Die Verbindungen zwischen Juden und der Seeräuberei reichen über Jahrhunderte zurück, bleiben jedoch weitgehend unbeachtet. Seit der Antike gerieten Juden, die auf dem Meer unterwegs waren, immer wieder in die Gewalt von Piraten, die sie bei ihren Überfällen gefangen nahmen. Ihre Gemeinden erfüllten dann das heilige Gebot des Pidjon Schwujim, der Auslösung von Gefangenen, indem sie Spenden sammelten, um das geforderte Lösegeld zu zahlen.
In einer berühmten Legende wird von Piraten berichtet, die mehrere angesehene Rabbiner entführt hatten, die anschließend von jüdischen Gemeinden im gesamten Mittelmeerraum freigekauft wurden. Als unbeabsichtigten Nebeneffekt brachten die Piraten damit eine kulturelle Blüte in der Diaspora in Gang. Denn die befreiten Rabbiner gründeten an ihren neuen Wohnorten bedeutende Zentren der Gelehrsamkeit.
Nach der spanischen und portugiesischen Inquisition nahm die Beziehung zwischen Juden und Piraten eine überraschende Wende. Viele sefardische Juden, die der Verfolgung entflohen, gingen selbst an Bord, um die Weltmeere unsicher zu machen. Das Leben auf hoher See bot ihnen eine Fluchtmöglichkeit vor der in Europa herrschenden Judenfeindschaft sowie lang ersehnte Freiheiten und Selbstbestimmung. Einige sefardische Piraten ergriffen auch die Möglichkeit, sich an den Mächtigen zu rächen, die sie zuvor vertrieben und verfolgt hatten.
Juden, die vor der Inquisition flohen, rächten sich als Piraten an spanischen Schiffen.
Wie so oft schlugen sich diese neuen Lebensrealitäten von Juden auch im jüdischen Recht nieder. Denn Rabbiner wurden ebenfalls im Umgang mit der Seeräuberei um Rat gebeten. Vieles, was wir heute über jüdische Piraten wissen, kennen wir aus ihren Responsen. Diese laden quasi zu einer Entdeckungsreise durch dieses außergewöhnliche Kapitel der Seefahrtgeschichte ein. Dabei lässt sich erfahren, was die Halacha zu komplexen ethischen Fragen rund um die Themen Gefangenschaft, Lösegeld und das Leben auf hoher See zu sagen hat.
Das Gebot, Gefangene auszulösen, hat tiefe biblische Wurzeln. Im 3. Buch Mose (25, 47–49) wird die Pflicht festgeschrieben, einen jüdischen Bruder freizukaufen, der in die Sklaverei geraten ist. Im Buch Nechemia (5,8) heißt es: »Wir haben unsere jüdischen Brüder ausgelöst, die an die Völker verkauft worden waren.«
Der Talmud erklärt die Auslösung von Gefangenen zu einer Mizwa Rabba
Der Talmud (Bava Batra 8b) erklärt die Auslösung von Gefangenen zu einer Mizwa Rabba, einem besonders großen Gebot. Maimonides geht in seiner Mischne Tora (Hilchot Matanot Anijim 8,10) noch weiter und lehrt: »Es gibt kein größeres Gebot als die Auslösung von Gefangenen.«
In der gesamten Diaspora organisierten jüdische Gemeinden systematisch ihre Bemühungen, um dieses Gebot zu erfüllen. Sie richteten Spendenkampagnen ein und gründeten Chewrot Pidjon Schwujim – Bruderschaften zur Gefangenenbefreiung. Diese entstanden in allen großen sefardischen Gemeinden, und zwar in Amsterdam und Venedig genauso wie in Livorno und Saloniki. Diese Organisationen wurden aktiv, sobald Juden in die Hände von Piraten, Sklavenhändlern oder anderen Entführern fielen. Sie sorgten dafür, dass kein Gemeindemitglied seinem Schicksal einfach überlassen wurde.
Eine der dramatischsten Erzählungen über die Mizwa des Pidjon Schwujim findet sich in Abraham ibn Dauds Sefer HaKabbalah (Buch der Überlieferung), verfasst um 1160. Demnach stachen um das Jahr 960 vier angesehene Rabbiner aus den babylonischen Akademien von Bari in Süditalien aus in See, um Spenden für die Mitgift armer Bräute zu sammeln. Ihr Schiff wurde von Ibn Rumahis, einem Korsaren aus Córdoba im Dienst des Kalifen Abd ar-Rahman III., gekapert.
