Rede

»Wir wollen Impulsgeber sein«

Dieter Graumann Foto: Margrit Schmidt

Gemeinsam bauen wir jetzt eine ganz neue jüdische Gemeinschaft auf, mit Enthusiasmus, Elan, Eifer und Engagement. Und wir wollen sie anders aufstellen als bisher: frischer, moderner, positiver. (...)

Und währenddessen müssen wir uns um viele politische Dinge kümmern, die uns manchmal in den Weg gelegt werden. Wir wollen uns nicht in die Rolle des »Dauermeckerers« schieben lassen. Wir wollen Impulsgeber sein und nicht nur »Dauermahner vom Dienst«. Aber wenn es nottut, dann engagieren wir uns mit Feuer und Leidenschaft. Damit muss jeder in diesem Land weiter rechnen. Und es sind verschiedene Themen, die uns in den vergangenen Monaten beschäftigt haben. Es sind mehr, als uns lieb ist.

hetze Vor ein paar Wochen sind wir mit einem grässlichen Text konfrontiert worden. Günter Grass hatte die Welt mit einem Gedicht beschenkt. Ein Gedicht, das gar keines war, ein Dokument von Hass und Hetze gegen den jüdischen Staat. Darin hat Grass Israel selektiert, ausgesondert, als sei es der Störenfried in der Welt. Ja, es gibt solch eine Stimmung in diesem Land, die flüsternd und raunend transportiert: Ohne Israel ginge es uns besser. »Israel ist unser Unglück«, dieser Titel hätte eigentlich besser gepasst. Und Günter Grass kennt diese Stimmung im Land, er hat sie bedient, befeuert und bestärkt. Das ist ein altes Ressentiment, er hat sich zu seinem Fürsprecher gemacht. Das ist die Schande von Günter Grass. (...)

Dann die Piratenpartei – eine Partei, die aus dem politischen Ozean aufgetaucht ist. Wir haben festgestellt, dass sie in ihren Reihen Geschichtsrevisionismus, Holocaustleugnung und Antisemitismus duldet. Die Partei hat die rechtsradikale Pest an Bord, sie muss ihren Kurs schnell ändern und ihn neu ausrichten, sonst wird sie – und muss es unweigerlich – Schiffbruch erleiden. Auch in dieser Frage, wie übrigens nicht selten, waren wir es, der Zentralrat der Juden, der seine Stimme erhoben hat.

Andere haben sich gerne angeschlossen. Ich stelle wieder einmal fest: Die deutsche Öffentlichkeit wird wahrscheinlich noch lange Zeit die wache, kritische Meinung und Stellungnahme des Zentralrats der Juden brauchen. Und ich kann Ihnen versichern und jeden beruhigen: Sie wird auch weiterhin nicht darauf verzichten müssen.

Gespräch Das NPD-Verbot, das nach der Aufdeckung der NSU-Morde doch relativ rasch wieder im Gespräch war, ist erneut in weite Ferne gerückt. Nicht bei uns. Wir werden immer wieder sagen: Die NPD darf in keinem deutschen Parlament vertreten sein, sie muss verboten werden. (...)

Der Deutsche Fußball-Bund war am Freitag mit einer Delegation in Auschwitz. Dass sie dort waren, das will ich loben und schätzen. (…) Als ich diesen Vorschlag öffentlich geäußert habe, hatte ich jedoch eine ganz andere Idee im Kopf. Ich hatte gesagt: Wenn die deutsche Nationalmannschaft, die großen Sportidole von heute, wenn sie alle zusammen eine Gedenkstätte besuchen, welche Wirkung hätte das? Wir würden Hunderttausende von jungen Menschen erreichen, die wir nicht mit Tausenden Gedenkreden erreichen könnten.

Nun ist etwas ganz anderes dabei herausgekommen. (…) Als ich diesen Vorschlag machte, hat Oliver Bierhoff mir öffentlich widersprochen. Er sagte, man könne doch einen solchen Besuch nicht einfach so beschließen, das sei der Nationalmannschaft nicht zuzumuten. Und dann schlug er vor, man könne doch ein Kamingespräch zum Holocaust in Polen führen. (…) Wir denken und fühlen dazu: Erst hat man unsere Menschen in Auschwitz vergast, verbrannt und dann durch den Kamin gejagt. Wie zum Beispiel meine Großeltern. Und jetzt schlägt uns der Manager der deutschen Nationalmannschaft ein Kamingespräch zum Holocaust vor.

