Kohanim

Brücke zum Ewigen

Kohanim in Jerusalem: Priestersegen an der Klagemauer Foto: Flash 90

Die Parascha Tezawe beschäftigt sich mit den Aufgaben der Priester, der Kohanim, und deren Bekleidung. Die zentrale Arbeit der Kohanim war bis zur Zerstörung des Tempels, Opfer darzubringen und die Herrlichkeit G’ttes zu preisen. Der Tempeldienst war ortsgebunden und unterlag genauen Regeln und Abläufen. Die Kohanim bildeten eine Brücke zwischen G’tt und dem Volk.

Nachdem der Tempel zerstört worden war, rückte die Kraft der Lehre in den Vordergrund. Den Opferkult gab es nicht mehr, dadurch verloren die Kohanim an Bedeutung und die Rabbanim, die Weisen, die die Lehre verbreiteten, wurden immer wichtiger. Doch zu einem Weisen wurde man nicht durch Vererbung, sondern durch jahrelanges Studium der Schriften und einen vorbildlichen Lebenswandel.

Vererbung Kohen hingegen konnte nur sein, wessen Vater auch Kohen war. Die Kohanim stammen von Mosches Bruder Aharon und seinen Nachkommen ab. Auch heute noch kann man an bestimmten Familiennamen wie Kohen, Kahana oder Katz erkennen, dass die Vorfahren des Namensträgers einst Priester waren.

Wie erklärt sich nun die Sonderstellung? Warum kann man Kohen nur durch Vererbung sein und nicht durch ausgezeichnetes Wissen? Erscheinen uns aus der heutigen Sicht andere Maßstäbe zur Wahl der Kohanim logisch?

Mosche und Aharon kamen aus dem Stamm Levi. »Ein Mann aus dem Hause Levis ging hin und nahm die Tochter Levis. Und die Frau wurde schwanger und gebar einen Sohn« (2. Buch Moses 2, 1-2). Später lesen wir: »Da sprach der Ewige zu Mosche: Nimm die Leviten …« (4. Buch Moses 3, 44-45). Mosches Nachfolger werden also Leviten sein.

Im 3. Buch Moses (21,1) lesen wir davon, wie G’tt Aharon zu einem Kohen ernannte, dem ersten Kohen: »Und der Ewige sagte zu Mosche: Sprich zu den Priestern, den Söhnen Aharons …« Fortan waren Aharon und seine Nachkommen Kohanim.

Einheit Im Gegensatz zu den anderen Stämmen besaß der Stamm Levi keinen Grund und Boden in Israel, denn er brauchte keinen festen Ort: »Die levitischen Priester, der ganze Stamm Levi, sollen kein Teil noch Erbe unter Israel haben« (5. Buch Moses 18,1).

Mosche und die Tora bilden eine Einheit, ein Symbol für den Geist. Der Geist und die Lehre sind nicht ortsgebunden. Die Verbreitung der Lehre funktioniert nur durch das Lernen, es werden keine besonderen Plätze oder Gegenstände gebraucht. Anders jedoch war es für die Kohanim. Sie waren aufgrund ihrer Tempelarbeit an einen festen Platz gebunden.

Warum wurden gerade Aharon und seine Nachkommen dazu auserwählt, Kohanim zu sein? In der Geschichte vom Auszug aus Ägypten zeigen sich anfängliche Schwierigkeiten: Mosche, dem es an Selbstvertrauen fehlt, sieht sich nicht in der Lage, vor dem Pharao zu sprechen. Deshalb sagt G’tt zu ihm: »Ist nicht Aharon dein Bruder, der Levite da? Ich weiß, dass er reden kann. Er zieht dir auch schon entgegen. Und wenn er dich sieht, so wird er sich in seinem Herzen freuen« (2. Buch Moses 4,14).

Aharon war der Erstgeborene. Er verzichtete auf diese Sonderstellung, handelte nicht egoistisch, sondern unterstützte seinen Bruder. »Hillel sagt: Sei von den Schülern Aharons. Liebe den Frieden und jage ihm nach! Liebe die Menschen und nähere sie der Tora!« (Pirkej Awot 1,12). Die Schüler des Lehrhauses handelten nach Aharons Richtlinien. So galten die Entscheidungen Beit Hillels auch stets als rechtskräftig.

Gesetze Nachdem wir einen Einblick erhalten haben, wer Aharon ist, verstehen wir auch, warum seine Nachfahren Priester werden sollten. Wenn die Söhne im Sinne ihres Vaters handelten, wurden sie vom Volk als Kohanim akzeptiert. Ein Kohen zu sein, beruhte also nicht nur auf dem Verwandtschaftsverhältnis, sondern auch auf besonderen Eigenschaften, die Aharon prägte und an seine Söhne weitergab.

