Tezawe

72 Buchstaben

Der Hohepriester im Gewand mit Brustplatte (Farblithographie um 1880) Foto: picture-alliance / akg-images

Tezawe

72 Buchstaben

Jedes Wort der heiligen Sprache trägt eine innere Essenz in sich. Der Zahlenwert eines jeden Begriffs hat eine besondere Bedeutung

von Vyacheslav Dobrovych  27.02.2026 11:58 Uhr

Im Wochenabschnitt Tezawe lesen wir, dass an der Kleidung des Kohen Gadol, des Hohepriesters, eine Brustplatte, der Choschen, befestigt sein musste. Auf dieser Brustplatte befanden sich zwölf Edelsteine, und auf jedem war der Name eines der zwölf Stämme Israels eingraviert. Die Tora lehrt, dass diese zwölf Steine in vier Reihen zu je drei Steinen angeordnet werden sollten.

Unsere Weisen überliefern, wie genau die Inschriften auf den Steinen gestaltet waren. Jeder Stein trug exakt sechs Buchstaben. Auf jedem Stein war zwar der Name eines Stammes eingraviert, doch viele der Stammesnamen bestehen aus weniger als sechs Buchstaben. So hat etwa der Name Re’uwen im Hebräischen nur fünf Buchstaben. Diese Diskrepanz wurde dadurch ausgeglichen, dass zusätzlich die Worte »Awraham«, »Jizchak« und »Schivtei Jeschurun« (die Stämme Jeschuruns) verwendet wurden. Die Buchstaben dieser Worte ergeben zusammen mit den Buchstaben der zwölf Stammesnamen exakt 72 Buchstaben.

Die Frage, die sich hier stellt, lautet: Warum ist es so wichtig, dass die Brustplatte genau 72 Buchstaben enthält? Zwar mag es ästhetisch ansprechender sein, wenn jeder Edelstein gleichmäßig gefüllt ist, doch kann dies kaum der eigentliche Grund sein.

Der Dienst im Tempel ist der Kanal, durch den Segen und Fülle in die Welt fließen

Der Dienst im Tempel ist der Kanal, durch den Segen und Fülle in die Welt fließen. Daher trägt jedes Objekt im Tempel – und selbst das kleinste Detail – eine tiefe symbolische Bedeutung. Nichts ist zufällig oder bloß der Ästhetik geschuldet.

Rabbeinu Bechaje (1255–1340) erklärt, dass die Welt in sechs Tagen erschaffen wurde, wie wir im 1. Buch Mose lesen. Jeder dieser Tage bestand aus zwölf Stunden, ebenso jede Nacht aus zwölf Stunden. Somit wurde die Welt in insgesamt 72 Stunden erschaffen. Die Zahl 72 entspricht zudem dem Zahlenwert des Wortes »Chesed« (Barmherzigkeit), denn der Sinn der Schöpfung besteht darin, die Barmherzigkeit des Schöpfers zu offenbaren.

Auch bei der Spaltung des Meeres begegnet uns diese Zahl. Die Verse 19, 20 und 21 im 14. Kapitel des 2. Buches Mose – die Verse, die der Spaltung des Meeres unmittelbar vorausgehen – bestehen jeweils aus genau 72 Buchstaben. Jeder, der einmal einen Text verfasst hat, weiß, wie ungewöhnlich es ist, in drei aufeinanderfolgenden Sätzen exakt dieselbe Anzahl von Buchstaben zu verwenden, insbesondere bei einer so großen Zahl. Umso bemerkenswerter ist dies an einer der zentralsten Stellen der gesamten Tora. Auch hier scheint die Zahl 72 nicht zufällig, sondern bewusst gewählt zu sein.

In der hebräischen Sprache gibt es zudem die Tradition des vollständigen Ausschreibens von Buchstaben. Der Buchstabe Jud, der den Laut J trägt, wird vollständig ausgeschrieben als Jud–Waw–Dalet.

In einem einzelnen Buchstaben verbergen sich zwei weitere Buchstaben

In einem einzelnen Buchstaben verbergen sich somit zwei weitere Buchstaben. Die zugrunde liegende Idee ist, dass jedes Wort der heiligen Sprache eine innere Essenz trägt, während das vollständige Ausschreiben mit den »verborgenen« Buchstaben einen noch tieferen Einblick in diese Essenz ermöglicht.

Der heilige G’ttesname im Judentum besteht aus vier Buchstaben, von denen sich drei unterscheiden: Jud, He, Waw und erneut He. Bei vier Buchstaben mit drei unterschiedlichen ergeben sich zwölf mögliche Buchstabenkombinationen. Wird dieser Name jedoch vollständig ausgeschrieben, entstehen aus den vier Buchstaben insgesamt zehn Buchstaben. Der Zahlenwert dieses vollständig ausgeschriebenen
G’ttesnamens beträgt exakt 72.

Botschaft Die Botschaft der Brustplatte mit ihren zwölf Steinen, angeordnet in vier Reihen zu je drei Steinen und versehen mit genau 72 Buchstaben, ist somit tiefgehend: Der G’tt, der die Welt in
72 Stunden aus Barmherzigkeit erschuf, ist derselbe, der Meere zu spalten vermag. Die Barmherzigkeit ist das Attribut, das Sein Wesen in besonderer Weise kennzeichnet.

