Itzehoe

Wie ein KZ-Überlebender und ein Ex-Nazi ein Mahnmal schufen

Michael Legband, Journalist, Autor und Mahnmal-Chronist, steht an der Gedenksäule für die Opfer des Nationalsozialismus. Foto: picture alliance/dpa

Seit 80 Jahren erinnert in Itzehoe eine Gedenksäule an die Opfer des Nationalsozialismus. »Das Mahnmal in Itzehoe gilt als das früheste bekannte Mahnmal«, sagt der Historiker Oliver Auge von der Kieler Christian-Albrechts-Universität. Das Mahnmal mit der Inschrift »Den Opfern des Nationalsozialismus« wurde am 8. September 1946 eingeweiht.

Vor allem der aus Itzehoe stammende Journalist, Autor und Mahnmal-Chronist Michael Legband setzt sich seit Jahrzehnten dafür ein, dass die Geschichte nicht vergessen wird. »Bald gibt es keine Zeitzeugen mehr, dann benötigen wir solche Anlagen, an denen Menschen der Nazi-Opfer gedenken und ein klares Bekenntnis für Frieden und Demokratie ablegen können«, sagt der 74-Jährige. Er geht davon aus, dass das Mahnmal Vorbildcharakter hatte.

Wie es dazu kam

Schon die Entstehungsgeschichte ein Jahr nach Kriegsende ist besonders. Verfolgte des NS-Regimes, darunter der Filmproduzent und spätere Fernsehproduzent Gyula Trebitsch, haben es 1945 initiiert. Ein Jahr später wurde es errichtet.

Baumeister war der norddeutsche Architekt Johann Friedrich (»Fritz«) Höger (1877-1949). »Ein ehemaliger KZ-Häftling und Vorsitzender der Jüdischen Gemeinschaft Itzehoe, der mit Mühe überlebt hat, baut mit einem ollen Nazi ein Denkmal für die Opfer und als Mahnung«, sagt Legband.

Trebitsch landete nach seiner Befreiung aus dem Konzentrationslager Wöbbelin zur körperlichen Genesung in einem Krankenhaus in Itzehoe. Später erhielt der Mann, der vor dem Krieg bereits in seiner ungarischen Heimat Filme produzierte, von der britischen Militärregierung die Erlaubnis zum Betrieb von zwei Kinos in der Stadt, wie Legband sagt. Obwohl er dazu nicht verpflichtet war, schloss Trebitsch mit dem Theaterbesitzer Pachtverträge.

Symbolhaft und lesbar

Der einst Verfolgte überredete Höger, einen Entwurf zu fertigen. Dessen wichtigstes Werk ist das Hamburger Chile-Haus, damals das größte Bürogebäude Deutschlands.

Die kleine, symbolhafte und lesbare Gedenkanlage war sein letzter Bau, den er als eine Art persönlicher Wiedergutmachung für seine Verstrickungen mit dem Nationalsozialismus begriff. »Er hat mir deutlich gemacht, auf seine offene Art, dass er einst zu den Nationalsozialisten gehörte«, erinnerte sich Trebitsch 1992 in einem Interview mit Legband.

Der 2005 im Alter von 91 Jahren gestorbene Trebitsch (1956 war er etwa der Produzent des Kinohits »Der Hauptmann von Köpenick« mit Heinz Rühmann) erinnerte sich an die Beweggründe Högers: »Aber ich hatte auch den Eindruck, er hatte begriffen, dass dies ein Irrtum war und wollte auch dieses mit dem Bauwerk dokumentieren.«

Letzte große Gedenkfeier

Das Mahnmal besteht aus mehreren Streben, die den Ausdruck des Gefangenseins symbolisieren sollen.

1949 fand zunächst die letzte große öffentliche Gedenkfeier am Mahnmal statt. Die Backsteinsäule spielte danach im gesellschaftlichen Leben der Stadt keine bedeutende Rolle mehr. 1957 wurde es in den abgelegenen damaligen Stadt- und heutigen Cirencester-Park umgesetzt.

Für Historiker Auge ist dies beispielhaft für den Umgang mit der NS-Zeit: »In den 1950er Jahren herrschte in der Tat die Tendenz vor, die zwölf Jahre der NS-Herrschaft zu verdrängen und zu vergessen, und in Schleswig-Holstein, wo viele Alt-Nationalsozialisten eine neue Heimat gesucht und gefunden hatten, war diese Tendenz offenkundig besonders stark ausgeprägt«, sagt Auge.