Das Schicksal dieser vier Gefangenen sollte die Landschaft der jüdischen Gelehrsamkeit im Mittelmeerraum nachhaltig verändern. Ibn Rumahis verkaufte seine Gefangenen in verschiedenen Häfen, weil die lokalen jüdischen Gemeinden überall dem heiligen Gebot des Pidjon Schwujim folgten und das geforderte Lösegeld zahlten.
Rabbi Schemaria ben Elchanan wurde in Alexandria ausgelöst und entwickelte sich dort zu einer führenden rabbinischen Autorität. Rabbi Chuschiel wurde in Kairouan im heutigen Tunesien von der dortigen Gemeinde freigekauft. Er wurde geistliches Oberhaupt der Rabbiner von Kairouan und Vater des berühmten Gelehrten Chananel ben Chuschiel. So bescheiden war Rabbi Chuschiel, dass er zahlreiche Briefe schrieb, in denen er Rabbi Schemaria bat, aus Ägypten zu kommen und an seiner Stelle die Gemeinde von Kairouan zu führen.
Ein Platz in der kommenden Welt
Die erschütterndste Erzählung betrifft jedoch Rabbi Mosche ben Chanoch und seinen jungen Sohn, die weiter in Gefangenschaft blieben, während das Piratenschiff seine Fahrt Richtung Spanien fortsetzte. Auf See wurde seine Frau von den Piraten missbraucht. In ihrer Verzweiflung fragte sie ihren Mann, ob sie einen Platz in der kommenden Welt erlangen würde, wenn sie ihrem Leben ein Ende setze, anstatt diese Schändung zu ertragen. Ohne Zögern zitierte Rabbi Mosche Psalm 68,23 und versicherte ihr, dass Gott die Gerechten selbst aus den Tiefen des Meeres erlöse. Daraufhin stürzte sie sich in die Fluten.
Diese Erzählung erinnert auffallend an einen talmudischen Bericht aus Gittin 57b, der von 400 Jungen und Mädchen handelt, die zur Prostitution verschleppt wurden und sich lieber ertränkten, als dieses Schicksal zu erdulden. Ein Kind deutete einen Psalm und versicherte ihnen, dass sie durch die Heiligung des göttlichen Namens im Meer das kommende Leben verdienen würden. Auch an anderer Stelle greift die Geschichte der vier Gefangenen auf die klassische jüdische Literatur zurück. Die Erzählung von Rabbi Chuschiel spiegelt die talmudische Geschichte von Hillel dem Älteren wider, der aus der Armut zum Nasi aufstieg, nachdem er außergewöhnliche Gelehrsamkeit bewiesen hatte.
Solche Parallelen dienten dazu, die Autorität der spanischen Rabbiner zu legitimieren, indem sie mit antiken Vorbildern verknüpft wurden. Hat Ibn Daud die Geschichte vom Piraten und den vier Gefangenen also vollständig erfunden oder sie mit talmudischen Motiven ausgeschmückt? Wir werden es wohl nie erfahren. Doch die historische Genauigkeit ist vielleicht weniger bedeutsam als die tiefe symbolische Kraft der Erzählung. Ibn Daud verfasste das Sefer HaKabbalah unter anderem, um die Legitimität des rabbinischen Judentums zu verteidigen. Die Geschichte der vier Gefangenen demonstriert den Transfer rabbinischer Autorität von den babylonischen Akademien hin zu den aufstrebenden Zentren Nordafrikas und Spaniens.
Zugleich schuf sie eine Erzählung darüber, wie die Lehre von der Tora nach Westen wanderte – nicht durch Abbruch, sondern durch göttliche Vorsehung, sichtbar im gemeinschaftlichen Handeln der Pidjon Schwujim.