Die Tora nennt spezielle Gesetze, die nur für Kohanim gelten: Ein Kohen darf keinen Verstorbenen berühren, denn ihm ist die Schwere des Todes nicht bewusst. Bis heute darf ein Kohen keinen Friedhof betreten, ausgenommen bei eigenen Verwandten.

Der Kohen wird vom Volk Israel ernährt. Er wird nicht mit der Schwierigkeit der eigenen Ernährung und Arbeitssuche konfrontiert. Der Kohen darf keine Geschiedene heiraten, und der Kohen Gadol nicht einmal eine Witwe. Denn Geschiedene und Witwen haben in ihrem Leben extreme Brüche erfahren, mit denen der Kohen nicht konfrontiert werden soll.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Der Kohen wird nicht nur durch seine Verwandtschaft zum Kohen. Ohne die liebevolle Erziehung, die Wärme des Elternhauses, den Respekt, den er anderen gegenüber zu erbringen hat, die Einhaltung der von G’tt gegebenen Gesetze, die ihn zum Teil abgrenzen, jedoch zu seinem eigenen Schutz aufgestellt wurden, würde er seinen Anspruch verliehen, Kohen zu sein.

»Ihr sollt mir ein Reich von Priestern, ein heiliges Volk sein« (2. Buch Moses 19,6). Es ist bis heute G’ttes Wunsch, dass ganz Israel zu einem Volk von Priestern werde. Da das Niveau der Kohanim kaum für jeden erreichbar ist, erwählte G’tt einen kleinen Teil, Aharon und seine Nachkommen, mit der Hoffnung, dass sie das Volk zu diesem Ziel führen mögen.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Duisburg – Mülheim – Oberhausen.

Inhalt
Der Wochenabschnitt Tezawe berichtet davon, wie den Kindern Israels aufgetragen wird, nur reines Olivenöl für das ewige Licht, das Ner Tamid, zu verwenden. Auf Geheiß des Ewigen soll Mosche seinen Bruder Aharon und dessen Söhne Nadav, Avihu, Eleazar und Itamar zu Priestern machen. Für sie übermittelt die Parascha Bekleidungsvorschriften. In einer siebentägigen Zeremonie werden Aharon und seine Söhne in das Priesteramt eingeführt. Dazu wird Aharon angewiesen, Weihrauch auf einem Altar aus Akazienholz zu verbrennen.
2. Buch Moses 27,20 – 30,10

Beha’alotcha

Macht der Gewohnheit

Die Tora zeigt am Beispiel Aharons, warum die tägliche Pflicht den Menschen wachsen lässt

von Avi Frenkel  05.06.2026

Wohlbefinden

»Verbinde dich mit etwas Größerem«

Rabbiner Levi Shmotkin landete mit »Worte fürs Leben« einen Bestseller. Ein Gespräch über die Stärke, sich von Krieg und antisemitischen Bedrohungen nicht lähmen zu lassen

von Detlef David Kauschke  05.06.2026

Talmudisches

Geister

Was antike jüdische Überlieferungen über Besucher aus dem Jenseits erzählen

von Rabbinerin Yael Deusel  04.06.2026

München/Jerusalem

Rabbinerkonferenz weist Kritik an deutschen Yad-Vashem-Standorten zurück

Die geplanten Außenstellen von Yad Vashem in Deutschland stoßen auch auf Skepsis. Doch die Orthodoxe Rabbinerkonferenz warnt davor, die Arbeit der Gedenkstätte zum Gegenstand politischer Abrechnungen zu machen

 31.05.2026

Bonn

»Es ist ein Bruch eingetreten.«

Rabbiner Andreas Nachama betonte, dass Jüdinnen und Juden immer weiter in eine »Defensivposition« gebracht würden. Eine Studientagung des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit lotete aus, wie es anders gehen könnte

von Leticia Witte  31.05.2026

Antwerpen

Belgien: Empörung über Anklage gegen jüdische Beschneider

Wegen Anklagen gegen zwei jüdische Beschneider kritisieren jüdische Vertreter die belgischen Behörden scharf. Die European Jewish Association wirft der Staatsanwaltschaft vor, die Religionsfreiheit zu verletzen - Belgien weist dies zurück

von Marlene Brey  27.05.2026

Nasso

Raum für die g’ttliche Präsenz

Warum das Lesen dieses Wochenabschnitts beim Finden eines Ehepartners hilfreich sein soll

von Vyacheslav Dobrovych  24.05.2026

Essay

Erinnerungen an Schawuot in Be’eri

Unsere Autorin ist in dem Kibbuz aufgewachsen, der durch das Massaker traurige Bekanntheit erlangte. Eines der prägendsten Feste ihrer Kindheit war das Wochenfest – wird jene Freude je wieder zurückkehren?

von Eshkar Eldan Cohen  21.05.2026

Schawuot 2

Mit offener Hand

Das Gebot des Zehnten ist weit mehr als eine soziale Maßnahme. Es ist eine geistige Übung

von Rabbiner Joel Berger  21.05.2026