Neulich beim Kiddusch

Aus Verzweiflung Brüssel

Als ich kürzlich mit meinem Sohn zusammensaß, überkam mich das »Ich-umarme-die-Welt-und-dich-gleich-mit«-Gefühl. So etwas hat immer Folgen. Obwohl meine Frau genaue Instruktionen dazu hat, wie sie sich zu verhalten hat, wenn das ozeanische Gefühl einsetzt, ließ sie mich gewähren. Ich kam nämlich auf die Idee, mal wieder Anna und Jonathan einzuladen. Gleich am nächsten Freitagabend. Kiddusch in kleiner Runde. »Das wird bestimmt gemütlich, und wir haben die beiden seit mindestens einem Jahr nicht mehr gesehen.«

Folgenschwer Ich gehe sofort zum Telefon und rufe sie an. Anna nimmt ab. Sie fragt mich, ob ich auch ihre Schwester Hannah eingeladen hätte. Nein, hatte ich nicht. Das war wohl ein folgenschwerer Fehler. Ob ich denn nicht wüsste, wie lange sie nicht mehr bei uns gewesen sei, fragte sie mich. Aber dass wir noch kein einziges Mal bei ihnen zu Gast waren, interessierte sie offenbar nicht. Ich musste also Hannah anrufen – gerade weil sie uns noch überhaupt nie eingeladen hatte. Vielleicht würde ja sie uns demnächst auch gern mal bei sich sehen. Naja. Dank des Umarmungsgefühls kein Problem.

Also rufe ich Hannah an. Sie weiß zunächst gar nicht mehr, wer ich genau bin, freut sich aber über die Einladung. Ob denn auch der Bruder ihres Mannes kommen würde, fragt sie. Jochanan hätte uns doch schon seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen und überhaupt habe er mir doch damals beim Umzug geholfen. Dass es nicht mein Umzug war, ließ sie nicht gelten. Wenn Jochanan nicht kommen dürfe, dann würde sie mit ihrem Mann auch nicht kommen. Denn Jochanan würde mit Sicherheit erfahren, dass sie zu uns eingeladen waren und sich fragen, warum nur er nicht kommen durfte.

Da hing ich schon seit 60 Minuten am Telefon. Okay, soll Jochanan halt kommen. Ich wähle seine Nummer und bin froh, dass er nicht abnimmt. Ich spreche ihm auf die Mailbox. Keine zehn Minuten später ruft er zurück. Er erzählt mir, er habe die Nummer nicht erkannt und nicht gewusst, wer ihn da anruft. Da gehe er in der Regel nicht dran. Jedenfalls würde er gern kommen, aber seine Tante sei ganz allein zu Hause, und um die müsse er sich kümmern. Er werde sie also mitbringen, sie freut sich schon.

Katzenhaare Aus zwei Gästen hatte ich sechs gemacht. Meine Frau würde begeistert sein. Zehn Minuten später klingelt das Telefon, auf dem Display erscheint eine mir unbekannte Nummer. Neugierig will ich wissen, wer da anruft. Es ist Jochanans Tante. Sie will wissen, ob Anna und Jonathan auch kommen. Ich bin beruhigt und rufe begeistert: »Ja, natürlich!« Das sei eine Unverschämtheit, schimpft die Tante. Ich müsse doch wissen, dass Anna eine Katze hat (hat sie?), und immerhin leide sie, die Tante, seit 40 Jahren an einer Katzenhaarallergie, das sei doch jedem bekannt. Ob ich beabsichtigte, sie umzubringen. Sie würde ihr Allergiespray mitbringen und auch ihre Nichte, die gerade zu Besuch aus der Ukraine gekommen sei. Und damit sich deren Freund nicht allein zurückgelassen fühle, würde sie den ebenfalls mitbringen. Die Nichte könne aber Hannah nicht leiden, und der Freund ihrer Nichte tränke keinen Alkohol. Also möge ich doch bitte auch Traubensaft für den Kiddusch besorgen und vor allem zusehen, dass Hannah und die Nichte einander ja nicht gegenübersitzen müssen. Das brächte nur Ärger. »Eigentlich habe ich überhaupt keine Lust mehr zu kommen, seitdem ich weiß, dass auch Hannah da sein wird«, sagte sie, »aber, dir zuliebe, Jonathan, werde ich kommen.«

Dass ich gar nicht Jonathan war, beeindruckte sie nicht. Das war am Donnerstagvormittag. Am Freitagmorgen überraschte ich meine Frau mit einem Wochenende in Brüssel. Von Freitagnachmittag bis Sonntagabend.

Chukat–Balak

Stärken und Schwächen

Unser Blick auf das eigene Volk ist manchmal nicht besonders positiv. Da hilft ein Perspektivwechsel

von Rabbiner Jaron Engelmayer  26.06.2026

Essay

Das Kopftuch, der Zwang und die Freiheit

Die radikalen Kräfte in der muslimischen Community bestimmen zunehmend den Kurs. Wenn dies ohne Gegenwehr von den moderaten Kräften hingenommen wird, ist irgendwann der Kipppunkt erreicht

von Daniel Neumann  25.06.2026

Chabad

Jüdische Gemeinde verschiebt Fest wegen Hitze

Neuer Termin nun Ende August

 25.06.2026

Interview

»Eine Gemeinde muss wie ein Business geführt werden«

Vor 30 Jahren reiste Rabbiner Yehuda Teichtal mit einem One-Way-Ticket nach Deutschland und baute die Berliner Chabad-Gemeinde auf. Ein Gespräch über Glauben und Management

von Mascha Malburg  25.06.2026

Talmudisches

Beratungsklau

Was unsere Weisen über ehrliches Einkaufen lehrten

von Detlef David Kauschke  25.06.2026

Jubiläum

Fünf Jahre jüdische Seelsorge der Bundeswehr: Militärrabbiner Zsolt Balla zieht Bilanz

Seit dem Start der jüdischen Militärseelsorge vor fünf Jahren wächst ihre Bedeutung in der Truppe. Sieben Militärrabbiner tun inzwischen Dienst. Ein Fazit - mit Blick auf Zeitenwende und deutsche Geschichte

von Karin Wollschläger  23.06.2026

Bundeswehr

Fünf Jahre Militärrabbinat

Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) betonte, die Jüdische Militärseelsorge bereichere den Dienstalltag und schärfe die ethische Orientierung der Streitkräfte

 22.06.2026

Talmudisches

Schlaf

Was unsere Weisen über die Nachtstunden lehren

von Chajm Guski  19.06.2026

Essay

Zwischen Progressivität und Zerfaserung

Quo vadis, liberales Judentum? Ein Debattenbeitrag von Avitall Gerstetter

von Avitall Gerstetter  19.06.2026