Ehrengast

»Viel Frommes und viel Weltliches«

Als erster deutscher Bundespräsident hat Joachim Gauck am Sonntag den Gemeindetag und die Ratsversammlung des Zentralrats der Juden in Berlin besucht. Gauck wurde mit stehenden Ovationen empfangen. Zentralratspräsident Dieter Graumann, der Gauck und seine Lebensgefährtin Daniela Schadt herzlich willkommen hieß, sagte zur Begrüßung: »Dass Sie heute hier bei uns sind, ist kein Wunder, aber wunderschön.« Graumann betonte, es sei »das erste Mal in der 63-jährigen Geschichte des Zentralrats, dass ein Bundespräsident uns hier besucht«.

sensibel Gauck habe sich bereits in der Vergangenheit sensibel für die Gefühle von Juden gezeigt, so Graumann: Schon während des gemeinsamen Israelbesuchs mit dem Bundespräsidenten habe er während eines Gesprächs mit Schoa-Überlebenden gespürt, dass mit Gauck kein routinierter Politiker am Werk sei, sondern »ein Mensch mit einer ganz empfindsamen Seele«.

In seiner Rede sagte Gauck, es freue ihn, zu sehen, dass jüdisches Leben in Deutschland sich auf die Zukunft hin ausrichte: »Sie haben den Mut gefunden, zum ersten Mal in dieser Dimension einen jüdischen Gemeindetag zu veranstalten. Mögen viele jüdische Gemeindetage folgen!«

Im Rückblick auf die Beschneidungsdebatte vom vergangenen Jahr betonte der Bundespräsident, jüdische Gemeinden, jüdischer Glaube und jüdische Lebenspraxis seien »Teil unserer Kultur«. Jedem vernünftigen Menschen erscheine dies zwar als selbstverständlich: »Aber da wir nicht nur unter Vernünftigen leben, muss ein solcher Satz vom Staatsoberhaupt immer mal wieder gesagt werden.«

schwung Er hoffe, so Gauck, dass die Veranstaltung allen jüdischen Gemeinden in Deutschland neuen Schwung und Mut geben werde. Ähnlich wie bei einem Kirchen- oder Katholikentag sei ein Gemeindetag eine gute Gelegenheit, sich mit inneren Prozessen, aber auch mit Politik und Gesellschaft auseinanderzusetzen. In deutschen Synagogen und Gemeindehäusern tue sich »viel Frommes und viel Weltliches. Und ich erkenne vor allem auch viel fröhliches und unbeschwertes jüdisches Leben. Das ist etwas, das mich mit tiefer Freude erfüllt.«

Für ihn als älteren Deutschen sei es auch so etwas wie ein Wunder: »Das ist etwas, was ich als Kind und Jugendlicher nicht für möglich gehalten hätte.« Er werde nicht vergessen, welche Geschichte hinter Deutschen und Juden liege. Der Gemeindetag habe dafür mit dem Gang zum »Gleis 17« im Grunewald ein deutliches Zeichen gesetzt.

zukunft Von Schwierigkeiten, Ängsten und Problemen solle sich die jüdische Gemeinschaft nicht entmutigen lassen. Beim Gemeindetag werde sicherlich »zur Sprache gekommen und diskutiert worden sein, wie heimisch und fremd sich einige hier doch fühlen. Mancher fühlt sich auch fremd in seiner eigenen Gemeinde. Das gibt es bei den Christen, und das gibt es manchmal auch in jüdischen Gemeinden. Das gehört zu unserer Existenz auf der Erde«, so Gauck.

Unlängst habe Dieter Graumann davon gesprochen, dass die Kirchen so etwas wie »Allianzpartner« der Juden sein könnten. »Darüber freue ich mich natürlich in besonderer Weise – Sie wissen um meinen früheren Beruf«, so der studierte Theologe. »Unsere gemeinsame Zukunft ist jetzt!«, erklärte Gauck in Abwandlung des Gemeindetagsmottos »Unsere jüdische Zukunft ist Jetzt!« am Schluss seiner Rede.

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