Wieder zurück an alten Standort

»1951 war die Entnazifizierung offiziell für beendet erklärt worden; faktisch waren die diesbezüglichen Bemühungen gescheitert.« Ein Umdenken habe allmählich erst ab den 80er Jahren stattgefunden, sei aber bereits durch die 68er angestoßen worden.

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»Das Mahnmal hatte keine Lobby, es war von Juden geschaffen worden«, sagt Legband. Neben ihm kümmerten sich vor allem Gewerkschaften und die Jungsozialisten in der SPD um das Denkmal. Der ursprüngliche Standort war allerdings längst in Vergessenheit geraten, sagt Legband. Das sollte sich 1989 schlagartig ändern.

Legband hatte Trebitsch nur als Redner gewinnen wollen. Natürlich komme er für eine Rede an sein Denkmal, habe dieser ihm am Telefon zu verstehen gegeben, sagt der Autor. Dort hätten sie dann allerdings auf Trebitsch warten müssen, der hatte von der Umsetzung nichts gewusst, den neuen Standort schlicht nicht gekannt und war nach Erreichen des neuen Ortes außer sich.

Öffentlicher Fokus

»Wer Geschichte vergisst, verliert sein Gesicht«, mahnte Trebitsch in seiner Rede. Bei seinem Abschied habe er ihm mit auf den Weg gegeben, er solle sich bitte darum kümmern, dass das Denkmal wieder an den ursprünglichen, zentralen Ort versetzt werde, sagt Legband.

Gemeinsam mit dem bekannten Produzenten rückte Legband das Denkmal wieder in den öffentlichen Fokus Itzehoes. Der Zahn der Zeit nagte bereits an dem Bauwerk, dann kamen die rechten Anschläge in Lübeck, Mölln und Solingen. Der Wind drehte sich. Es sollte aber noch Jahre dauern, bis die Stadt ihren Widerstand gegen den Wunsch von Legband und Trebitsch auf Versetzung an den ursprünglichen Standort zustimmte.

Erst 1995 versetzte die Stadt die Backsteinsäule mit acht Inschriften von Zitaten deutscher Dichter zum Wert der Freiheit unter großem finanziellem Aufwand wieder an den ursprünglichen zentralen Standort zurück.

Verdienstkreuz am Bande

»Es war ein echtes Comeback«, sagt Legband. Die damalige Ministerpräsidentin Heide Simonis (SPD) weihte es am neuen-alten Standort ein. »Familie Trebitsch war gerührt«, sagt Legband, der für seine Verdienste rund um das Mahnmal das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland erhalten hat.

Der aktuelle Bürgermeister Ralf Hoppe betont: »Für Itzehoe ist es ein Geschenk, dass sich das erste Mahnmal dieser Art in Nordeuropa in unserer Stadt befindet«. So ein Superlativ sorge für Aufmerksamkeit, zumal das Bauwerk eng verbunden sei mit zwei bekannten Persönlichkeiten. »Doch das eigentliche Geschenk ist vielmehr die Bedeutung des Mahnmals für die lebendige Erinnerungskultur in Itzehoe. Sie ist getragen von bürgerlichem Engagement, das mittlerweile auf die nächste Generation übergegangen ist.« Das Mahnmal sei seit vielen Jahren ein fester Ort für Gedenkfeiern mitten in der Stadt.

»Insgesamt drei Regierungschefs sowie vier Landtagspräsidentinnen und -präsidenten oder ihre Stellvertreter haben am Denkmal gesprochen«, sagt Legband. »Also die Spitzen des Landes.«

»Nicht jede Gedenkstätte ist ein Mahnmal«

Mittlerweile hat Legband die »Patenschaft« für »sein Mahnmal« an das Itzehoer Sophie-Scholl-Gymnasium weitergegeben. Das Jubiläum soll bereits am 6. September (14.00 Uhr) mit seinem stillen Gedenken begangen werden. Verantwortlich ist die Evangelisch-Lutherische Innenstadtgemeinde. »Damit wir das Datum nicht vergessen«, sagt Legband.

Das Land Schleswig-Holstein hat keine zentrale Gedenkstätte. »Im öffentlichen Bewusstsein sind die ehemaligen KZ-Standorte Husum-Schwesing, Kaltenkirchen und Ladelund als Gedenkstätten - gerade wegen der aktiven Arbeit der dort jeweils Engagierten und der Bürgerstiftung - meines Erachtens präsenter«, sagt der Historiker Auge. »Allerdings heißt Gedenkstätte nicht gleich Mahnmal: Nicht jede Gedenkstätte ist ein Mahnmal. Ein Mahnmal kann aber Teil einer Gedenkstätte sein.«

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