Stockholm

Was bleibt von den Mahnungen der Überlebenden?

»Man soll die Rechtsradikalen ernst nehmen! Sie meinen, was sie sagen.« Wenn der Auschwitz-Überlebende Leon Weintraub im Interview diese Mahnung geradezu ausruft, werden seine Augen groß, und er richtet den Oberkörper auf. Am 1. Januar feiert der in Stockholm lebende, adrett gekleidete Herr seinen 100. Geburtstag. Er plane nach wie vor zahlreiche Vorträge und Besuche in Deutschland. »Ich möchte junge Menschen aufklären, was das wahre Gesicht eines krankhaften Nationalismus ist, weil ich das am eigenen Körper erlebt habe.« Im kommenden März wird er dafür mit dem Göttinger Friedenspreis ausgezeichnet.

Weintraub ist einer von weltweit laut Jewish Claims Conference noch etwa 220.000 Holocaust-Überlebenden. Die jüngsten sind 78, die ältesten über 100 Jahre alt. Wie kann sich die deutsche Erinnerungskultur an die Herausforderung immer älter werdender Zeitzeugen anpassen? 

Leon Weintraub stammt aus dem polnischen Lodz. Er erinnert sich an eine Kindheit in Armut, nach dem frühen Tod des Vaters getragen von der Wärme der Mutter und seiner vier Schwestern. Der 1. September 1939 wäre der erste Schultag am Gymnasium für den damals 13-Jährigen gewesen - doch es beginnt der Zweite Weltkrieg. Die Nationalsozialisten errichten ein Ghetto, in dem Tausende Juden auf engstem Raum eingezwängt werden. Der quälende Hunger brennt sich tief in Weintraubs Gedächtnis ein: Fünf Jahre, sieben Monate und drei Wochen habe er sich nicht satt essen können.

Im Vernichtungslager ermordet

Im Sommer 1944 wird Leon Weintraub in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Detailliert beschreibt er später in Zeitzeugen-Interviews die Fahrt im Viehwaggon, die Abläufe und den Moment, als der damals 18-Jährige kurz nach der Ankunft seine Mutter zum letzten Mal sieht. Vier von fünf seiner nächsten Verwandten, darunter seine Mutter und Cousins, werden im Vernichtungslager ermordet.

»Mein Glaube an die Menschen hat durch den 7. Oktober 2023 und Terroranschläge wie in Sydney eine Art Schmarre bekommen«

Weintraub gelingt es, sich in einen Gefangenentransport zu schmuggeln, der in ein anderes Lager geht. Nach Zwangsarbeit und Folter wird er im April 1945 befreit. Er habe viele Gewalttaten mit ansehen müssen – etwa wie zwei Mithäftlinge erhängt worden seien. »Diese Art von Grausamkeit ist unvergesslich.« Bei seiner Befreiung habe er als 19-Jähriger nur noch 35 Kilogramm gewogen, berichtet Weintraub. Ab 1946 studiert der Holocaust-Überlebende in Göttingen Medizin. Danach geht er zurück nach Polen, später nach Schweden.

»Ich weiß, wohin eine Haltung führt, bei der sich Menschen besser wähnen als andere und auf andere Menschen herabschauen, nur weil die sich wegen ihres Aussehens, politischer Ansichten oder sexueller Orientierungen unterscheiden«, sagt Weintraub. Diejenigen, die pauschal Abschiebungen all jener forderten, die vermeintlich anders aussähen, würden sich keine Gedanken über die Konsequenzen machen. »Eine solche Abneigung führt geradewegs in die Gaskammern«, konstatiert Weintraub. 

Fanatismus weltweite Gefahr

»Parteien wie die AfD, die Schwedendemokraten oder die PiS-Partei in Polen zeigen es: Die Erwachsenen sind verbohrt und leben ihre menschenfeindlichen Auffassungen. Die Begegnung mit jungen Menschen ist der einzige Weg, etwas zu ändern.« Fanatismus stelle weltweit eine Gefahr dar, weil er zu Gewalttaten führe.

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Weintraub schlägt einen Bogen zum Angriff islamistischer Hamas-Terroristen auf Israel und zur jüngsten Attacke in Australien. »Mein Glaube an die Menschen hat durch den 7. Oktober 2023 und Terroranschläge wie in Sydney eine Art Schmarre bekommen«, berichtet er. Trotzdem führe er sein Engagement weiter, solange er dazu imstande sei.

Der Verein Zweitzeugen gibt Weintraubs Geschichte in Workshops an Kinder, Jugendliche und Erwachsene weiter. »Es kommt seit zwei Jahren vor, dass Kinder und Jugendliche rassistische und antisemitische Aussagen äußern«, sagte die Vereinsvorsitzende Janika Raisch. Dabei gehe es häufig um den Israel-Gaza-Krieg nach dem Angriff der Hamas. Von Weintraubs Biografie und Haltung zeigten sich die Schüler dagegen beeindruckt. Ziel sei, die jungen Menschen durch den biografischen Zugang zum Nachdenken zu bringen, erklärt Raisch.

Die Überlebenden, deren Kinder und Enkel sollten sich nicht allein darum bemühen müssen, dass die Geschichte nicht in Vergessenheit gerate, sagt Raisch vom Verein Zweitzeugen. Mit ihrer Erinnerungsarbeit wollten sie eine Last von den Überlebenden und deren Angehörigen nehmen. »Das sind wir ihnen als Nachfahrgesellschaft der Täter schuldig.« Und dazu gehöre jenseits von Lippenbekenntnissen ebenso eine ausreichende Finanzierung von Gedenkstätten, Vereinen und anderen Initiativen zur Gedenkarbeit.

Soziale Medien für Holocaust-Gedenken nutzen

Eine weitere Form der Erinnerungsarbeit betreibt die Journalistin und Autorin Susanne Siegert auf Instagram und Tiktok. Ihr Account »keine.erinnerungskultur« zählt Hunderttausende Follower. Es gehe darum, junge Menschen dort anzusprechen, wo sie ihre Zeit verbrächten. Begegnungen mit Zeitzeugen wolle sie aber nicht nachstellen oder simulieren. 

Für ihre Posts nutze Siegert vorhandene historische Quellen wie Gerichtsprotokolle oder Zeitzeugen-Interviews. »Es geht mir in meinen Videos darum, eigene Erfahrungen mit den Biografien der Überlebenden abzugleichen.« Nutzer stellen ihr auch spezifische Fragen zu ihren eigenen Familiengeschichten, wie die 33-Jährige erzählt. 

Die Empathie für die persönlichen Erfahrungen der Opfer müsse in der deutschen Erinnerungskultur künftig weiter gestärkt werden, sagt Yael Richler-Friedman, pädagogische Direktorin bei der Gedenkstätte Yad Vashem mit Sitz in Jerusalem. »Holocaust-Überlebende haben unterschiedliche politische Ansichten zu heutigen Ereignissen, aber vor allem lehren sie uns eine wichtige Lektion über Menschlichkeit und die menschliche Kraft, wieder ins Leben zurückzufinden.«

Wie blickt ein Holocaust-Überlebender nach einem Jahrhundert nach vorn? »Ich hoffe auf die Jugend - das ist unsere Zukunft«, sagt Leon Weintraub. Künftige Generationen müssten erkennen, wie wichtig es sei, friedlich nebeneinander zu leben. Derzeit werde viel über die Kosten von Waffen und Uniformen debattiert - aber wenig über den Preis von Menschenleben.

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