NS-Terror

Von Eichmanns Gnaden

Entkam kurz vor Kriegsende den Nazis, weil er sich als SS-Mann ausgeben konnte: Harry Kindermann. Er hatte mit seinem Vater für den Organisator des Holocaust, Adolf Eichmann, schuften müssen. Foto: Philipp Rothe

»Hitler ist tot! Der Krieg ist aus!« Der 18-jährige Harry Kindermann kann es kaum fassen, was er da gerade gehört hat. Flüchtende Soldaten haben es erzählt, dort an der öffentlichen Pferdetränke, wo er täglich Wasser holt. Für ihn und seine Eltern – drei der wenigen überlebenden jüdischen Berliner – bedeutet das Kriegsende die Rettung: »Ich rannte mit den gefüllten Eimern nach Hause«, erinnert sich der heute 84-jährige Harry Kindermann. »In Windeseile verbreitete sich die Nachricht unter den Hausbewohnern. Ab diesem Moment wurden sie wieder unsere guten Nachbarn.«

Bomben Dass die Familie Kindermann überhaupt den Naziterror überlebte, hat mit vielen rettenden Zufällen zu tun. Und mit einer fixen Idee des SS-Obersturmbannführers Adolf Eichmann: Der Organisator des millionenfachen Judenmordes hatte sich in den Kopf gesetzt, unter seinem Amtsgebäude einen Tiefbunker bauen zu lassen, der anglo-amerikanischen Bomben standhalten sollte.

Für diese Schwerstarbeit wurden jüdische Handwerker aus ganz Deutschland zwangsverpflichtet – darunter auch Harry Kindermanns Vater Herbert, einer der beiden einzigen jüdischen Maurer im Reich. Seine Familie war deshalb von Deportationen zunächst ausgenommen. Aber die meisten ihrer Verwandten und Freunde entkamen der Schoa nicht.

Siebzig Jahre danach sitzt Harry Kindermann am Wohnzimmertisch seines Hauses und blättert in einer Mappe mit Erinnerungsstücken. Der langjährige Geschäftsführer der Jüdischen Kultusgemeinde der Rheinpfalz zieht ein Dokument hervor: die Sterbeurkunde seines Onkels. Der Beamte des Standesamtes II Auschwitz, Kreis Bielitz, teilt darin mit, dass »der Gärtner Julius Israel Kindermann, mosaisch« am 17. März 1943 um 11 Uhr 40 Minuten in Auschwitz, Kasernenstraße, verstorben» ist.

Neben die Urkunde legt Harry Kindermann das Bild eines alten Ehepaares, der Mann trägt das Eiserne Kreuz. «Mein Großvater. Er war Frontkämpfer des Ersten Weltkrieges», erklärt Harry Kindermann. «Ein frommer liberaler Jude und zugleich deutschnational.» Das Foto entstand im Oktober 1942. Zwei Wochen danach wurden die beiden alten Leute nach Riga deportiert und dort erschossen.

«Mein Großvater hatte nicht geglaubt, dass so etwas passieren kann», sagt Kindermann. Er, der Enkel, war patriotisch erzogen worden: «Ich war ein guter Deutscher. Wenn sie mich aufgenommen hätten, wäre ich bestimmt in die Hitlerjugend eingetreten. Der Bruch kam, als die Nazis zwischen mir und meinen Altersgenossen eine Grenze zogen.»

Schule Diese Grenze wurde unüberwindlich, als jüdische Kinder ab April 1937 nur noch separate Schulen besuchen durften. Während Harry Kindermann nun an der Knabenmittelschule der Gemeinde lernte, führten die Nazis immer neue Schikanen für Juden ein.

Bis ihnen Ende Juni 1942 der Besuch einer Lehranstalt generell untersagt wurde. Bereits im Jahr zuvor waren die «Evakuierungen» in den Osten angelaufen. Marion, Harrys erste Freundin, wurde ebenso deportiert wie sein bester Freund Heinz. «Wir dachten, wir kommen in ein Ghetto in Polen, um zu arbeiten. Wir hätten nie gedacht, dass sie uns umbringen wollten.» Sagt er, der überlebte. 25 waren sie in der Klasse. Nur drei kamen davon.

Ab Sommer 1942 musste Harry als Zwangsarbeiter schuften: zehn Stunden täglich und sechs Tage pro Woche. Mit fünfzehn. Zunächst hieß es, einige Monate lang Gräber ausheben auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee. «Wir konnten gar nicht schnell genug arbeiten», berichtet Kindermann, «denn in der Leichenhalle stapelten sich quasi die Verstorbe- nen.» Vor allem ältere Leute hatten sich das Leben genommen, um einer Deportation ins Ungewisse zu entgehen.

Danach kam Harry in die Firma Osram, wo er Glühbirnendrähte herstellen musste. Am Morgen des 27. Februar 1943 bellte es dort plötzlich aus dem Lautsprecher: Alle sofort auf den Hof! «Wir gingen spärlich bekleidet aus der 35 Grad warmen Fabrikhalle in den minus 12 Grad kalten Hof und sahen uns baumlangen SS-Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett gegenüber.»

Die schlotternden Zwangsarbeiter wurden in ein Sammellager gebracht. Mit der sogenannten Fabrikaktion sollten an diesem Tag die letzten 7.000 Berliner «Volljuden» verhaftet werden – vom Fleck weg. Gleich am nächsten Tag begannen die Transporte nach Auschwitz.

Im Sammellager wurde gegen 21 Uhr Harry Kindermann per Lautsprecher aufgerufen. «Die Gestapoleute fragten mich, ob ich tatsächlich Maurer wäre. Ich antwortete spontan: Jawohl!, obwohl es nicht stimmte. Da sagten sie, ich könne gehen. Das ließ ich mir nicht zweimal sagen.»