Eine weitere Lehre, die wir aus der Zahl 72 ziehen können, ist die folgende: Das Volk Israel wird von den Weisen mit einer Taube verglichen. Diesen Vergleich finden wir bereits beim Propheten Hosea, der sagte (11,11): »Sie (die Juden zur Zeit des Messias) kommen … wie Tauben aus dem Land Assur; und ich will sie wieder wohnen lassen in ihren Häusern, spricht der Ewige.«

Das hebräische Wort für Taube lautet »Jona«. So wird auch das Buch des gleichnamigen Propheten Jona als Metapher für das Volk Israel verstanden: ein Volk, das sich mitunter weigert, seine Rolle als »Königreich von Priestern und heiliges Volk« zu leben, letztlich jedoch zu seiner Mission findet und die Völker der Welt – symbolisiert durch die Stadt Ninive – zur Umkehr aufruft.

Aus dem Wochenabschnitt Noach wissen wir, dass es 70 Nachkommen Noachs gab, aus denen die Völker der Erde hervorgingen. Daher sprechen unsere Weisen von den »70 Völkern der Welt«. Das Wort Jona hat den Zahlenwert 71. Die Taube (71), also Israel, steht somit zwischen der Zahl der g’ttlichen Offenbarung (72) und den Völkern der Welt (70).

Die Zahl Acht symbolisiert im Judentum das Übernatürliche, während die Sieben für das Natürliche steht

Eine ähnliche Struktur finden wir beim Kohen. Die Zahl Acht symbolisiert im Judentum das Übernatürliche, während die Sieben für das Natürliche steht. So dauert Chanukka, ein Fest, das das übernatürliche Ölwunder feiert, genau acht Tage, während der Schabbat, der die Erschaffung der natürlichen Welt vollendet, am siebten Tag stattfindet.
Das Wort Kohen hat den Zahlenwert 75. Da es in der hebräischen Numerologie keine Kommastellen gibt, ist 75 der Weg, etwas auszudrücken, das zwischen sieben und acht liegt.

Genauso wie der Kohen, der Priester, durch seinen Tempeldienst als Vermittler zwischen dem Übernatürlichen und dem Natürlichen fungiert, ist auch das Volk Israel als »Kohen unter den Völkern« ein Mittler zwischen G’tt und der Welt – ein Volk, das durch seinen Dienst und sein Beispiel seiner Rolle gerecht werden muss.

Der Autor ist Religionslehrer und Sozialarbeiter der Jüdischen Gemeinde Osnabrück.

inhalt
Der Wochenabschnitt Tezawe berichtet davon, wie den Kindern Israels aufgetragen wird, ausschließlich reines Olivenöl für das Ewige Licht, das Ner Tamid, zu verwenden. Auf Geheiß des Ewigen soll Mosche seinen Bruder Aharon und dessen Söhne Nadav, Avihu, Eleazar und Itamar zu Priestern machen. Für sie übermittelt die Parascha Bekleidungsvorschriften. In einer siebentägigen Zeremonie werden Aharon und seine Söhne in das Priesteramt eingeführt. Dazu wird Aharon angewiesen, Weihrauch auf einem Altar aus Akazienholz zu verbrennen.
2. Buch Mose 27,20 – 30,10

Kommentar

Die Kotel ist für alle da

Die Klagemauer könnte in Zukunft einzig vom orthodoxen Rabbinat verwaltet werden. Was als Schutz der Heiligkeit verkauft wird, wäre ein Angriff auf religiöse Vielfalt

von Sophie Goldblum  27.02.2026

Talmudisches

Wunder und Weisheit

Was unsere Weisen über die Kraft des Gebets und die Verantwortung des Menschen lehren

von Rabbiner Avraham Radbil  27.02.2026

Purim

Die geniale Königin

Ein Detail in der Megilla verrät, wie gekonnt Esther ihren Mann Ahasveros gegen Haman aufbrachte, um ihr Volk zu retten

von Rabbiner Yehuda Teichtal  26.02.2026

Teruma

Geben und Nehmen

Das menschliche Leben ist von Abhängigkeiten geprägt. Wer dies akzeptiert, öffnet sich für die Gemeinschaft und die göttliche Gegenwart

von Guy Balassiano  20.02.2026

Talmudisches

Den inneren Löwen besiegen

Was unsere Weisen über die physische Wirklichkeit hinter der spirituellen Realität des Tanach lehrten

von Vyacheslav Dobrovych  20.02.2026

Rezension

Religionsunterricht für Erwachsene

Ein neues Buch erklärt den deutschsprachigen Lesern den jüdischen Jahreszyklus – mit Witz und aktuellen Beispielen

von Yizhak Ahren  20.02.2026

Septuaginta

Wunder und Bedrohung

Die Übersetzung der Hebräischen Bibel ins Griechische wird in der jüdischen Tradition ambivalent betrachtet. Das zeigt besonders das Buch Esther

von Yonatan Amrani  19.02.2026

Potsdam

Die Rabbinerausbildung stärken

Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg und Nathan Peter Levinson Stiftung vereinbaren enge Zusammenarbeit

 18.02.2026

Mischpatim

Eine Frage der Verantwortung

Die Tora lehrt, das eigene Wirken immer in einem größeren Zusammenhang zu sehen

von Rabbiner Aharon Ran Vernikovsky  13.02.2026