Standpunkt

Wenn Recht Unrecht schützt

Michael Wolffsohn Foto: picture alliance / teutopress

Es irrt, wer meint, dass Völkerrecht und Menschenrechte immer deckungsgleich sind. Eigentlich ist diese Tatsache bekannt. Viele verkennen sie jedoch. Sie möchten sie verkennen, was a priori nicht einmal unsympathisch ist, denn: Sowohl Völkerrecht als auch Menschenrechte sind Quantensprünge im Prozess der Zivilisation. Inakzeptabel ist freilich das Verkennen der nicht (immer) bestehenden Deckungsgleichheit, wenn sie ideologisch beabsichtigt und somit Heuchelei ist.

Wiederum ein Kapitel für sich ist die Wirksamkeit der Ethik von Völkerrecht und Menschenrechten. Die historische Erfahrung zeigt: Auch Staaten, die sich zu ihnen bekennen, folgen den schönen Worten nicht mit ihren Taten. Resigniert sagte mir einmal ein kluger Fachmann des Völkerrechts, es sei »sehr wirksam – bei der internationalen Bekämpfung der Blattlaus«. Fürwahr, sehr wahr. Leider.

Zum einen mussten wir dieser Tage und im Jahr 2025 eine Fülle von Beispielen erleben, die jene Tatsache bedauerlicherweise bestätigen. Zum anderen mussten wir klaffende Lücken im Völkerrecht sowie heuchlerische Appelle an Völkerrecht und Menschenrechte wahrnehmen.

Was, wenn die Bürger von ihrer Staatsführung unterdrückt werden?

Die Souveränität sowie die territoriale Integrität bestehender Staaten gehören zum Fundament des Völkerrechts. Gut so. Ein Blick auf die ethnische, religiöse, kulturelle oder sprachliche Zusammensetzung offenbart die meisten der heute bestehenden postkolonialen Staaten als Kunstprodukte. Geschaffen von den jeweiligen Ex-Kolonialmächten. Ohne jede Rücksicht auf ebenjene Faktoren, die überhaupt erst aus einem Staat eine Nation machen, in dem die Bürger ein Wir-Gefühl vereint.

Dieser nahezu globale Sachverhalt zeigt, dass genau die nicht bestehende Deckungsgleichheit territorialer Staats- und Wir-Gruppen-Grenzen sowohl nahezu alle heutigen zwischen- als auch innerstaatlichen Krisen und Konflikte auslöst. Daraus folgt: Die territoriale Integrität bestehender Staaten ist ein Konfliktfaktor, kein Friedensfaktor. Das gilt derzeit nicht nur für die Ukraine, den Kongo, Sudan, Myanmar und den Iran.

Ein Dilemma: Wer etwa das Völkerrecht des Sudan wahrt, missachtet die Menschenrechte.

Das Dogma staatlicher Souveränität ist auf den ersten Blick ethisch einleuchtend. Was aber, wenn, wie im Mullah-Iran, in Maduros Venezuela oder einst in Hitlers Deutschland, die Staatsbürger von ihrer jeweiligen Staatsführung unterdrückt oder gar massenweise ermordet werden? Ist (war) es dann immer noch legitim, die Legalität des Völkerrechts zu achten und dabei die Menschenrechte zu missachten?

Das historische Appeasement von Großbritannien, Frankreich und, ja, auch der USA bis 1939 oder die Diktatoren-Partnerschaft Hitlers und Stalins von 1939 bis 1941 wird heute zu Recht verdammt. Aber ist der Unterschied zum bisherigen Appeasement und teils sogar der politischen Streicheleinheiten seitens der Weltgemeinschaft gegenüber den Maduro-, Mullah- oder Hamas-Diktaturen im Prinzip so viel anders als seinerzeit die Appeasement-Politik gegenüber Hitler-Deutschland?

Die Mullahs, Russland, das vom Westen (minus USA) umworbene China sowie die Pro-Palästina-Weltgemeinschaft schäumten vor rund drei Wochen ob der Entführung Maduros. Kein Wort über dessen Unterdrückung der Menschenrechte. Nicht viel anders die Reaktion auf die Bombardierung der iranischen Atom- und Raketenanlagen durch Israel und die USA. Eine klare Verletzung iranischer Souveränität. Dass eine mörderische Gefahr nicht nur für Nahost und Israel ausgeschaltet wurde, war völkerrechtlich illegal, aber sehr wohl legitim, also im Sinne der Menschen, folglich ein Akt für Menschenrechte.