Sein Vater, der ihn am Ausgang in Empfang nahm, hatte Gerüchte über die geplante Massendeportation gehört und sofort reagiert: Er war zu Eichmann vorgedrungen und hatte diesen überzeugt, dass Harry dem Bunkerbau sehr nützlich sein würde. Damit rettete er seinem 15-jährigen Sohn das Leben.

Geschlagen Von da an leistete Harry Kindermann nun wie sein Vater schwere körperliche Arbeit für Eichmanns Abteilung IV B 4 im Reichssicherheitshauptamt. Zwölf Meter tief unter dem Gebäude in der Kurfürstenstraße 115/116 in Berlin-Schöneberg mauerten sie Stollengänge – zusammen mit 120 anderen jüdischen Zwangsarbeitern. 14 Stunden täglich, und das mona- telang, unter primitivsten Verhältnissen, bei Sauerstoffmangel und mit kärglicher Lebensmittelzuteilung. Während ihrer Arbeit wurden sie bewacht von rumänischen SS-Hilfseinheiten. «Die haben uns angebrüllt, beschimpft, bespuckt und geschlagen.»

Als die Front an Berlin heranrückte, mussten die jüdischen Zwangsarbeiter in der Kurfürstenstraße befürchten, von der SS im letzten Augenblick erschossen zu werden. Vater und Sohn Kindermann entschlossen sich am 21. April zur Flucht.

Über die Trümmer der Nachbarhäuser stahlen sie sich aus dem SS-Gelände, trennten den Judenstern von ihrer zerlumpten Kleidung und liefen zu Fuß quer durch das zerbombte Berlin heim nach Prenzlauer Berg. Weil sie dort als Juden den Luftschutzraum nicht mitbenutzen durften, hielten sie sich in ihrem Keller auf. Zum Glück wurde das Haus nicht getroffen.

Am 23. April dann der Schock: Sie wurden entdeckt. Eine Volkssturm-Abteilung älterer Männer war auf der Suche nach Deserteuren und verhaftete Harry und den Vater. «Als der Anführer mich fragte, warum ich nicht bei der Wehrmacht sei, antwortete ich ihm spontan: Ich bin bei der SS!»

Als Beleg präsentierte Harry einen Passierschein, den er aufgehoben hatte, weil daraus nicht hervorging, dass er Jude war. Seinen Vater, der neben ihm stand, gab er ebenfalls als SS-Mann aus. «Als der Volkssturm-Anführer das Siegel sah, fiel ihm die Kinnlade runter und er schrie nur kurz: Raus! Wir verschwanden so schnell wie möglich.» Am 8. Mai, nach zwei Wochen zwischen Furcht und Hoffnung, wussten beide endlich: Sie hatten überlebt.

Hobby Noch heute hat Kindermann Eichmann deutlich vor Augen. Er habe «sein Werk» oft inspiziert. «Der Bunker war sein Hobby. Wenn er in Berlin war, nahm er täglich unseren Appell ab.» Dass er und die Seinen einige Meter über ihnen die Deportation von Millionen ihrer Glaubensgenossen ins Werk setzten, war den Arbeitern nicht bekannt. «Wir wussten nicht, was da oben passierte.

Da wir kein Radio hatten, haben wir erst nach dem Krieg die Hintergründe der sogenannten Endlösung erfahren. Wir wussten nur vom Ghetto Litzmannstadt», sagt Kindermann. Später, vier Wochen nach Kriegsende, war die Familie wie vor den Kopf gestoßen, als sie in der englischen Times die Schlagzeile las: «Adolf Eichmann – Mörder von sechs Millionen Juden!»

Dabei habe der Amtschef auf «seine» jüdischen Bunkerarbeiter immer einen jovialen Eindruck gemacht. «Wir hielten ihn für den anständigsten aller SS-Leute. Die Rumänen, die uns schikanierten, hat er mal vor unseren Augen zusammengeschissen.»

Der übereifrige Manager des Völkermordes – ein anständiger Patriarch? Adolf Eichmanns Haltung zu Juden sei paradox gewesen, so sein Biograf, der britische Historiker David Cesarani: «Er hatte freundliche – wenn auch grotesk ungleiche – Beziehungen zu einzelnen Juden, während er gleichzeitig das jüdische Volk als einen Feind betrachtete, der ausgerottet werden müsse.»

Als der Staat Israel später dem Holocaust-Organisator den Prozess machte, wollte Herbert Kindermann nicht nach Jerusalem fahren. «Vater wusste über Eichmann persönlich nichts Schlechtes zu berichten», sagt Sohn Harry.

Das war 1961. Im selben Jahr wurde in Berlin das Gebäude, unter dem sich der Tiefbunker befand, abgerissen, um einem Hotel Platz zu machen. Kindermann junior war da schon nicht mehr in Berlin: Anfang 1953 floh er wegen antisemitischer Maßnahmen Stalins aus dem Sowjetsektor in die Pfalz und arbeitete dort jahrelang als Bauleiter. Ein Metier, das ihm einst half, selbst Adolf Eichmann zu überleben.

Eine Ausstellung und ein Film
«Der Prozess – Adolf Eichmann vor Gericht» heißt eine Ausstellung in der Berliner Stiftung «Topographie des Terrors», Nieder- kirchnerstraße 8. Sie ist noch bis zum 18. September geöffnet, täglich 10 bis 20 Uhr.

Der Kinofilm «Im Himmel, unter der Erde. Der jüdische Friedhof Weißensee» von Britta Wauer läuft seit April in mehreren deutschen Großstädten. Die Dokumentation erhielt auf der Berlinale 2011 den Panorama-Publikumspreis. Einer der Protagonisten ist Harry Kindermann.

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