Sensibilität Eine solch kolossale Gefühls- und Geschmacklosigkeit finden wir noch immer entsetzlich. (…) So kann man heute mit der jüdischen Gemeinschaft nicht mehr umgehen, das werden wir uns nicht gefallen lassen. (…) Mit dem DFB haben wir in den vergangenen Jahren viel Vertrauen aufgebaut. Ich habe mich eingesetzt dafür, dass der bisherige Präsident Theo Zwanziger im Jahr 2009 den Leo-Baeck-Preis bekommen hat, weil er den DFB auf einen neuen Weg von Menschlichkeit und Sensibilität geführt hat. Und ich bin auch nach wie vor der Ansicht, dass es beim DFB kluge Menschen mit besten Absichten gibt. (...)

Ein anderes Thema ist die Olympiade, die in ein paar Wochen in London eröffnet wird. Ein großes Fest, wir freuen uns alle darauf. Nun ist es aber ganz genau 40 Jahre her, dass in München elf israelische Sportler und ein deutscher Polizist ermordet wurden.

Es gibt jetzt eine Petition von mehr als 50.000 Menschen, die sich wünschen, dass man bei dieser Eröffnungsfeier eine Gedenkminute abhält, in Erinnerung an die Ermordeten. Eine Minute für eine Trauer, die 40 Jahre währt, die in den Familien nie aufhören wird, ein Schmerz, der niemals endet. Das Internationale Olympische Komitee hat diese Bitte schroff, wortkarg und gefühlskalt abgelehnt. Das ist unsportlich, unmenschlich. Das ist ohne Empathie. (...)

Geste Aber es ist schön, dass wir nicht alleine sind mit unserer Meinung. Ich war in den letzten Tagen mit dem Bundespräsidenten in Israel. Bei seinem Besuch hat er ein Gespräch mit Teilnehmern der damaligen Olympiamannschaft geführt. (...) Joachim Gauck war sehr gut informiert. Danach gab es eine Pressekonferenz, bei der er auf meinen erst kürzlich in der »Welt« erschienenen Artikel zu diesem Thema aufmerksam machte und sagte: »Diese Worte haben mich sehr bewegt, und ich mache mir diesen Wunsch ausdrücklich zu eigen.«

Und er fügte hinzu, dass er hier nichts bewirken könne, aber wenn er in London sei, dann würde er den IOC-Präsidenten fragen, wie eine derartige Entscheidung zustande käme, für die er persönlich kein Verständnis habe. Wann je zuvor hatte sich ein derart hochrangiger Politiker so undiplomatisch und direkt für eine immerhin kontroverse Forderung des Zentralrats der Juden eingesetzt? Das war eine große Geste des Bundespräsidenten, und ich danke ihm dafür.

Es war der erste Staatsbesuch des Bundespräsidenten. Dabei hat er immer und immer wieder die Botschaft verkündet, dass er fest an der Seite Israels stehe. Nun haben Journalisten versucht, einen Widerspruch herzustellen zwischen dem, was die Bundeskanzlerin gesagt hat, und den Worten des neuen Bundespräsidenten. Nun mögen andere das so auslegen. Unser Interesse ist es nicht, hier einen Gegensatz zu konstruieren. Die Bundeskanzlerin ist eine einzigartige Freundin der jüdischen Gemeinschaft und des jüdischen Staates. Das wissen wir alle.

Vokabular Der neue Bundespräsident ist es auch. Jeder hat sein eigenes Vokabular. Der neue Bundespräsident ist wortmächtig und wortsensibel. Das Schönste ist doch eine Kombination: Merkel plus Gauck, Staatsräson plus Herzenssache. Wie schön wäre es, wenn man das für das Verhältnis von Deutschland und Israel miteinander kombinieren könnte. Wenn der Bundespräsident es schaffen könnte, in der deutschen Bevölkerung ein bisschen mehr Verständnis für Israel zu wecken, wäre das gut.

Notwendig wäre es allemal. Denn wir haben bei der Umfrage im »Stern« gesehen, wie unbeliebt Israel in der deutschen Bevölkerung ist. Wir kennen solche Umfragen. Deshalb war es für uns nicht so schockierend. Aber mit rationalen Argumenten ist das nicht mehr nachzuvollziehen. Da müssen andere Dinge untergründig eine Rolle spielen. Israel macht Fehler, natürlich. Aber die Kübel von Hass und Hetze, die man so gerne über dem Land ausschüttet, sind zutiefst ungerecht und schwer zu ertragen. (...)