Die Hamas hält sich nichts ans Völkerrecht

Proportionalität im Krieg gehört zum Völkerrecht. Krieg führt jede Partei, um zu siegen, und jeder Sieg ist disproportional. Insofern ist jenes Dogma unrealistisch. Das Völkerrecht fordert von Guerillakämpfern, dass sie zumindest durch ein Erkennungszeichen als Kämpfer erkennbar sind. Nie hat sich die Hamas daran gehalten. Umgekehrt berufen sich Hamas und deren Rechtfertiger auf die völkerrechtlich gebotene Proportionalität.

Eine Annexion Grönlands durch die USA wäre zweifellos völkerrechtswidrig. Richtig ist auch: Grönland ist – trotz »Autonomie« – faktisch eine Kolonie Dänemarks. Durch das Völkerrecht abgesegnet, gehört Grönland zu Dänemark. Im Klartext: Es ist eine völkerrechtlich abgesegnete dänische Kolonie. Worin besteht der Unterschied zwischen den, ja, Siedlern in den »Überseedépartements« Frankreichs und den jüdischen Siedlern im Westjordanland? Die Antwort: Die Überseegebiete sind bereits annektiert.

Lesen Sie auch

Wo man hinschaut, dieses niederschmetternde Fazit: Auch Demokraten und nicht nur Autokraten reden von und instrumentalisieren Völkerrecht und Menschenrechte je nach Belieben politisch. Mit dem Realisieren hapert es. Schon die alten Römer wussten: »Die Welt will betrogen werden. Also werde sie betrogen.«

Der Autor ist Historiker. Zuletzt erschien von ihm das Buch »Feindliche Nähe. Von Juden, Christen und Muslimen« (Herder).

Kommentar

Absage an Danger Dan und Igor Levit: Das ZDF hat absolut richtig gehandelt

Nicht alles, was nicht justiziabel ist, muss auch gesendet werden. Schon gar nicht unverhohlene Aufrufe zur linksextremen Gewalt und Verherrlichung der »Hammerbande«-Terroristen

von Philipp Peyman Engel  17.07.2026 Aktualisiert

Rechtsterrorismus

NSU-Unterstützerin Susann E. zu zwei Jahren Haft verurteilt

Im Prozess gegen Susann E. in Dresden ist das Urteil gesprochen. Weil sie der NSU-Terroristin Beate Zschäpe mit ihrem Ausweis und ihrer Krankenkassenkarte aushalf, wurde sie verurteilt. In Haft muss sich nicht.

 17.07.2026

Frankfurt am Main

»Widerstand ist Völkerrecht«-Demo darf stattfinden

Laut Staatsanwaltschaft liegt trotz des Demo-Mottos »Palästina darf sich wehren, auch mit Steinen und mit Gewehren« keine Volksverhetzung vor

 17.07.2026

Mainz

»Mutlos«: »Anstalt« reagiert auf Ausladung von Danger Dan

Die Macher der Satiresendung kritisieren die Entscheidung des ZDF deutlich. Auch der Musiker selbst meldet sich nochmal zu Wort - es geht auch um das Thema Gewalt

 17.07.2026

Berlin

SPD-Arbeitskreis fordert Ende deutscher Blockade gegen EU-Kurs zu Israel

»Es ist nicht glaubwürdig, wenn deutsche Waffen dazu dienen, die humanitäre Katastrophe zu verlängern«, sagt der SPD-Bundestagsabgeordnete Ralf Stegner

 17.07.2026

Washington D.C.

Trump-Nachfolge: Juden wenden sich von Vance ab, setzen auf Rubio

Zu den Gründen für den Vertrauensverlust gehören Vorstöße Vances gegen israelische Regierungsvertreter. Rubio hingegen hat schon immer Unterstützung für Israel gezeigt

 17.07.2026

Reform

Die Rente ist sicher

Trotz Stimmungstief in Deutschland: Die Vorschläge der Alterssicherungskommission weisen in die richtige Richtung

von Ayala Goldmann  17.07.2026

TV

Danger Dan contra ZDF: Ein Songtext und seine Folgen

Die Satiresendung »Die Anstalt« beschäftigt sich mit Radikalisierung. Der Rapper Danger Dan, der sich seit Jahren gegen Rechtsextremismus engagiert, sollte auftreten. Doch das ZDF lädt ihn aus

 17.07.2026

Budva

Israelis in Montenegro attackiert: Opfer berichtet von gebrochenem Kiefer

Einer der betroffenen Touristen: »Sie beschimpften uns, traten uns und warfen Stühle nach uns.«

 17.07.2026