Interview

»Wir dürfen nicht wegsehen«

Herr Beck, rechte Aufmärsche, Angriffe auf Flüchtlingsheime und ehrenamtliche Helfer: Wie gefährlich ist die aktuelle Situation?
Es artikuliert sich leider viel Hass und Gewalt auf den Straßen, aber auch in der Öffentlichkeit der Sozialen Medien. Wichtig ist, dass man nicht tatenlos wegsieht.

Leicht gesagt. Was kann man machen?

Es gibt kein Patentrezept, es gibt nicht die eine Antwort, wie Gewalt und Hass zu bekämpfen sind. Jeder ist aufgerufen, in seinem Bereich etwas zu machen. Nicht wegschauen, sondern sich klar dagegen positionieren. Am Sonntag war ich in Köln: Da waren etwa 1000 Menschen dem Aufruf der »Hooligans gegen Salafisten« gefolgt, aber durch eine Gegenkundgebung von vielen Tausenden gelang es, zu zeigen, dass die Mehrheit anders tickt. Widerspruch muss überall geschehen, auch wenn man sich bei Facebook, am Biertisch oder im Betrieb rassistisch oder antisemitisch äußert.

Es gibt die Forderung, Menschen nach rassistischen Postings zu kündigen.
Sicherlich ist auch der Arbeitgeber gefordert, sich zu positionieren, wenn sich einer seiner Angestellten rassistisch äußert. Wegschauen ist keine Option. Wie das arbeitsrechtlich zu beurteilen ist, muss von Fall zu Fall entschieden werden.

Derzeit wird oft vor »importiertem Antisemitismus« gewarnt. Zu Recht?
Zunächst sollten wir nicht jedem Menschen, der aus einem Nachbarland Israels stammt, automatisch Antisemitismus unterstellen. Aber klar ist auch, dass wir Menschen, die hierherkommen, deutlich machen müssen, dass Antisemitismus und Israelhass hier nicht geduldet werden. Es reicht nicht, das Grundgesetz zu verteilen, sondern wir müssen im Rahmen von Integrationsangeboten auch Werte vermitteln: die Unantastbarkeit der Würde des Menschen, die Meinungs- und Religionsfreiheit und die Existenz Israels.

Das reicht?
Ich verstehe, dass es in jüdischen Gemeinden Sorgen gibt. Aber wir sollten auch sehen, dass es für die Menschen, die zu uns kommen, eine offene Situation ist: Die flüchten ja aus einem Land und vor einem Regime, das sie zu Opfern gemacht hat. Vielleicht lernen sie ja auch aus dieser Erfahrung.

Sie erhalten am 4. November den Leo-Baeck-Preis des Zentralrats der Juden. Was bedeutet er Ihnen?
Ich freue mich sehr über diese große Ehre. Ich habe mich erst mal vergewissert, dass ich der erste Abgeordnete bin, der diesen Preis erhält. Ich bin kein Star, kein Mitglied der Bundesregierung, kein Kirchenpräsident und erhalte den Preis wohl nicht wegen meines Status. Dabei habe ich nur lauter Selbstverständlichkeiten getan. Aber es war oft mit sehr heftigen Kämpfen verbunden, sich für die Interessen der jüdischen Gemeinde einzusetzen. Sowohl wenn es um die würdige Erinnerung an die Schoa-Opfer geht, als auch wenn es um aktuelle Bedrohungen geht, etwa wenn über Schächten und Beschneidung diskutiert wird.

Mit dem Bundestagsabgeordneten der Grünen sprach Martin Krauß.

Verhandlungen

Iran pocht auf Freigabe eingefrorener Auslandsvermögen

Die Debatte um blockierte Auslandsvermögen des Iran dominiert zunehmend die Gespräche über ein Abkommen mit den USA. Denn die iranische Wirtschaft steckt in der Krise

 31.05.2026

Kommentar

Tote Juden stören nicht

Unsere Erinnerungskultur liebt Stolpersteine, aber stolpert nicht über den Antisemitismus vor der eigenen Haustür. Wie der Kampf gegen Judenhass am Nekrosemitismus scheitert

von Nelly Eliasberg  31.05.2026

Teheran

Irans Machtapparat: Die wichtigsten Köpfe im Überblick

US-Präsident Donald Trump sprach im Zuge des Iran-Kriegs von »neuen und vernünftigeren« Kräften in Teheran. Dafür erntete er Spott. Doch wer sind die neuen (und alten) Entscheider?

von Arne Bänsch  31.05.2026

Washington

Trump ohne Entscheidung – Iran pocht auf eigene Interessen

Ein Durchbruch bei den zähen Verhandlungen zum Iran-Krieg lässt weiter auf sich warten. Teheran widerspricht Trump in drei Punkten

 31.05.2026

Brüssel

Überwachungsbehörde nimmt Europapartei der AfD ins Visier

Verstößt die Europapartei, zu der auch die »Alternative« gehört, gegen Grundwerte der EU? Die zuständige Behörde sieht Hinweise auf problematisches Vorgehen in Mitgliedsparteien. Kommt ein Verfahren?

von Valeria Nickel  29.05.2026

Beirut

Entwaffnung der Hisbollah - ein unmögliches Unterfangen?

Seit mehr als zwei Jahren attackiert die Hisbollah Israel. Die Regierung in Jerusalem will eine Entwaffnung der Terrororganisation. Doch geht das?

 29.05.2026

Hintergrund

Israel über Guterres: »Sind mit diesem Generalsekretär fertig«

Die Beziehungen zwischen Israel und dem bald aus dem Amt scheidenden UN-Generalsekretär António Guterres sind auf einem neuerlichen Tiefpunkt. Dabei hatte alles ganz anders begonnen

von Michael Thaidigsmann  29.05.2026

Kiel

Mehr als 400 antisemitische Vorfälle im Norden gemeldet

»Die massiven Konsequenzen (...) sind Ausdruck eines wachsend gesamtgesellschaftlich antisemitischen Grundrauschens, das wir seit 2023 beobachten müssen«, so die Dokumentationsstelle Antisemitismus

 29.05.2026

New York

Streit um Bericht zu sexueller Gewalt: WJC kritisiert UN scharf

Narrative, die Israel pauschal delegitimierten, seien problematisch, so der Jüdische Weltkongress. Die ursprünglichen Gründungsideale der Vereinten Nationen müssten wieder in den Mittelpunkt rücken

 29.05.2026