Tradition

Aus einem Guss

Torarolle Foto: Thinkstock

Tradition

Aus einem Guss

Am Berg Sinai erhielt Mosche die ganze Tora – mit allen Erklärungen

von Rabbiner Aharon Ran Vernikovsky  29.04.2013 17:57 Uhr

Am Berg Sinai erhielt das jüdische Volk seine Tora. Berichtet wird von diesem Ereignis im 2. Buch Mose. Nun sind wir aber im 3. Buch, und die Tora beschreibt eine neue Mizwa: das Einhalten des siebten Ruhejahres, der Schmitta, im künftigen Eretz Israel. Dabei greift sie auf ein altes Ereignis zurück: auf die Übergabe der Tora am Berg Sinai.

»Und der Ewige sprach zu Mosche auf dem Berg Sinai: Sprich zu den Kindern Israels und sage ihnen: Wenn ihr in das Land kommt, das ich euch gebe, so soll das Land einen Schabbat dem Ewigen feiern« (3. Buch Mose 25, 1–2).

An diesem Vers hat die Toraexegeten von jeher vor allem eines interessiert: Warum erwähnt die Tora nach der Übergabe der Tora das Gebot des siebten Ruhejahres im Zusammenhang mit dem Berg Sinai? Warum wurde das Schmitta-Gebot als ein besonderes Gebot herausgestellt, das dem jüdischen Volk am Berg Sinai aufgetragen worden ist?

Eine Antwort darauf gibt ein Midrasch, den Raschi (1040–1105) in seinem Torakommentar zitiert. Man sollte ihn gut kennen, denn er ist nicht nur Kommentar, sondern eine torajüdische Glaubensformel: »Warum wird gerade die Schmitta mit dem Berg Sinai in Verbindung gebracht? An sich wurden doch alle Gebote am Berg Sinai gegeben. Die Antwort ist: Genauso wie das Schmitta-Gebot mit allen dazugehörigen allgemeinen und detaillierten Vorschriften am Sinai gegeben worden ist, wurden alle anderen Gebote mit allen zu ihnen zählenden und einzelnen Vorschriften am Berg Sinai gegeben.«

Schmitta In dieser Auslegung steckt sehr viel Kraft. Denn sie macht aus dem Gebot der Schmitta am Berg Sinai ein Fallbeispiel für alle Mizwot der gesamten Tora. Am Berg Sinai wurden dem jüdischen Volk am Beispiel der Schmitta alle uns bekannten Gebote der Tora überreicht, aber auch die einzelnen ihnen entspringenden Gesetze und Vorschriften, die wir aus dem bloßen Text der Tora so nicht kennen, wurden am Berg Sinai festgelegt und Mosche verkündet.

Das bedeutet: Die Tora wurde dem jüdischen Volk nicht in einem Rohzustand, sondern fertig ausgelegt und interpretiert, bis in jede Einzelheit eines jeden Gebotes serviert. Die Schmitta-Gebote sind lediglich ein Beispiel dafür: Die Tora verordnet ein landwirtschaftliches Ruhejahr, nennt aber im Einzelnen die verschiedenen Ge- und Verbote, die mit diesem religiösen Brachjahr konkret einhergehen: »Sechs Jahre darfst du dein Feld bestellen, sechs Jahre deinen Weinberg beschneiden und den Ertrag einsammeln. Den Nachwuchs deiner Ernte darfst du nicht schneiden und die Trauben deines unbeschnittenen Weinstocks nicht lesen.«

Hier ist nicht die Rede von irgendeiner Ruhe, sondern von einem sehr konkreten, im Einzelnen ausformulierten Schabbatjahr. Die Tora beschreibt ein allgemeines Gebot und gibt dazu halachische Details.

beispiel Das Gebot der Schmitta kann als Beispiel für alle Gebote, die am Berg Sinai geboren sind, betrachtet werden: Die Tora und ihre Vorschriften wurden Mosche komplett und ausformuliert übergeben. Der Ursprung alles Allgemeinen, aber auch alles Konkreten unserer Religion liegt am Berg Sinai.

Diese Information ist zugleich ein Glaubensbekenntnis: Die Tora hat sich im Laufe der Generationen nicht erneuert, sondern sie wird von uns lediglich retrospektiv zurückerschlossen. Wir entdecken in der Tora nichts Neues, sondern das Alte, das Mosche schon erhalten hat, erschließen wir für uns: Jede Generation in ihrem Tempo, jede Generation in ihrer religiösen Verflechtung. Und auch Neues, das wir entdecken, ist schon im Alten vorweggenommen.

Die Tora-Interpretation ist daher nicht progressiv, sondern retrospektiv. Was Mosche am Berge Sinai erhalten hat, ist Wahrheit. Diese Wahrheit talmudisch-detektivisch zu rekonstruieren, nicht aber zu erfinden, ist unsere Aufgabe.

Und das hat nicht nur mit Wissen, sondern mit Glauben zu tun. Denn wenn unsere Gelehrten sagen, dass alle Gebote der Tora am Beispiel der Schmitta mit ihren einzelnen Details schon am Berg Sinai gegeben worden sind, so rufen sie uns zu einem Glauben auf: zu einem Glauben an die Vollständigkeit und Ganzheit der Tora, weil Mosche keine andere als eine vollständige und ganze Tora erhalten hat.

