Plakatkampagne

Bereschit im Januar

Bei der Pressekonferenz zur Kampagne in der Parochialkirche in Berlin am 12. November 2020 mit dem Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung Felix Klein, Rabbiner Andreas Nachama und Volker Beck Foto: Rolf Walter

Sie hängen seit Anfang Januar bundeweit in Schaukästen und an Wänden, und die Botschaft auf den Plakaten ist auf den ersten Blick für Nicht-Theologen eine Herausforderung: »Im Anfang war das Wort – B’reschit beziehungsweise Im Anfang« steht auf dem ersten Poster der Kampagne »#beziehungsweise: jüdisch und christlich – näher als du denkst«. Der erste Satz aus dem Johannesevangelium und die ersten Worte aus der Tora sollen die Leser anregen, über Verschiedenheiten und Gemeinsamkeiten von Christentum und Judentum zu reflektieren.

ADRESSATEN »Die Kampagne richtet sich vor allem erst einmal an Christen – und an alle Menschen, die an den Schaukästen vorbeigehen und Interesse daran haben. Aber das kann nicht unabgestimmt mit unseren jüdischen Partnern erfolgen«, sagt Pfarrerin Marion Gardei, Beauftragte für Erinnerungskultur der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO), die die Kampagne initiiert hat. Nun hängen die Plakate nicht nur in Berlin, sondern überall in Deutschland.

»Es ist eine bundesweite und ökumenische Kampagne geworden, dadurch, dass die Evangelische Kirche Deutschland (EKD) und die Deutsche Bischofskonferenz sie sich zu eigen gemacht haben«, sagt Gardei. »Anlass für die Kampagne war der Bericht des Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus, aber auch die Wahrnehmung von vielen antisemitischen Übergriffen in der jüngsten Zeit. Und wir sehen, dass diese alten jüdischen Muster, die auch die Kirche leider jahrhundertelang benutzt hat, wie Juden als ›Gottesmörder‹ zu bezeichnen, jetzt bei der Neuen Rechten wieder sehr heftig aufgewärmt werden.«

MOTIVE Insgesamt sind 15 verschiedene Plakatmotive und -themen geplant – von »Bereschit« über »Pessach beziehungsweise Ostern«, »Schawuot beziehungsweise Pfingsten« bis »Brit Mila beziehungsweise Taufe«. An der Redaktionsgruppe und an den Veranstaltungen sind auch Vertreter der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK) und der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD) beteiligt. Zudem sind jüdisch-christliche Gespräche geplant.

Rabbiner Andreas Nachama, Vorsitzender der ARK, ist von dem Konzept überzeugt. »Ich glaube nicht, dass christliche und jüdische Feiertage gleichgesetzt werden«, sagte er der Jüdischen Allgemeinen. »Man zeigt Parallelen, aber auch Unterschiede auf. Zwischen Pessach und Schawuot liegen 50 Tage, wie zwischen Ostern und Pfingsten. Der Fußabdruck im Kalender ist also deutlich ähnlich. Die Frage ist: Welche Gemeinsamkeiten, aber auch Verschiedenheiten gibt es noch? Darüber kann man doch ruhig reden.«

»Das Beste, was passieren kann, sind Diskussionen.«

Rabbiner Andreas Nachama

Und Rabbiner Avichai Apel, Mitglied im Vorstand der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD), ergänzt: »Die Botschaft richtet sich vor allem an die Christen. Die ORD beteiligt sich an der Plakatkampagne, weil wir uns wünschen, dass Christen sich der jüdischen Geschichte ihrer Religion bewusst sind. Aber die Botschaft richtet sich auch an Juden, weil uns mehr gegenseitige Offenheit wichtig ist. Insofern ist die Plakatkampagne eine gemeinsame Botschaft.«

DIGITAL »Wir wollten etwas Niedrigschwelliges machen, was an der Basis ankommt und gelesen wird. Aber es soll sich nicht nur auf das etwas altmodische Medium Schaukasten beschränken, sondern auch digital zugänglich sein. Es geht darum, wie man die Erkenntnisse des christlich-jüdischen Dialogs an die Gemeinden weitergibt oder auffrischt«, sagt Marion Gardei.

