Neulich beim Kiddusch

Brüssler Babyboom

Perspektive: Eines Tages wird auch die Trägerin dieses Kleidchens auf dem Heiratsmarkt erscheinen. Foto: imago

Neulich beim Kiddusch

Brüssler Babyboom

Was einem in der Synagoge alles passieren kann

von Margalit Berger  21.03.2011 14:20 Uhr

Mein Arm steckt bis zum Ellenbogen in einem Berg rosa Unterhöschen. Ich bohre tiefer und tiefer, irgendwo muss es doch sicher noch ein Teil in Babygröße 56 für Neugeborene geben. Konzentriert grabe ich vor mich hin, als mich plötzlich jemand von hinten anspricht. Erschrocken zucke ich zusammen und wirbele dabei einen Sprühregen von rosa Schlüpfern in alle Himmelsrichtungen. Ein paar von ihnen segeln sachte herab und landen auf der Frisur der Verkäuferin, die sich hinter mir aufgebaut hat.

»Brauchen Sie Hilfe?«, sagt sie spitz und klaubt sich ein paar der Höschen von ihrem Kostüm. »Ich kenne Sie. Sie kommen fast jeden Tag in unser Geschäft, nicht wahr?«

Tja, das stimmt. Kunststück, es werden ja auch fast täglich Babys geboren. Dauernd erreichen mich begeisterte Kurzmitteilungen und Mails mit verschrumpelten Neugeborenenfotos, und ich muss sofort wieder irgendein Geschenk ranschaffen. Ich habe überhaupt keine Zeit mehr, die Geschenke persönlich zu überbringen, ich stopfe sie einfach kommentarlos in die Ranzen der älteren Geschwister, die im Flur der jüdischen Schule in Reih und Glied mit Namensschildchen aufgehängt sind. Alsbald trudeln dann die Dankeskärtchen in Rosa und Blau bei uns ein. Sie werden von uns achtlos in ein überquellendes Körbchen auf der Anrichte gestopft und erst hervorgeholt, falls die stolzen Baby-Eltern mal zu Besuch kommen.

Dating-Material Ich habe nachgerechnet: Die Summe, die ich seit Anfang des Jahres schon in Bodys, Pyjamas, Hängerkleidchen, Mützchen und Schühchen investiert habe, könnte eine hungrige Großfamilie einen Monat lang speisen. Und doch ist niemand so glücklich über diese Baby-Schwemme wie ich. Man denke nur an die ganzen Neueinschreibungen in meine heiß geliebte und doch so bankrotte jüdische Schule, an zukünftige Geburtstagspartys, spätere gemeinsame Ausflüge zum Spielplatz – und am wichtigsten: jede Menge neue Gesellschaft für meine Zwillinge, die sich später in interessantes Dating-Material verwandelt!

Das sollte man nicht unterschätzen, denn sonst müssen meine Babys später, wenn sie groß sind, irgendwelche Snobs aus Antwerpen heiraten, weil es bei uns in Brüssel nicht genug Auswahl gibt, oder ich muss eine Schadchanit beauftragen und im Ausland einen Ehepartner für die Kinder suchen. Das ist stressig, kann ich Ihnen sagen! Fragen Sie mal meine Mutter. Ganz zu schweigen von dubiosen Webseiten wie J-Date oder so. Nein, nein, meine Babys werden eine(n) nette(n) Brüsseler(in) heiraten und sich in Mamas Nähe häuslich niederlassen!

Zum Beispiel wäre dieses hübsche blondgelockte Benizry-Baby doch ideal für meine zweijährige Estelle. Der kleine Altersunterschied, was macht das heutzutage schon. Und für meinen Sammy habe ich ein Auge auf das Baby der Rosenblums geworfen. Die haben Geld wie Heu, ein Sommerhäuschen in Knokke und eine Zweitwohnung in Ra’anana. Vielleicht gibt’s da später auch ein Gästezimmer für mich, die zukünftige Schwiegermutter und hingebungsvolle Oma. ich könnte die Enkelchen hüten, während Sammy und die kleine Rosenblum zum Strand spazieren gehen.

Preisliste Meistens werde ich aus diesen angenehmen Tagträumen unsanft von meinem Mann Alain geweckt. Er findet es schwachsinnig, kaum Zweijährige jetzt schon unter die Haube zu bringen. Na und? Was ist denn schon dabei, wenn ich von sämtlichen Brüsseler Hotels die Preisliste für Hochzeits-Saalmieten und koscheres Catering im Kopf habe? Wenn ich schon jetzt einen idealen Platz für die Chuppa im Hof des Nobelhotels Conrad, Avenue Louise, ausgespäht habe? Wenn ich in schlaflosen Nächten schon über das Hochzeitsbuffet und die Farbe der Hochzeitstorte nachdenke?

Sie glauben, ich habe einen Hieb an der Waffel? Drehe völlig am Rad? Ticke nicht ganz richtig? Wenigstens bin ich nicht die Einzige. Zum Beispiel neulich beim Kiddusch, da drängten sich gleich drei Mütter von kleinen Mädchen um meinen Sammy. Sie fuhren mit ihren perfekt manikürten Fingern durch seine schönen roten Locken – und bedachten sich gegenseitig mit giftigen Seitenblicken. Drei weitere Kandidatinnen, die schon heimliche Hochzeitsphantasien wälzen. »Tja, Pech gehabt, Mädels«, kann ich da nur sagen, »mein Sammy wird die kleine Rosenblum heiraten, ein entzückendes Baby, sanft wie ein Lamm und so intelligent und aufgeweckt«. Die Frage des Gästezimmers in der Strandvilla werde ich gleich beim nächsten Kiddusch ganz diskret klären.

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