Ukraine

Wütende Ohnmacht

Marina Weisband Foto: imago images/Jürgen Heinrich

Ukraine

Wütende Ohnmacht

Nach zwei Jahren Krieg trauert unsere Autorin über eine zerstörte Heimat – und will dennoch die Hoffnung nicht aufgeben

von Marina Weisband  22.02.2024 10:05 Uhr

Ich war das letzte Mal 2019 in der Ukraine. Das war vor der Pandemie. Jedes Jahr war ich dort. Habe meine Familie gesehen. Jede Straße und jedes Haus in Kyiv gekannt. Und jedes Jahr hoffe ich darauf, zurückkehren zu können. Seit zwei Jahren ist ein Teil von mir dort. Jeden Tag. Bei jeder Meldung, jeder Analyse, jedem Telefonat mit der Familie.

Bald zwei Jahre dauert Russlands Invasion nun an. Die Verwandten werden älter. Die Städte verändern sich. Häuser werden zerstört. Menschen sterben. Jeden Tag. Inzwischen ist das Alltag.

Was bleibt nach zehn Jahren Krieg? Nach zwei Jahren voller Invasion? Ein verzweifelter Abwehrkampf. Eine völlig unklare Aussicht. Eine bleierne Erschöpfung. Und eine unbändige Wut.

»Sind die Ukrainer nicht müde vom Krieg?«, werde ich von deutschen Medien gefragt. Natürlich sind sie es. Aber was sollen sie denn tun? »Es kostet unglaubliche Opferbereitschaft, sein Land so zu verteidigen«, sagen die Deutschen. Nein! Es kostet größere Opferbereitschaft, sein Land aufzugeben und einer mordenden, vergewaltigenden und Kinder entführenden Armee zu überlassen. Wenn man mit dem Rücken zur Wand steht, kann man müde sein und verzweifelt und verloren, aber man macht trotzdem weiter. Denn was soll man sonst tun?

Euphorisch auf dem Maidan

Ich war euphorisch auf dem Maidan 2014. Die Ukraine erhob sich gegen die sowjetisch-autoritaristische Tradition und kämpfte für die Demokratie. Die Ukraine wollte ein westliches, freies Land werden. Die EU stellte einen baldigen Beitritt in Aussicht. Natürlich konnte Putin das nicht auf sich sitzen lassen.

Entgegen meinen Befürchtungen erkannte die Weltgemeinschaft recht schnell, dass Russland einen Angriffskrieg führt.

Als er Signale setzte und die Krim annektierte, reagierte der Westen nicht mit Unterstützung der Ukraine, sondern mit Passivität. Es gab etwas Kritik, aber auch den Bau von Nord Stream 2. Man kehrte zum Tagesgeschehen zurück. Sehr deutlich wurde die ausgestreckte Hand wieder gesenkt.

Im Frühling 2022 war ich optimistisch. Entgegen meinen Befürchtungen erkannte die Weltgemeinschaft recht schnell, dass Russland einen Angriffskrieg führt. Und stellte sich dagegen. Überwältigende Solidarität auf den Straßen, Olaf Scholzʼ Zeitenwende-Rede, Sanktionen gegen Russland. Man versprach der Ukraine Hilfe – vor allem in Form von Waffen.

Kyiv wurde erfolgreich verteidigt, und Putin musste verstehen, dass sein Plan gescheitert war. Die Ukraine hatte eine echte Chance, die kriegerische Ausbreitung des Faschismus im Keim zu ersticken. Es gab in dieser Zeit Panik unter russischen Kriegs­analysten. Und aus der Ukraine optimistische Prognosen: Wenn sie alles bekämen, was versprochen wurde, könne man Russland bis Sommer 2022 zurückschlagen.

Der Westen lockt die Ukraine – und lässt sie fallen.

Doch das Versprochene wurde nicht geliefert. Meine stille Hoffnung, im folgenden Jahr die Familie wiederzusehen, verflog. Zu viel Zögern und Zurückhaltung. Ich schrieb und erklärte und bettelte dagegen an: »Wir bekommen zu viel zum Sterben und zu wenig zum Leben!«

Ein ähnliches Hoffen und Verzweifeln wiederholte sich im Herbst 2022, als die Ukraine mit der Befreiung von Kherson und der Kharkiver Region einen neuen Schwung erlebte – und die westlichen Waffenlieferungen für einige Monate praktisch eingestellt wurden.

Ukrainische Gegenoffensive

Der Westen wunderte sich darüber, warum die ukrainische Gegenoffensive nicht so gut laufe. Ja wie denn auch? Man hatte Putin Zeit gelassen, neu zu mobilisieren und Verteidigungslinien zu festigen. Jede solcher überraschten Analysen fuhr mir unter die Haut und zerstörte einen Teil in mir. Einen Teil des Glaubens an die Menschheit und an die Verteidigungsfähigkeit des Westens und der Demokratie.

Dabei könnte man alles, was passiert, durchaus als rationalen Schachzug betrachten. Warum sollte es für die NATO nicht die nachhaltigere Lösung sein, Russland nicht direkt abzuschrecken, sondern über eine lange Zeit in der Ukraine ausbluten zu lassen, um die russische Wirtschaft und Verteidigungsfähigkeit zu reduzieren? Wie lässt sich anders erklären, dass US-Präsident Biden noch vor der Invasion gesagt hat, die NATO würde nicht eingreifen, wenn Russland in der Ukraine einmarschiert?

Schon damals wurde das von vielen ukrainischen Analysten als Einladung verstanden. Und seitdem ist die Unterstützung der Ukraine genau das: ein wohlregulierter Tropf der Lebenserhaltung eines Krieges, der jeden Tag Hunderte Menschen tötet, Kindern ihre Eltern nimmt und Eltern ihre Kinder. Weil diese Menschen in der Geopolitik kein Begriff sind.

Man könnte alles, was passiert, durchaus als rationalen Schachzug betrachten.

Und während der Westen wiederholt lockt und die Ukraine mit einer Hand auf seine Seite zieht und mit der anderen fallen lässt, fragen sich die Ersten in der Ukraine, wie lange sie sich noch an der Nase herumführen lassen.

Budgetplanungen für die nächsten zehn Kriegsjahre

Während die USA Budgetplanungen für die nächsten zehn Kriegsjahre anstellen, wird die Ukraine zehn Jahre Krieg nicht mehr überleben. Die Tapfersten sterben täglich. Die Menschen sind massenhaft traumatisiert. Die Wirtschaft liegt brach. Die Felder sind auf Jahrhunderte vermint. Die Natur hat unrettbar Schaden erlitten. Was bleibt, ist eine zerstörte Heimat. Sind tote Verwandte. Ist eine wütende Ohnmacht.

Ich hatte immer zwei Länder, in die ich gehen konnte, falls es in Deutschland zu gefährlich wird. Ich habe die ukrainische Staatsbürgerschaft und kann jederzeit die israelische bekommen. Ich habe Familie in beiden Ländern. Und keines davon ist nunmehr ein sicherer Hafen.

Was passiert mit einem Baum, dessen Wurzeln vergiftet werden? In meinen Wurzeln explodieren Artilleriegeschosse. Aber ich bestehe. Und wir bestehen. Und vielleicht geht das Leben weiter. Und vielleicht kann aus der Ukraine etwas Neues werden, wenn sie sich vom Krieg erholt.
Ich weiß nicht, welche Hoffnung ich habe. Aber ich habe sie. Weil ich keine andere Wahl habe.

Die Autorin ist Psychologin und Beteiligungspädagogin. Sie wurde 1987 in Kiew geboren.

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