Talmudisches

Abba Chilkijas rätselhaftes Verhalten

Barfuß zu laufen soll ja gesund sein ... Foto: Getty Images

Talmudisches

Abba Chilkijas rätselhaftes Verhalten

In Taanit 23ab lesen wir von Abba Chilkija, dem Sohn von Choni, dem Kreiszieher und Wundermacher

von Noemi Berger  16.07.2020 11:44 Uhr

In Taanit 23ab lesen wir von Abba Chilkija, dem Sohn von Choni, dem Kreiszieher und Wundermacher.

Als im Land wieder einmal eine Dürre herrschte, schickten die Weisen zwei Gelehrte zu Abba Chilkija, damit er zu G’tt um Regen fleht. Als die Gesandten ihn nicht zu Hause antrafen, gingen sie hinaus aufs Feld. Abba war gerade dabei, die Erde zu bearbeiten. Sie grüßten ihn höflich, doch Chilkija sah nicht auf und arbeitete weiter.

Die Männer warteten geduldig bis zum Abend. Nachdem Chilkija seine Arbeit beendet hatte, machte er sich auf den Heimweg. Dabei nahm er ein großes Bündel Reisig mit und lud es auf die eine Schulter, auf die andere Schulter legte er seinen Überwurf.

Dann geschah etwas Merkwürdiges. Er ging den ganzen Weg ohne Schuhe, doch als er an einen kleinen Fluss kam, den er überqueren musste, zog er seine Schuhe an. Die Gelehrten waren zwar neugierig, warum er dies tat, doch blieben sie still und folgten ihm. Danach führte ihn sein Weg durch ein Dornengestrüpp – da hob er sein Gewand hoch.

FRAU In der Stadt angelangt, kam ihm seine Frau geschmückt entgegen. Die Gelehrten folgten dem Ehepaar ins Haus. Zuerst trat die Frau ein, danach Abba Chilkija und zum Schluss die beiden Gesandten.

Noch immer hatte er kein Wort mit ihnen gewechselt. Er setzte sich und verzehrte seine Mahlzeit. Am Tisch hatten auch beide Kinder des Ehepaares Platz genommen, und der Vater teilte ihnen die Speisen zu. Der ältere Sohn erhielt eine Portion, der jüngere zwei.

Nach dem Mahl sagte Chilkija zu seiner Frau: Ich weiß, die Gelehrten sind zu mir gekommen, damit ich um Regen bete; lass uns doch aufs Dach steigen und gemeinsam den Allmächtigen um Erbarmen flehen.

Auf dem Dach angekommen, stellte sich Abba auf die eine Seite, die Frau auf die andere. Sogleich erschienen Regenwolken am Himmel über der Ecke, wo die Frau stand, und erst danach auch über Chilkija. Und tatsächlich fing es an zu regnen. Da stiegen sie vom Dach herab.

TAGELÖHNER Den ganzen Tag hatten die Männer Chilkijas rätselhaftes Handeln beobachtet und dachten, es sei jetzt an der Zeit, ihn zu fragen, was die Dinge bedeuten, die sie so erstaunen ließen. Also fragten sie ihn: »Als wir dich begrüßten, erhobst du nicht dein Gesicht. Warum?« Er erwiderte: »Ich bin Tagelöhner und darf nicht müßig sein.« »Warum hast du das Bündel Reisig auf die eine Schulter genommen und dein Gewand auf die andere?« – »Nun, das Gewand habe ich ausgeborgt. Ich darf es wohl tragen, aber zu nichts anderem gebrauchen.«

»Warum gingst du den ganzen Weg barfuß und zogst deine Schuhe erst an, als du ins Wasser tratest?« – »Nun, den ganzen Weg über sehe ich, wohin ich trete, doch im Wasser kann ich es nicht sehen.«

»Aber warum hast du dein Gewand hochgehalten, als du durch das Dornengestrüpp gingst?« – »Die Haut verheilt wieder, aber ein zerrissenes Kleid wird nicht wieder ganz.«

»Warum kam dir deine Frau, als du die Stadt betratest, so reich geschmückt entgegen?« Chilkija schmunzelte: »Damit ich kein Auge auf eine andere Frau richte.« »Warum betrat sie als erste das Haus, danach du und als letzte wir?« – »Weil ich noch nicht erprobt hatte, ob ihr züchtig seid.« »Warum gabst du deinem älteren Sohn nur eine Portion, dem jüngeren aber zwei?« – »Weil dieser zu Hause bleibt, der andere aber ins Lehrhaus geht.«

Und dann fragten sie: »Warum zogen die Wolken erst von der Seite auf, an der deine Frau stand, und erst danach auf deiner Seite?« Da antwortete er: »Weil die Frau, die das Haus hütet, einem Bettler Brot gibt und sofort seinen Hunger stillt, während ich da draußen einem Bettler nur Geld geben kann.«

Der Talmud resümiert: Das Wohltun der Frau ist geschwinder und unmittelbar – und deshalb wird es auch schneller belohnt.

Israel

In Deboras Fußstapfen

Seit 2018 versuchen Frauen, an den Halacha-Prüfungen des Oberrabbinats teilzunehmen. Nun ist es ihnen gelungen

von Sophie Goldblum  08.05.2026

Talmudisches

Die Zahl 80

Was unsere Weisen über die wahre Stärke im Alter lehren

von Avi Frenkel  07.05.2026

Redaktion

Die Menschen hinter der Jüdischen Allgemeinen

Wer textet und redigiert, gestaltet, illustriert und organisiert heute die Jüdische Allgemeine? 18 Menschen, neun Ressorts – wir stellen uns vor

 07.05.2026

Essay

Brandbeschleuniger Hass auf Israel: Der Gesetzgeber darf nicht länger wegschauen

Wer auf unseren Straßen »Tod Israel« ruft, kann bislang in der Regel ohne strafrechtliche Konsequenzen bleiben. Das zermürbt die Demokratie

von Volker Beck  07.05.2026

Medien

Worte wiegen schwer

Was dürfen Journalisten? Auch Pressekodex und Gesetz kennen Grenzfälle. In der jüdischen Ethik wirft der Chafetz Chaim einen interessanten Blick auf die Frage, was an die Öffentlichkeit gehört

von Mascha Malburg  07.05.2026

Behar–Bechukotaj

Vom Joch befreit

Wie der Ewige seinem Volk die Last der Unterdrückung nimmt

von Rabbiner Avraham Radbil  07.05.2026

Jubiläum

Starke Stimme

Vor 80 Jahren erschien die erste Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen. Mehr denn je braucht es eine präsente und selbstbewusste jüdische Zeitung in Deutschland

von Philipp Peyman Engel  07.05.2026

Interview

Josef Schuster: »Juden und Muslime sind keine Erzfeinde«

Bald startet der Katholikentag in Würzburg. Mit dabei: der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster. Welche Tipps er für Gäste hat - und wie er auf Juden, Christen und Muslime in aufgeheizten Zeiten blickt

von Leticia Witte  06.05.2026

Meinung

Wir haben ein Problem – und wir müssen endlich darüber reden

Ein Weckruf über verfehlte Migration, ausländische Einflussnahme und das ohrenbetäubende Schweigen der »Progressiven«

von Jacques Abramowicz  05.05.2026 Aktualisiert