Geschichte

Völkermord an Armeniern: Klagen über deutsche Tatenlosigkeit

Ewige Flamme auf dem Gelände des Genozid-Mahnmals Jerern in Armenien Foto: dpa

Die deutsche Mitschuld am Völkermord an den christlichen Armeniern vor gut 100 Jahren hält der Historiker Suren Manukjan für hinreichend belegt. »Wir sind dankbar, dass der Bundestag das anerkannt hat«, sagt der Wissenschaftler im Genozid-Museum der armenischen Hauptstadt Eriwan. »Aber dieser Anerkennung des Genozids an unserem Volk, an dem Deutschland eine Mitschuld eingeräumt hat, ist bis heute nichts gefolgt.«

An der Gedenkstätte, einem Plateau mit einem Mahnmal, ewiger Flamme und einer spitzen Stele, wundert sich Manukjan, dass fünf Jahre nach der Resolution des Bundestags zur Anerkennung des Völkermords und dem Bekenntnis zu einer Mitverantwortung an den Massakern keine Taten folgten. »Jedes gedruckte Dokument sollte eine Folge haben. Es geht nicht um Reparationszahlungen«, sagt er.

»Möglich wären doch aber deutsche Investitionen, um über Unternehmen oder etwa Kulturinstitutionen hier was aufzubauen, die armenische Gesellschaft zu stärken.« Manukjan empfiehlt, dass Lehrer im Schulunterricht über die Massaker an den Armeniern aufklären.

Rund 1,5 Millionen Armenier starben 1915 und 1916 – im Ersten Weltkrieg - nach Forschungen von Historikern durch die systematischen Tötungen im Osmanischen Reich. Die Türkei als Rechtsnachfolgerin weist den Begriff Genozid, also die gezielte Auslöschung des armenischen Volkes mit systemischen Tötungsmethoden, zurück. Zugegeben werden Massaker an 300 000 bis 500 000 Menschen.

Doch der Wissenschaftler Manukjan betont, dass das wahre Ausmaß längst bekannt sei. Auch deshalb würden immer mehr Länder den Genozid anerkennen. Zuletzt hätten das EU-Mitglied Lettland und vor allem als sehr wichtiges Land die USA von Genozid gesprochen. Manukjan meint, dass es etwa 30 Staaten seien – Tendenz steigend.

»Das Deutsche Reich war militärischer Hauptverbündeter des Osmanischen Reiches«, heißt in der Resolution des Bundestages. »Die damalige deutsche Reichsregierung, die über die Verfolgung und Ermordung der Armenier informiert war, blieb dennoch untätig.« Deutschland sehe sich heute in der »Verantwortung, die Aufarbeitung dieses Verbrechens zu fördern und die Erinnerung daran wachzuhalten«. Der Linke-Abgeordnete Gregor Gysi sprach damals sogar von »Beihilfe zum Völkermord«. Doch passiert sei nichts seither, meint Manukjan.

Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Cem Özdemir findet ebenfalls, dass den Worten Taten folgen müssten. »Die Kritik aus Armenien ist berechtigt«, sagt der frühere Grünen-Parteichef. »Das Thema Genozid sollte breit angelegt werden in den Schulen im Hinblick auch auf andere Völkermorde wie in Ruanda oder in Srebrenica in Bosnien und Herzegowina.« Die Bundesregierung mit Union und SPD aber scheue in der Armenien-Frage den Konflikt mit der Türkei.

»Es gibt ein unvorstellbares Maß an Rücksichtnahme auf Präsident Recep Tayyip Erdogan«, sagt Özdemir. Er sieht sich selbst immer wieder Hetze und Drohungen türkischer Nationalisten ausgesetzt. Der Politiker mit türkischen Wurzeln betont, Deutschland habe als einstiger »Waffenbruder« an der Seite der Türken eine besondere Verantwortung. »Mir ist schleierhaft, warum hier gerade CDU und CSU, mit dem christlichen Partei-Namen, nichts tun für die Armenier, die einst als erste das Christentum zur Staatsreligion gemacht hatten.«

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Frank-Walter Steinmeier (SPD) als Bundesaußenminister fehlten damals bei der Abstimmung über die Resolution. Im Streit mit der Türkei wies die Bundesregierung zudem darauf hin, dass die Erklärung zum Völkermord keinen verbindlichen Charakter habe. Für Armenien aber ist die Bedeutung groß.

»Jede Anerkennung ist für uns ein Schritt zu historischer Gerechtigkeit«, sagt Armeniens Regierungschef Nikol Paschinjan immer wieder. Von besonderer Bedeutung ist für Armenien zudem, dass Syrien den Genozid anerkannt hat. »Die von den Osmanen veranlassten Todes- und Hungermärsche führten vor allem in die syrische Wüste, wo Konzentrationslager errichtet wurden – die Vorläufer der nationalsozialistischen KZ«, sagt Manukjan.

Die Hoffnung in Eriwan ist derweil groß, dass auch Israel unter seiner neuen Regierung den Völkermord an den Armeniern anerkennt. »Der Genozid an den Armeniern war vor dem Holocaust, dem Völkermord an den Juden, das erste große Verbrechen dieser Art im 20. Jahrhundert. Viele Deutsche haben die da erprobten Tötungsmethoden im Zweiten Weltkrieg angewandt«, sagt Manukjan.

Menschen seien unter anderem ertränkt und in Höhlen geführt worden, in denen feuchtes Heu angezündet wurde. »Die Menschen erstickten an dem Qualm, starben qualvoll wie in einer Gaskammer«, sagt der Historiker. Der Bundestag stellte 2016 fest, dass der »Vertreibung, Verfolgung und Ermordung der Armenier eine Planmäßigkeit zugrunde gelegen hätte bzw. dass das Massensterben während der Umsiedlungstrecks und die verübten Massaker von der osmanischen Regierung gewollt waren«.

Irgendwann, meint der Wissenschaftler Manukjan, könnte unter dem Druck internationaler Anerkennung auch die Türkei zu ihrer Verantwortung stehen. »Es handelt sich um ein Verbrechen. Wir brauchen eine juristische Aufarbeitung und Verurteilung. Aber das ist ein langer Weg«, sagt er. Bisher sind nicht einmal die Grenzen zwischen den beiden verfeindeten Ländern geöffnet.

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