Brit Mila

Verbotener Einschnitt

»Im Alter von acht Tagen soll alles Männliche unter euch beschnitten werden« (1. Buch Moses 17,12): Junge nach seiner Brit Foto: Flash 90

Die Beschneidung von Jungen ist strafbar. So lautet das Urteil des Landgerichts Köln, das am Dientag veröffentlicht wurde. Verhandelt wurde der Fall eines vierjährigen muslimischen Jungen, der auf Wunsch seiner Eltern in der Praxis eines Arztes, der ebenfalls Muslim ist, beschnitten wurde. Der Eingriff verlief ohne Komplikationen. Wegen Nachblutungen, die keineswegs ungewöhnlich sind, brachten die Eltern den Jungen wenige Tage später in die Kindernotaufnahme der Universität Köln. Die Staatsanwaltschaft bekam einen Hinweis und leitete ein Verfahren ein.

Im Urteil heißt es, die Beschneidung sei eine »schwere und irreversible Beeinträchtigung der körperlichen Unversehrtheit«. Dies wiege schwerer als das Recht der Religionsfreiheit und das Elternrecht.

Beispiellos Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, nennt das Urteil einen »beispiellosen und dramatischen Eingriff in das Selbstbestimmungrecht der Religionsgemeinschaft«. Es sei »unerhört« und »unsensibel«. Graumann weist darauf hin, dass die Beschneidung für Juden ein »fester Bestandteil der Religion« ist, der seit Jahrtausenden praktiziert wird. In jedem Land der Welt werde dieses religiöse Recht respektiert.

Nach jüdischer Tradition wird ein Junge üblicherweise am achten Tag seines Lebens beschnitten. Die Britmila, die unter Umständen auch später erfolgen kann, erinnert an den heiligen Bund, den Gott mit Abraham geschlossen hat und sorgt dafür, dass der Junge in diesen Bund aufgenommen wird. Den Akt nimmt ein Arzt oder ein Mohel vor, der sowohl medizinisch als auch religiös dafür qualifiziert ist.

Im Islam erfolgt die Beschneidung oft im Säuglingsalter am siebten Lebenstag oder im Alter von etwa sieben Jahren, heißt es beim Zentralrat der Muslime in Deutschland. Auch im Islam werde das Kind durch die Beschneidung in den heiligen Bund, den Gott mit dem Stammvater Abraham geschlossen hat, aufgenommen.

Urteil Die Nürnberger Urologin und Rabbinerin Yael Deusel ist über das Kölner Urteil entsetzt: »Wir wollen unseren Kinder keinen Schaden zufügen, sondern Gutes tun«, sagte sie der Jüdischen Allgemeinen. Das Gericht beurteile Beschneidungen unterschiedlich, je nachdem, ob sie aus religiösen oder medizinischen Gründen durchgeführt werden, so Deusel. Sie befürchtet, dass das Urteil Eltern nun »sehr verunsichert«. Offensichtlich gebe es in der nichtjüdischen Bevölkerung nach wie vor abenteuerliche Vorstellungen über die Beschnei- dung, sagt die Ärztin. Etwa, dass Babys mit Glasscherben beschnitten würden. Daher meinten wohl viele Menschen, dass eine Beschneidung bei Jungen mit der bei Mädchen gleichzusetzen ist.

»Beschneider sind gut ausgebildet, das steht schon im Talmud«, betont Deusel. Mohalim wüssten also, was die Kontraindikationen sind, welche Probleme auftreten können und wie man sie verhindert.

