Dialog

Zwischen Vatikan und Juden geht nach dem 7. Oktober kaum noch was

Aussicht vom Petersdom auf die Vatikanstadt bzw. Rom / Basilica di San Pietro Foto: picture alliance / pressefoto_korb

Kaum etwas hat in den vergangenen Jahrzehnten das Verhältnis zwischen dem Judentum und dem Vatikan so belastet wie der 7. Oktober 2023 und seine Folgen. Es begann mit den Reaktionen christlicher Vertreter in Nahost, von denen manche einseitig mit der Sache der Palästinenser sympathisieren. Sie verurteilten die Massaker an Menschen in Israel durch die Hamas aus Sicht der Regierung in Jerusalem nicht klar genug.

Und in den folgenden Monaten solidarisierten sich christliche - auch katholische - Vertreter immer wieder mit der leidenden Bevölkerung im Gazastreifen. Dabei ließen sie aus Sicht Israels eine ähnlich klare Verurteilung des Terrors vom 7. Oktober vermissen, der Auslöser des Kriegs war.

Papst Franziskus provozierte Israel

Papst Franziskus, der täglich mit der einzigen katholischen Pfarrei in Gaza telefonierte, formulierte im Vorwort eines Buches 2024 Sätze, die in Israel mit großer Sorge registriert wurden. Dort hieß es: »Nach Ansicht einiger Experten weist das Geschehen in Gaza die Merkmale eines Völkermords auf.«

Der Vorwurf des Völkermords durch Israel wurde schließlich Ende Mai 2024 bei einer Kulturveranstaltung in der Vorhalle des Petersdoms explizit ausgesprochen - wenn auch nur von einer prominenten Gastrednerin (Tawakkol Karman) aus dem Jemen. Der Protest der israelischen Botschaft beim Heiligen Stuhl folgte umgehend.

Wieder einmal zeigte sich, dass Israel und das Judentum ebenso wenig voneinander zu trennen sind wie der Vatikan und die katholische Kirche. Und so gab es neben den Spannungen auf dem politisch- diplomatischen Feld auch im Dialog zwischen den beiden Glaubensgemeinschaften seither nicht mehr viel Erfreuliches.

Kongresse mit wenig Wirkung

Das fing an mit einem großen Kongress an der Päpstlichen Universität Gregoriana, bei dem es um die Rolle von Papst Pius XII. angesichts der Judenvernichtung ging. Der hochkarätig besetzte, von jüdischer wie katholischer Seite massiv unterstützte Kongress begann zufällig zwei Tage nach dem Massaker vom 7. Oktober.

Die vatikanischen Mitveranstalter hatten ursprünglich gehofft, dass nach der Freigabe bisher unveröffentlichter Archivmaterialien endlich ein anderer, weniger polemischer Blick auf das Handeln des Papstes im Zweiten Weltkrieg möglich würde. Doch wegen der Ereignisse in Israel und im Gazastreifen konnten etliche israelische Teilnehmer nicht kommen, und der gesamte Kongress wurde vom Geschehen in Nahost überschattet.

Am Rande bemerkte ein jüdischer Beobachter verbittert, dass der Vatikan zu dem Pogrom des 7. Oktober offenbar ähnlich ungenügend reagiere wie seinerzeit der Papst beim Holocaust. Und so verpuffte die erhoffte versöhnende Wirkung des ambitionierten Treffens von Historikern und Theologen, noch bevor sie sich überhaupt entfalten konnte.

Ähnlich erging es dem Vatikan mit einer anderen Konferenz an der Gregoriana im November 2025. Dort sollte der 60. Jahrestag der Konzilserklärung »Nostra aetate« begangen werden, die das Verhältnis der Kirche zum Judentum auf eine neue Basis gestellt hatte. Ausgerechnet dort sorgte der Schweizer Jesuit Mario Imperatori für einen Eklat, als er in seinem Vortrag eine Ähnlichkeit zwischen dem Vorgehen Israels im Gaza-Krieg und dem Genozid an den Juden im Dritten Reich behauptete.

Dialog »so gut wie tot«

Ein Vorfall am Rande des Kongresses, als angeblich ein Schweizergardist verächtlich von Juden gesprochen und dabei ausgespuckt haben soll, rundete das Bild des verunglückten Versöhnungsjubiläums ab. Wohl nicht ganz unzutreffend hieß es in den letzten Monaten inoffiziell aus dem Vatikan, der jüdisch-katholische Dialog sei »so gut wie tot«.

Einen Wiederbelebungsversuch startete Papst Leo XIV., als er am 22. Juni ein gemeinsames Papier von drei Vatikan-Dikasterien zum interreligiösen Dialog unterzeichnete. Es enthielt zahlreiche Formulierungen, die der jüdischen Seite entgegenkommen, darunter auch die Feststellung, dass nicht nur das »Erste Testament«, also der von Juden und Christen gemeinsam anerkannte vorchristliche Teil der Bibel, sondern auch das Judentum der folgenden Jahrhunderte für die Christen und ihren Glauben wichtig sei.

Betriebsunfall beim Aussöhnungsversuch

Doch wie schon bei früheren Aussöhnungsversuchen gab es auch diesmal einen Betriebsunfall. Im Text wurde ein Satz aus einem älteren Vatikan-Dokument von 1985 zitiert. Dort hieß es: »Jesus war Jude und ist es immer geblieben (...) Jesus war voll und ganz ein Mensch seiner Zeit und seines jüdisch-palästinischen Milieus des ersten Jahrhunderts, dessen Ängste und Hoffnungen er teilte.«

Diese geografische Zuordnung in einem 40 Jahre alten Zitat sowie das Fehlen der Bezeichnung »Israel« in der gesamten Note löste Unbehagen auf jüdischer Seite auf. Der römische Oberrabbiner Riccardo Di Segni kommentierte das in einer jüdischen Zeitschrift negativ und merkte an, der Vatikan verstehe offenbar nicht, welche wichtige Rolle auch die staatliche Dimension Israels für die Juden habe.

Drei Jahre nach den Massakern vom 7. Oktober und dem Beginn des Gaza-Kriegs scheinen die jüdisch-vatikanischen Beziehungen noch immer weit von dem Niveau entfernt, das zur Jahrtausendwende bestand. Damals markierte der Besuch von Papst Johannes Paul II. an der Tempelmauer in Jerusalem einen seither nicht mehr annähernd erreichten historischen Höhepunkt.

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