Deutschland

Wir haben ein Problem

Lahav Shapira (r.) im Krankenhaus Foto: screenshot Antonia Yamin

Im demokratischen Diskursraum stehen seit Jahren einige riesige Dickhäuter. Jeder sieht sie. Kaum jemand benennt sie. Wenige wagen es, auf sie hinzuweisen, immer Gefahr laufend, den Saal in Richtung Schmuddelecke der Rechten verlassen zu müssen. Die Metapher des Elefanten im Zimmer stammt aus Dostojewskis Die Dämonen.

Den deutschen Dämon des absichtsvollen Wegschauens pflegen wir hier hingebungsvoll. Aus alter Gewohnheit? Aus Bequemlichkeit? Aus Gleichgültigkeit? Oder wie erklären wir uns, dass es still bleibt in Deutschland, wenn ein jüdischer Student von einem arabischstämmigen Kommilitonen brutal niedergeschlagen und ins Gesicht getreten wird, sodass seine Knochen brechen?

In einer Bar in Berlin-Mitte wurde Lahav Shapira am 2. Februar angegriffen. Der Schwerverletzte ist väterlicherseits der Enkel eines Leichtathletiktrainers, den die Terroristen des »Schwarzen September« 1972 bei den Olympischen Spielen in München ermordet hatten. Mütterlicherseits war Shapiras Großvater der einzige Überlebende seiner Familie nach der Schoa.

Israelfeindliche Aktionen linker Studenten

Shapira hatte vor Wochen in der Freien Universität Berlin, seiner Alma Mater, die israelfeindlichen Aktionen linker Studenten beobachtet und Fotos der Hamas-Geiseln aufgehängt. Jetzt liegt der Israeli im Krankenhaus, mit mehreren Knochenbrüchen, er musste operiert werden.

Diese Tat interessiert hier ein paar Journalisten, die jüdische Community, und wen sonst? Wo gehen Zehntausende auf die Straße, um gegen derlei Brutalität zu demonstrieren? Warum bleibt es erschreckend ruhig, wenn jüdische Studenten sich nicht mehr in die Unis trauen? Ganz einfach: Niemand will deutlich zwei Elefanten benennen, die da heißen: muslimischer Judenhass und Judenfeindschaft in akademischen Kreisen.

All die Hunderttausenden, die momentan für die Demokratie und gegen die AfD aufstehen, tun dies aus ehrenwerten Motiven. Wir wollen nicht aufrechnen oder vergleichen. Nur ist es kein What­aboutism, wenn wir fragen: Warum protestieren diese ihre Rechtschaffenheit betonenden und auf ihren Einsatz stolzen Bürger nicht auch gegen die immer zahlreicheren radikalen Judenhasser aus arabischen Kreisen, gegen die Bonbonverteiler von der Neuköllner Sonnenallee am 7. Oktober? Warum begehren sie nicht auf gegen die vermeintlich linken Studierenden, die sich unter dem Deckmantel des Antizionismus gemein machen mit Judenhass?

Warum wird nicht gegen die Antisemiten aus der arabischen Community demonstriert?

Die Politik beschwört oft floskelhaft unsere Solidarität mit »jüdischen Mitbürgern«. Und das Volk? Schweigt. Schweigt sehr laut. Sehr deutlich. Sehr beschämend. Nach den unsäglichen israelfeindlichen Aktionen in der Universität der Künste (UdK) in Berlin hat eine Gruppe junger Aktivisten »Fridays for Israel« ins Leben gerufen.

Jeden Freitag demonstrieren diese engagierten Menschen vor Hochschulen oder halten eine Mahnwache – wie jetzt vor der Freien Universität für Lahav Shapira. Ich durfte selbst im Dezember eine Rede halten gegen den allgegenwärtigen Judenhass an Universitäten und habe vor der UdK von meiner Freundin Mima berichtet.

Die Sopranistin aus Jerusalem erwartete in ihrer Wohnung in der Brunnenstraße einen Gesangsschüler, es klingelte, sie schaute durch den Spion, sah einen gänzlich fremden Mann, der grimmig aussah, und begann zu schreien und zu zittern. Mima ist der ruhigste Mensch, den ich kenne, normalerweise. Aber was ist für Juden in Deutschland heute normal? Wieder unter Kontrolle, fragte sie durch die Tür, was er wolle. Es war der Amazon-Bote mit Katzenfutter. Sie war selbst erschüttert, wie schnell sich Ängste aufbauen. Ängste, die nicht irrational sind.

Mein Freund Volker trägt schon lange keine Kippa mehr. In Berlin-Charlottenburg. Viele Juden im Berliner Szenebezirk Prenzlauer Berg setzen über der Kippa stets eine Mütze auf. Einem jüdischen Theaterleiter wurden regelmäßig die Autoreifen zerschnitten. Die Studentin Antonia trägt schon lange keinen Magen David mehr in der Öffentlichkeit, ihr Freund David keine Kippa.

Angst aufgrund ihrer Identität

Sie alle haben Angst aufgrund ihrer Identität. Angst besetzt den jüdischen Alltag in Deutschland. Wäre das kein Grund, sich endlich mit Juden solidarisch zu zeigen? Sich zu positionieren? Meine kleine Rede vor der UdK habe ich vor 50 Menschen gehalten. 50. Und das in Berlin, der Stadt, in der einst die Nazis die Vernichtung des Judentums geplant haben.

Fazit: Die Elefanten im Raum sind mächtig. Aus Furcht, AfD-Positionen zu unterstützen, wird der offensichtliche Judenhass einiger muslimischer Kreise totgeschwiegen. Aus Gleichgültigkeit positioniert sich nur eine verschwindende Minderheit gegen judenfeindliche Aktivitäten an deutschen Hochschulen und Angriffe auf Juden überall. Die Zahlen antisemitischer Straftaten sind seit dem Massaker der Hamas an israelischen Zivilisten dramatisch gestiegen. Es wird Zeit, die Elefanten endlich zu benennen und die Dämonen der Bequemlichkeit und der Gewohnheit zu vertreiben.

Das wäre der erste Schritt, weg von einer oft wohlfeilen Selbstgerechtigkeit hin zu echter Solidarität. Gegen die AfD müssen wir auch weiterhin demonstrieren. Das alles kostet Kraft und Zeit, aber eine demokratische Gesellschaft, die ihre jüdischen Bürger schützt, ist jede Anstrengung wert.

Babyn Jar

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