Existenz Warum versteht kaum jemand in Deutschland, dass Israel sich in einem ständigen Kampf um seine Existenz befindet? Dass diese Existenz stets bedroht ist? Die Feinde des jüdischen Staates wollen das Land vernichten und auslöschen. Mit weniger werden sie sich nicht zufriedengeben. Und auch, wenn wir Juden alleine stünden, das versprechen wir: Dieses Ziel werden sie nie erreichen.

Ja, es gibt die besondere Vergangenheit. Sie begründet eine besondere Verantwortung. Und es ist im Übrigen eine Vergangenheit – das hört man in Deutschland nicht gerne –, von der ich denke, dass sie nie vergeht. Hier gibt es keinen moralischen und zeitlichen Ablasshandel. Aber vielleicht sollten wir etwas anderes noch mehr betonen: den gemeinsamen Fundus an Werten, die für Deutschland und Israel verbindlich sind.

Wir teilen die Hochachtung vor Demokratie, Toleranz und Freiheit. Deutschland und Israel verbindet sehr viel. Für uns jedenfalls gilt: Wir werden immer an der Seite der Menschen dort stehen. Keine Macht der Welt wird jemals unser Engagement für dieses Land mindern können.

Kommentar

Mit schwerem Koffer zurück aus Berlin

Wie ein deutscher Holocaust-Überlebender auf die sich abzeichnende Koalition von SPD und Grünen mit Antisemiten, Terror-Relativierern und anderen Genozid-Schreiern blickt

von Roman Haller  11.10.2026

Schwerin/Rostock

Kurs Rot-Rot-Grün: Verhandlungen starten am Montag

SPD, Linke und Grüne wollen in Mecklenburg-Vorpommern über eine Koalition verhandeln. Dafür stimmten alle drei Parteien. Für die Grünen wäre eine Regierungsbeteiligung dort eine Premiere

 11.10.2026

Franziska Giffey

Nach der Wahl in Berlin

Franziska Giffey spricht sich gegen Koalition mit Linkspartei aus

Die noch amtierende Wirtschaftssenatorin sieht keine Basis für eine Koalition mit der Linken in Berlin. Die SPD-Politikerin fordert klare Positionen im Kampf gegen Antisemitismus. Unterdessen verteidigt Thüringens Ex-Ministerpräsident Ramelow die Sondierer gegen Kritik aus den eigenen Reihen

 11.10.2026

Nahost

Abbas verschiebt Parlaments- und Präsidentenwahl

Der Präsident der palästinensischen Autonomiebehörde, Mahmud Abbas, vertagt die Parlaments- und Präsidentschaftswahlen bis in den Herbst 2027. Seit mehr als zwei Jahrzehnten gab es keine Parlamentswahl mehr

 11.10.2026

Frachtschiffe vor Anker in der Straße von Hormus bei Bandar Abbas (Iran)

Nahost

Bericht: Iran kann noch immer Raketen und Drohnen produzieren

Teheran soll demnach weiterhin gut ausgestattet mit Raketen sein und schnell nachproduzieren können. Die USA sollen zudem Israel gedrängt haben, Iran erneut anzugreifen – alleine

 11.10.2026

Teilnehmer einer Demonstration »United4Palestine« halten Palästinenserflaggen, auch eine Flagge der Linken und eine Queer-Flagge sind zu sehen.

Berlin

Israelfeindliche Demonstration durchs Regierungsviertel

Rund 3.500 Menschen nehmen an der Demonstration unter dem Motto »United4Palestine« teil. Auch Politiker und Aktivisten der Linkspartei waren dabei. Einige Demonstranten wurden festgenommen

 11.10.2026

Feuer am Flughafen von Riad

Saudi-Arabien

Mindestens zwölf Tote bei Angriff auf Flughafen in Riad

Der Konflikt zwischen den vom Iran unterstützten Huthi im Jemen und Saudi-Arabien eskaliert. Bei dem Angriff auf den Flughafen King Chalid gibt es Tote und Hunderte Verletzte. Wie reagiert Washington?

 11.10.2026

Nahost

Test für den Pakt

Was bedeuten die jüngsten Huthi-Angriffe für das Verteidigungsabkommen, das Saudi-Arabien mit Pakistan und der Türkei unterzeichnet hat?

von Reinhard Schulze  10.10.2026

Hans-Georg Lindenau in seinem Ladengeschäft »M99 Gemischtwaren mit Revolutionsbedarf«

Deutschland

Berlin-Kreuzberg: Aushänge gegen Judenhass - Jugendliche greifen Geschäftsinhaber an

Der Staatsschutz ermittelt

 10.10.2026 Aktualisiert