Geschichte

»Wir haben die Lektion gelernt«

Berndt Schmidt Foto: Thomas Dietze

Geschichte

»Wir haben die Lektion gelernt«

Berndt Schmidt über den Friedrichstadt-Palast Berlin, das 100. Jubiläum und das Bekenntnis zum jüdischen Erbe

von Katharina Schmidt-Hirschfelder  28.11.2019 07:18 Uhr

Herr Schmidt, 1919 gründete der Regisseur Max Reinhardt das Große Schauspielhaus, eine Theaterbühne zwischen Avantgarde und Operette. Als dessen Nachfolger beruft sich der Friedrichstadt-Palast 100 Jahre später explizit auf seine jüdischen Wurzeln. Warum?
Wir verdanken Max Reinhardt die Existenz unseres Hauses. Ich habe mir überlegt: Wer war Max Reinhardt? Er war jemand, der unter Deutschland leiden musste, indem er stigmatisiert, verfolgt, ausgegrenzt und ins Exil getrieben wurde und seinen Besitz verlor, weil er Jude war. Zum 100. Jubiläum um dieses Thema herumzuschleichen, als ob da nichts gewesen wäre, finde ich falsch – gerade in einer Zeit, wo Juden wieder angegriffen werden.

Seit Mittwoch weht vor dem Friedrichstadt-Palast eine Fahne mit Davidstern und dem Bekenntnis »Jüdische Wurzeln seit 1919«. Haben Sie keine Angst vor Anfeindungen?
Allein die Frage zeigt, wie wichtig es ist, das zu machen! Normal wäre: Jemand zieht einen Davidstern hoch, und keinen interessiert es. Jüdisches Leben ist hier und muss sich nicht verstecken – das ist unser Zeichen. Die nichtjüdische Mehrheitsgesellschaft muss sich schützend und bekennend vor jüdisches Leben stellen, gerade nach Halle. Wir machen das nicht als Provokation, sondern aus Respekt vor dem Gründer. Und wir wollen zeigen: Wir sind viele und stehen zum jüdischen Leben in Deutschland.

Ihr Haus ist sehr erfolgreich und beliebt, ebenso bei Berlinern wie Touristen. Wie bewusst ist Ihren Besuchern das jüdische Erbe?
Bewirken kann Kunst, glaube ich, wenig. Kunst kann Verhältnisse nicht ändern. Aber sie kann ein Symbol sein, ein Trost und ein eindeutiges Zeichen. Der Mann, dem wir unsere Gründung verdanken, hat sich, wie viele jüdische Deutsche damals, nicht vordergründig als Jude gesehen. Max Reinhardt war Österreicher und Theatermacher. Aber seit 1933 wurde er von den Nazis entrechtet und starb 1943 im Exil, weil er Jude war. Insofern ist es mir wichtig, uns bewusst offen dazu zu bekennen und das auch ganz deutlich zu zeigen – gerade auch zur Jubiläumsfeier am 29. November.

Sie sind seit Jahren diesbezüglich engagiert – 2015 initiierten Sie ein Denkzeichen neben dem Friedrichstadt-Palast zu Ehren seiner jüdischen Gründer Max Reinhardt und Erik Charell sowie des Architekten Hans Poelzig; 2017, nach dem Einzug der AfD in den Bundestag, distanzierten Sie sich öffentlich von deren Weltbild als »gesellschaftlicher Vergiftung«. Mit welchen Reaktionen leben Sie seitdem?
Wir hatten damals die erste Bombendrohung eines deutschen Theaters mit einer Evakuierung. Und jede Menge schlechte Bewertungen auf Social Media – das Übliche. Besonders empörend fand ich die Täter-Opfer-Umkehr in einem Drittel der Mails – »AfD-Wähler von heute sind die Juden von damals«. Aber so ist das, wenn man sich mit extremen Parteien anlegt, bekommt man extreme Reaktionen. Jede Hassmail bestätigt mich nur darin, dass ich das Richtige tue.

Viele sind der Geschichte überdrüssig, wollen sich nicht mehr damit auseinandersetzen. Haben Sie dabei keine Angst vor Umsatzeinbußen?
Bei bestimmten Themen dürfen Umsatzerwartungen keine Rolle spielen. Da geht es um die Frage: Mache ich das Richtige oder das Falsche? Ich lasse mich nicht von Euro-Berechnungen leiten. Der Davidstern steht für mich in erster Linie für jüdisches Leben. Der riesige Schatten über dem Thema ist natürlich der Holocaust. Damals, als Max Reinhardt nach Berlin kam, gab es ein blühendes deutsch-jüdisches Leben, Stückeschreiber, Komponisten, Schauspieler. Wenn heute ein Davidstern von manchen als Provokation oder israelbezogen wahrgenommen wird, sind das antisemitische Reflexe. Dass man sich damit differenziert auseinandersetzt, erwarte ich auch von unseren Gästen.

1919 war eine Zeit des Umbruchs – die Monarchie war weg, die junge Demokratie versuchte, sich zu festigen. Wie politisch ist der Friedrichstadt-Palast heute?
Soweit ich weiß, schwebte Max Reinhardt ein großes Theater für die Massen schon länger vor, seit 1910. Doch dann machte der Erste Weltkrieg diese Pläne zunichte, sodass Reinhardt sie erst neun Jahre später umsetzen konnte. Wir sind ein Unterhaltungstheater. Ich möchte nicht behaupten, dass wir politisch seien wie etwa das Maxim Gorki Theater oder die Schaubühne. Aber in wesentlichen Themen, die ein Land ausmachen und zusammenhalten, denke ich, dass auch ein Unterhaltungstheater – insbesondere wenn es dem Land Berlin gehört – gewisse Werte klar vertreten muss. Dazu gehören für mich Freiheit, Vielfalt und Demokratie – und eben jüdisches Leben als Bestandteil davon. Entweder ist das eine Sonntagsrede, oder ich meine es ernst.

Sie meinen es auch bei der Jubiläumsfeier ernst. Wie feiern Sie den 100. Geburtstag des Friedrichstadt-Palastes?
Ganz in Max Reinhardts Sinn. Er wollte ein »Theater für alle«. Also öffnen wir unsere Türen am Freitag für ganz normale Berlinerinnen und Berliner: Sie sind für uns die VIPs. Ohne Politikerinnen und Politiker, Promis und Sonntagsreden. Wir feiern das Jubiläum, das wir einem Juden verdanken, angemessen. Insofern ist es richtig und wichtig, sich auch an einem solchen Tag dazu zu bekennen. Wenn er uns sehen könnte, wäre er hoffentlich stolz darauf, dass wir die Lektion gelernt haben.

Mit dem Intendanten des Friedrichstadt-Palastes Berlin sprach Katharina Schmidt-Hirschfelder.

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