden unfehlbar waren oder teilweise sogar als Halbgötter dargestellt wurden.

Erlaubnis Mit dieser für manche von uns neu gewonnenen Erlaubnis, Mosches Aussagen in seiner einfachen Form zu verstehen, sehen wir uns mit der Frage konfrontiert, wie mit diesen Aussagen umzugehen ist, wie es so weit kommen konnte und was die Hintergründe der Reaktion Gottes sind.

Im selben Wochenabschnitt lesen wir den berühmten Satz: »Und der Mann Mosche war äußerst demütig, mehr als alle Menschen, die auf der Erde leben« (12,3). Diese zweifellos große Stärke Mosches war womöglich gleichzeitig auch eine Gefahr für ihn.

Gemäß der Theorie des berühmten Psychiaters C. G. Jung (1875–1961), besitzt jeder Mensch das »Selbst«. Es ist der Nukleus, die »Blaupause« des Individuums. Es umfasst das menschliche Bewusstsein sowie das Unbewusste. Es stellt das Zentrum der menschlichen Psyche dar. Das Selbst enthält einen spirituellen Anteil, der spirituelle Ziele anstrebt. Aus diesem Selbst entsteht das Ich (»Ego«). Es stellt den bewussten Teil des Selbst dar, den ich brauche, um meine Persönlichkeit zu formen, mir eine Identität zu geben.

Es ist das, was ich denke, woran ich mich erinnere und was mir ermöglicht, mich als eigenständiges Individuum zu betrachten. Es grenzt mich von den anderen ab, und ich brauche das Ich, um die notwendigen Kompetenzen für die jeweiligen Herausforderungen des Lebens zu entwickeln.

existenz Im Alltag erleben wir das Ich als Zentrum unserer Existenz. Doch nach Jung ist es nur die teils steuerbare Exekutive des Selbst. Es soll das Ziel des Ichs sein, sich der Inhalte des Selbst bewusst zu werden.

Es ist die später im Leben eintretende Auseinandersetzung des Ichs mit dem Selbst, die einem ermöglicht, die verschiedenen Anteile zu integrieren und somit eine persönliche Entwicklung beziehungsweise eine höhere Bewusstseinsstufe zu erlangen. Die Stabilität einer Persönlichkeit hängt auch damit zusammen, wo man sich auf dieser Ich-Selbst-Achse befindet.

Opfer Mosche war die demütigste Person, die jemals gelebt hat. Basierend auf der oben kurz angerissenen Theorie könnte man diese Aussage als einen fehlenden gesunden Anteil des Ichs verstehen.

Persönlichkeit Mosche opferte seine ganze Persönlichkeit der Sache, der Mission, dem Volk und verzichtete sogar auf den ehelichen Verkehr mit seiner Frau. Er schaffte es sogar, 40 Tage lang ohne Nahrung auszukommen. Dennoch war der Preis, den Mosche bezahlte, sehr hoch, ja zu hoch. Er rutschte in die Erschöpfung und verlangte gar nach seinem Tod. Das Ich kam zu kurz. Mosche ging völlig in seinem Selbst auf – im spirituellen Anteil seiner Person.

Wie reagierte Gott auf Mosches Symptome? Er befahl ihm, 70 Weise aus dem Volk auszuwählen und die Verantwortung mit ihnen zu teilen. »Da ließ sich Gott in der Wolke herab und sprach mit ihm, nahm etwas von dem Geist, der auf ihm war, und legte es auf die 70 als Älteste berufenen Männer« (11,25).

Unsere Weisen sagen, durch die Abgabe seines Geistes erlebte Mosches Geist keine Einbuße. Er fungierte wie eine Kerze, die alle anderen erhellt, aber selbst nicht an Licht verliert. Mosches Spiritualität litt nicht unter der Maßnahme.

Das Einzige, was Gott Mosche damit ermöglichte, ist, etwas Verantwortung abzugeben und somit mehr auf sich selbst zu achten.

Depression In der heutigen leistungsorientierten Gesellschaft erleben wir entweder bei uns selbst oder in unserem Umfeld die Gefahr einer Überforderung. In dem Zusammenhang fallen oft Begriffe wie »Burn-out«, was eigentlich mit einer Depression gleichzusetzen ist.

Mosche verfiel in diese Gefahr aufgrund seines Gefühls der Verantwortung für das jüdische Volk und der Vernachlässigung seines Ichs, um vollständig mit dem spirituellen Anteil des Selbst verbunden sein zu können. Jeder von uns besitzt einen eigenen und individuellen Grund, der die Gefahr in sich birgt, zu wenig auf sich selbst zu achten.

Wenn die Tora so eine erschreckende Bitte von unserem größten Vorbild Mosche so explizit formuliert, liegt es an uns, diese Botschaft zu hören, zu verstehen, anzunehmen – und im besten Fall etwas zu verändern. Es ist eine göttliche Aufforderung zur Selbstfürsorge.

Der Autor ist Psychologe in Osnabrück. Er hat an Jeschiwot in Jerusalem und in England studiert.

Inhalt
Der Wochenabschnitt beginnt mit den Vorschriften für das Licht im Stiftszelt. Danach bringt er weitere Vorschriften für die Leviten. Außerdem wird ein zweites Pessachfest für diejenigen eingeführt, die es im Monat Nissan nicht feiern konnten. Ferner wird geschildert, wie am Tag eine Wolke und nachts eine Feuersäule die Anwesenheit des Ewigen am Stiftszelt anzeigen. Immer, wenn die Wolke sich vom Stiftszelt entfernte, setzten auch die Kinder Israels ihren Zug fort.
4. Buch Mose 8,1 – 12,16

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