Auschwitz-Gedenken

»Wenn du jüdisch bist, musst du sterben«

Holocaust-Überlebender Marian Turski (98) bei seiner Gedenkrede am Montagabend in Auschwitz Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Das Torhaus, jenes berüchtigte Symbol des deutschen Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau, ist rot erleuchtet. Davor steht ein alter Güterwaggon. Mit solchen Wagen ließen die Nazis im Zweiten Weltkrieg ihre Opfer hierher verfrachten. Um Torhaus und Waggon spannt sich ein riesiges Zelt. Das Publikum bei der Gedenkveranstaltung - darunter gekrönte Häupter sowie Staats- und Regierungschefs - sitzt rechts und links von den Eisenbahngleisen.

Diesen Rahmen hat die Gedenkstätte zum 80. Jahrestag der Befreiung des deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagers gewählt. Delegationen aus 56 Ländern sind dafür nach Polen gereist, Deutschland ist mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Kanzler Olaf Scholz vertreten. 

Als Kind in der Hölle von Auschwitz

Doch Politikerreden gibt es diesmal nicht. Das Wort haben diejenigen, die die Hölle von Auschwitz überlebt haben. Was diese hochbetagten Menschen erzählen, lässt einen auch mehr als 80 Jahre später noch erschauern.

»Ich war genauso groß wie die Deutschen Schäferhunde, ich konnte ihnen bei meiner Ankunft in Auschwitz in die Augen sehen«, erzählte die Überlebende Tova Friedman, die als Kind im Alter von fünfeinhalb Jahren gemeinsam mit ihrer Mutter in das Lager verschleppt wurde. Das kleine Mädchen wurde Zeugin, wie jüdische Kinder aus der Baracke nebenan direkt in die Gaskammer geschickt wurden. »Ich dachte: Das ist normal. Wenn du jüdisch bist, musst du sterben.«

Warnung vor Verschwörungsmythen

Der Überlebende Leon Weintraub (99) schilderte, wie er bei der Ankunft im Lager kahl rasiert, mit brennendem Desinfektionsmittel behandelt und in Lumpen gekleidet wurde. »So nahm man uns das Menschsein. Wir waren Wegwerf-Gegenstände«. 

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Wenn er heute sehe, dass in Polen und vielen anderen Ländern Menschen mit Naziparolen marschierten, dann beunruhige ihn das sehr, sagte Weintraub. Sein Appell an junge Menschen: »Seid sensibel für jegliche Manifestation von Intoleranz oder Feindseligkeit gegenüber Menschen anderer Hautfarbe, Religion oder sexueller Orientierung.« 

Vor Verschwörungsmythen warnte auch der Auschwitz-Überlebende Marian Turski (98). »Wir sollten uns nicht scheuen, Verschwörungstheorien entgegenzutreten, wonach alles Schlechte in der Welt ein Ergebnis von Verschwörungen ist, die von nicht näher bezeichneten Gruppen in der Gesellschaft angezettelt werden, und Juden werden hier oft genannt.«

Steinmeier reagiert auf Musk

Eine Verbindung zur Gegenwart zog auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Was in Auschwitz-Birkenau und anderen deutschen Konzentrationslagern unter der Nazi-Herrschaft passiert sei, »das ist Teil unserer Geschichte und damit auch Teil unserer Identität, mit der wir uns auseinandersetzen müssen«, sagte er bei einem Besuch des ehemaligen Lagers, in dem zwischen 1940 und 1945 mehr als eine Million Menschen ermordet wurden - vor allem Juden.

Er reagierte er auch auf eine Äußerung des US-Milliardärs Elon Musk, der am Wochenende in einer Video-Botschaft für eine AfD-Wahlkampfveranstaltung bemängelt hatte, dass Deutschland »zu viel Fokus auf vergangene Schuld« lege.

Auf eine Nachfrage dazu sagte Steinmeier in Auschwitz: »Ich glaube nicht, dass Herr Musk auf meine Ratschläge wartet. Aber meine Überzeugung bleibt: Verantwortung kennt keinen Schlussstrich.« Wer immer glaube, man könne jetzt einen Strich darunter machen, dem empfehle er, »jetzt hierherzukommen und das Gespräch mit Überlebenden zu suchen«.

Steinmeier zur Asyldebatte: »Würde des Menschen unantastbar«

Auf die Lehren aus Auschwitz für die aktuelle Asyldebatte in Deutschland angesprochen verwies Steinmeier auf das Grundgesetz, das eine Antwort auf die Nazi-Herrschaft sei. »Und diese Antwort ist eine, die sich verkörpert in Artikel eins des Grundgesetzes, wonach die Würde des Menschen unantastbar ist.«

Steinmeier nahm zusammen mit Scholz (SPD), Vizekanzler Robert Habeck (Grüne) und Bundesratspräsidentin Anke Rehlinger (SPD) an der Zeremonie zum Jahrestag der Befreiung von Auschwitz teil. So prominent war das Land der Täter noch nie bei einer solchen Gedenkfeier vertreten. 

Auschwitz-Birkenau steht symbolhaft für den Holocaust und das Grauen des Nationalsozialismus. Rund 1,1 Millionen Menschen wurden hier zwischen 1940 und 1945 erschossen, in Gaskammern ermordet oder starben an Hunger und Krankheiten - die meisten von ihnen waren Juden. Am 27. Januar 1945 erreichten sowjetische Soldaten das Lager im von der Wehrmacht besetzten Polen und befreiten etwa 7.000 Überlebende.

Putin ausgeschlossen - Grußbotschaft aus Moskau 

Neben Polens Staatschef Andrzej Duda, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und dem kanadischen Regierungschef Justin Trudeau nahmen auch der britische König Charles III. und der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj an der Gedenkfeier teil. Ein Staatschef war aber unerwünscht: der russische Präsident Wladimir Putin. 

Seit der russischen Invasion in die Ukraine im Februar 2022 war es das dritte Mal in Folge, dass die Gedenkfeier ohne einen Vertreter Russlands stattfand. Zum 60. Jahrestag der Befreiung 2005 war Putin noch ein viel beachteter Gast - auch mit Blick auf die Rolle der sowjetischen Armee, die 1945 die Gefangenen befreite.

USA und Israel nicht hochrangig vertreten 

Genau darauf wies Putin auch in einer Stellungnahme aus Moskau hin. Es sei die Rote Armee gewesen, die der Menschheit die Wahrheit über die Verbrechen der Nazis offenbart habe, hieß es in einem Schreiben Putins zum Holocaust-Gedenktag. 

Nicht besonders hochrangig waren die Regierungen der USA und Israels in Auschwitz vertreten. US-Vizepräsident J.D. Vance kam anders als ursprünglich erwartet nicht nach Polen. Die US-Delegation wurde vom Nahost-Beauftragten Steve Witkoff und dem designierten Handelsminister Howard Lutnick geleitet. Aus Israel kam nur Bildungsminister Joav Kisch.

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