»Auf den Plakaten stehen Texte mit kurzen, sogar provozierenden Sätzen. Per QR-Code kann man auf die Website gehen und findet dort vertieftes Wissen, pädagogische Entwürfe und Vorschläge für den Religionsunterricht und die Erwachsenenbildung«, erläutert die Pfarrerin. »Dadurch wollen wir auch die Kirchenkreise und die Gemeinden anregen, eigene Veranstaltungen durchzuführen, in diesen Zeiten auch per ›Zoom‹.«

Die erste zentrale Veranstaltung »Gelehrte im Gespräch« findet am 19. Januar mit Rabbiner Gabor Lengyel in Hannover statt. An der Veranstaltung im Oktober zu »All die guten Gaben: Sukkot beziehungsweise Erntedankfest« will Rabbiner Apel teilnehmen.

Die vertiefenden Texte auf der Website wurden von jüdischen und christlichen Theologen geschrieben. Die jüdischen Texte hat Ulrike Offenberg verfasst, Rabbinerin der Jüdischen Gemeinde Hameln. »Die Texte sind alle neu und frisch für die Kampagne entstanden. Es hat Spaß gemacht, es war aber auch eine Herausforderung. Das Publikum ist ja gemischt. Erst einmal sollen es Religionslehrer und Pfarrer oder Pfarrerinnen lesen und es als Multiplikatoren anderen zugänglich machen«, sagt Rabbinerin Offenberg.

Einer der Ansätze der Kampagne sei, »dass nicht immer nur die strittigen und die trennenden Themen in den Vordergrund gestellt werden, sondern die religiösen und die menschlichen Gemeinsamkeiten – wenn es zum Beispiel um Namensgebung geht oder um Rituale für das Erwachsenwerden. Jede Seite beschreibt ihren eigenen Zugang, da wird nicht irgendetwas in einem Topf zusammengemischt. Und es soll diesmal auch um den Lebenszyklus gehen, nicht allein um Gedenktage.«

INTERKONFESSIONELL Ihre Texte, betont die Rabbinerin, seien »aus konkreter Gemeindeerfahrung heraus geschrieben, sie sind keine normative Beschreibung. Es geht darum, wie werden Bar- und Batmizwa gefeiert, wie werden sie vorbereitet, welche Rolle spielten die Erwartungen der Familie. Es geht auch um die interkonfessionellen Familien: Wie handhaben sie das mit Chanukka und Weihnachten? Das soll nicht ausgeblendet werden oder unter den Tisch fallen.«

Auch Juden könnten durchaus von einer Auseinandersetzung mit dem Christentum profitieren, findet die Rabbinerin: »Es ist natürlich ein asymmetrisches Verhältnis – eine Minderheit bekommt ja von der Mehrheitskultur viel mehr mit als umgekehrt. Andererseits sollten wir ehrlich sein und zugeben: Viel mehr bekommen wir auch nicht mit als das, was etwa an Weihnachten in Geschäften als kommerzialisiertes Christentum geboten wird. Viele Juden würden sich auch schwertun, zu erklären, was Pfingsten ist.«

KICK-OFF Rabbiner Andreas Nachama bedauert, dass wegen der Corona-Pandemie kein größerer Auftakt für die Kampagne »jüdisch-beziehungsweise-christlich« stattfinden kann. »Ich hätte mir eher einen Kick-off mit vielen Leuten gewünscht, aber daran war schon bei der Pressekonferenz im November wegen Corona gar nicht zu denken«, sagt er. An der Veranstaltung hatte auch Felix Klein, Antisemitismusbeauftragter der Bundesregierung, teilgenommen.

»Wir machen jetzt das Beste daraus und schauen, wie es ankommt«, sagt Nachama. »Vielleicht können wir die Aktion sogar verlängern. Ich denke, die Plakatkampagne wird viele Diskussionen auslösen, und das ist doch das Beste, was passieren kann.«

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