Spaniens Vertreibungsedikt von 1492
Aber zurück ins frühneuzeitliche Spanien. Nach dem Vertreibungsedikt von 1492, unterzeichnet von Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragón, wurden Zehntausende Juden gezwungen, sich entweder für die Taufe oder das Exil zu entscheiden. Viele nahmen die Zwangstaufe an und wurden zu Conversos, auch Marranos genannt, während sie im Verborgenen weiterhin jüdisch lebten. Die Inquisition, besessen von der Reinheit des katholischen Glaubens, jagte diese Kryptojuden unerbittlich.
Wie Edward Kritzler in Jewish Pirates of the Caribbean erklärt, war die jüdische Auswanderung in die Neue Welt und auf entlegene Inseln vor allem eine Flucht vor der Inquisition. Für manche wurde sie jedoch auch zur Gelegenheit des bewaffneten Widerstands. Piraterie gegen spanische Schiffe verkörperte eine Form echter Vergeltung an dem Spanien, das sie verfolgt hatte.
Unter diesen Seefahrern verkörpert Sinan Reis diese doppelte Dimension jüdischer Piraterie in besonderer Weise. Denn er war ein genialer Militärstratege und zugleich ein Mann mit moralischen Prinzipien. Er selbst stammt aus einer sefardischen Familie, die aus Spanien oder Portugal ins osmanische Smyrna geflohen war. Bald schon begann Sinan seine Karriere als osmanischer Korsar. Der Unterschied: Im Gegensatz zu »freiberuflichen« Piraten plünderten Korsaren im Auftrag eines Staates.
Eine Flotte von mehr als 100 Schiffen
Im Sommer 1534 führte Sinan auf Befehl von Sultan Süleiman dem Prächtigen eine Flotte von mehr als 100 Schiffen an und eroberte Tunis von den Spaniern zurück. Das Mittelmeer geriet damit vollständig unter osmanische Kontrolle. Kaiser Karl V., zugleich spanischer König, reagierte wütend und rief zu einem neuen Kreuzzug gegen die »Ungläubigen« auf, wobei eine Armada von 400 Schiffen zusammengezogen wurde. 1535 näherte sich diese spanische Flotte mit einem Banner Christi der tunesischen Küste. Sinan versuchte, die Stadt vom nahe gelegenen La Goulette aus zu verteidigen, aber vergeblich. Der Sultan befahl ihm, die Sklaven zu töten und die Beute zu verbrennen, da die Stadt verloren sei.
In diesem Moment zeigte sich Sinans wahre Größe: Er weigerte sich, diesen barbarischen Befehl auszuführen. Damit ging er nicht nur als großer jüdischer Pirat in die Geschichte ein, sondern auch als ein Mann der Ehre, der Gefangene respektvoll behandelte und sich weigerte, unschuldige Leben zu opfern.
Die erste Synagoge der Niederlande wurde von einem Piraten geführt.
Der faszinierendste jüdische Pirat aber war zweifelsohne Samuel Palache. Als Sohn des Rabbiners von Córdoba musste seine Familie – wie so viele andere – während der Reconquista fliehen. Sie ließen sich in Marokko nieder, wo Samuel nahe dem Hafen von Tétouan geboren wurde. Nach Einbruch der Dunkelheit entkamen Samuel und seine Brüder aus dem Mellah, dem Bezirk, in dem Juden leben mussten, um Überfälle auf spanische Schiffe durchzuführen.
Später zögerten die Brüder Palache nicht, mit dem spanischen König Philipp III. zu verhandeln. Man verdächtigte sie, Emissäre zu sein, die Conversos nach Spanien zurück zum Judentum führen wollten. Als sie eine Audienz beim König und eine Aufenthaltserlaubnis forderten – Juden war seit 1492 genau das untersagt –, boten sie sogar an, sich taufen zu lassen.
Dieses verdächtige Manöver handelte ihnen den Verdacht ein, Doppelagenten zu sein, was wiederum die Aufmerksamkeit der Inquisition mit sich brachte. 1591 beschloss Samuel daher, sein Glück in den Niederlanden zu versuchen. 1612 öffnete dort mit Neve Schalom die erste Synagoge des Landes ihre Türen. Und der ehemalige Pirat und nun Rabbiner Samuel Palache wurde zu ihrem Präsidenten gewählt.
Die Autorin ist Talmudlehrerin bei dem europaweiten jüdischen Lernprogramm Ze Kollel.