Und wenn dem so ist, besteht unsere interpretatorische Herangehensweise als jüdische Rezipienten nur darin, den Wahrheitsgehalt der Tora und ihrer Mizwot lediglich wiederzuentdecken, nicht aber willkürlich zu determinieren. Dadurch erhält die Tora eine gewisse Unantastbarkeit vor falscher Interpretationsbeliebigkeit. Denn alles Interpretieren und Verstehen der Tora muss zugleich der Bemühung unterliegen, die Tora dahin zurückzuführen, wo sie herkommt: zum Berg Sinai.

überlieferung In der historischen Dimension des Judentums verwenden wir dann hierfür auch ein Wort: Tradition. Die Überlieferung des G’tteswortes beginnt im Judentum am Berg Sinai, ohne diesen Ort wirklich zu verlassen. Was am Berg Sinai Mosche gegeben wird, nämlich die schon im Einzelnen ausgelegte Tora, genau das soll auch weitergereicht werden.

Daher beginnen die Sprüche der Väter (Pirkej Awot), die gesammelten Weisheiten unserer Gelehrten, ebenso mit dem Berg Sinai, wenn es darum geht, Tradition zu definieren: »Mosche empfing die Tora vom Sinai und übergab sie Jehoschua, Jehoschua den Ältesten, die Ältesten den Propheten, und die Propheten übergaben sie den Männern der großen Synagoge.«

Welche Tora erhielt Mosche also am Berg Sinai? Es war die vollständige, die fertige Tora!

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf.

Inhalt
Der Wochenabschnitt Behar führt das Erlass- und das Joweljahr ein. Das Erlassjahr – es wird auch Schabbatjahr genannt – soll alle sieben Jahre sein, das Joweljahr alle 50 Jahre. Die Tora fordert, dass der Boden des Landes Israel einmal alle sieben Jahre landwirtschaftlich nicht genutzt werden darf, sondern brachliegen muss. Dies geschehe »dem Ewigen zu Ehren«. Im Joweljahr solle alles verkaufte Land an die ursprünglichen Besitzer zurückgegeben werden, die es erhielten, als das Land nach der Eroberung verteilt wurde (Jehoschua 13, 7–21). Außerdem müssen im Joweljahr alle hebräischen Sklaven freigelassen werden.
3. Buch Mose 25,1 – 26,2

Die Verheißung des Segens für diejenigen, die den Geboten folgen, ist das Thema des Wochenabschnitts Bechukotaj. Dem Segen steht jedoch auch ein Fluch für diejenigen gegenüber, die die Gebote nicht halten. Im letzten Teil der Parascha geht es um Gaben an das Heiligtum. Sie können mit einem Gelübde verbunden sein (»wenn der Ewige dies und jenes für mich tut, werde ich ihm das und das geben«) oder aus Dankbarkeit geleistet werden.
3. Buch Mose 26,3 – 27,34

Meinung

Wir haben ein Problem – und wir müssen endlich darüber reden

Ein Weckruf über verfehlte Migration, ausländische Einflussnahme und das ohrenbetäubende Schweigen der »Progressiven«

von Jacques Abramowicz  02.05.2026

Wale

Leviathan in der Ostsee

Die Aufregung um »Timmy« zeigt: Riesige Meerestiere faszinieren die Menschen bis heute. Schon die Gelehrten im Talmud hatten ihre Theorien über die Bewohner der Tiefe

von Vyacheslav Dobrovych  01.05.2026

Talmudisches

Richtig beten

Kawana: Eine bestimmte geistige Haltung ist Vorbedingung für das innere Gespräch mit G’tt

von Yizhak Ahren  01.05.2026

Feiertage

Besondere Zeiten

Die Tora möchte, dass wir uns immer wieder aus unserer Routine lösen, um uns mit unseren Mitmenschen zu verbinden

von Miksa Gáspár  01.05.2026

Forschung

Der Fuchs, die Gans und der Rambam

Eine Illustration in der Kölner Abschrift der »Mischne Tora« scheint auf das Volkslied anzuspielen. Doch dies entstand viel später

von Lorenz Hegeler  30.04.2026

Berlin

»Ich will mich nicht verstecken«

Ron Dekel wurde angepöbelt, weil er eine Kippa trug. Ein Video davon ging viral, er wurde im Netz beleidigt, man lauerte ihm vor der Synagoge auf. Hier spricht der Präsident der Studierendenunion darüber, was ihm passiert, seitdem er sich sichtbar als Jude zeigt

von Mascha Malburg  27.04.2026

Talmudisches

Kraft der Gemeinschaft

Was unsere Weisen über Zusammenhalt lehren

von Rabbiner Avraham Radbil  24.04.2026

Geschichte

Als die Zeit stillstand

Während der Schoa hatten viele Juden keinen Zugang zu einem jüdischen Kalender. Trotz allem fanden sie Wege, um in den Lagern oder im Versteck den Schabbat und die Feiertage einzuhalten

von Valentin Suckut  24.04.2026

In eigener Sache

»Jüdische Allgemeine« kooperiert mit katholischer »Tagespost«

Ein Zeichen gegen Antisemitismus: »Die Tagespost« legt ihren Abonnenten die »Jüdische Allgemeine« kostenlos bei. Hinter der Aktion steckt unter anderem ein rundes Jubiläum

von Hannah Krewer  23.04.2026