Rabbiner Yaron Engelmayer, Vorstandsmitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD), zeigt sich ebenfalls entsetzt über das Urteil. »Wir überlegen, wie wir am besten dagegen vorgehen können. Es ist eine ganz schwierige Situation, dass eine vom Judentum nicht wegzudenkende Tradition zu einer öffentlichen Kontroverse wird.«

Mit Empörung reagierte die Allgemeine Rabbinerkonferenz (ARK) am Mittwoch auf das Beschneidungsurteil. »Wer die Beschneidung angreift, greift das Judentum in seinem Kern an«, erklärte ARK-Sprecherin Elisa Klapheck. Seit 3.000 Jahren sei das Kindeswohl ein zentraler Wert des Judentums, der durch die Beschneidung nicht gefährdet werde.

signal Der Staatsrechtler Hans Michael Heinig bezeichnete das Urteil als »rechtlich, kriminalpolitisch und religionspolitisch verfehlt«. Das Gericht bemühe »antireligiöse Stereotype, etwa mit der These, die religiöse Zugehörigkeit entspreche nicht dem Kindeswohl«.

Auch aus religionspolitischer Sicht hält Heinig das Beschneidungsurteil für fragwürdig: »Welches Signal geht denn in Richtung Judentum aus, dass ausgerechnet in Deutschland nun ein strafrechtliches Be- schneidungsverbot bestehen soll?« Heinig sieht in dem Urteil einen »Triumph antireligiöser Eiferer«. Der Zentralrat der Juden hat inzwischen den Bundestag aufgefordert, Rechtssicherheit zu schaffen. ja

Berlin

Jüdische Kulturtage müssen Hauptausstellung absagen

Wegen einer Finanzierungslücke fällt die Ausstellung aus. Die Jüdische Gemeinde kritisiert die Förderentscheidung des Senats

 12.10.2026

Mitglieder der JSUD vor dem Eingang zum Synagogenhof der Jüdischen Gemeinde Halle

Sachsen-Anhalt

So instrumentalisiert die AfD den Eklat von Halle

AfD-Rechtsaußen Hans-Thomas Tillschneider geriert sich als Opfer »fanatisierter Studenten«. Eine Einordnung

von André Anchuelo  12.10.2026

Hintergrund

Katharina von Schnurbein wird neue Antisemitismusbeauftragte

Die EU-Antisemitismusbeauftragte wechselt von Brüssel nach Berlin und folgt auf Felix Klein. Ein Porträt

von Michael Thaidigsmann  12.10.2026

Berlin

Merz fordert SPD und Grüne auf, nicht mit Linken zu koalieren

Gibt es in Berlin eine rot-rot-grüne Koalition? Der Kanzler appelliert an SPD und Grüne

 12.10.2026

Kommentar

Vereint unter dem Dach eines Rechtsextremen

Der Verleger Jürgen Elsässer hat die Fraktionen von AfD und BSW für ein Kennenlernen in sein Magdeburger TV-Studio eingeladen. Dabei soll es auch um eine strategische Zusammenarbeit gegangen sein

von Ralf Fischer  12.10.2026

Berlin

120 Linke kritisieren Antisemitismus-Papier

Linke, Grüne und SPD haben sich vor dem Beginn von Sondierungsgesprächen zum Vorgehen gegen Antisemitismus verständigt. Daran gibt es aus der Linke nun deutliche Kritik

 12.10.2026

Kommentar

Die Linke hat ihren eigenen Antisemitismus nicht verstanden

Nein, wir sind natürlich keine Antisemiten, schallt es aus der Linken, wir kritisieren nur die israelische Regierung! Diese Formel wird immer wieder als Rechtfertigung herausgeholt

von Frank Schmiechen  12.10.2026

Washington D.C.

21 US-Soldaten im Iran-Krieg gestorben

Die meisten US-Amerikaner sind nicht vom Krieg im Iran überzeugt. Eine Anpassung der Todeszahlen könnte den Unmut noch vergrößern

 12.10.2026

Kommentar

Mit schwerem Koffer zurück aus Berlin

Wie ein deutscher Holocaust-Überlebender auf die sich abzeichnende Koalition von SPD und Grünen mit Antisemiten, Terror-Relativierern und anderen Genozid-Schreiern blickt

von Roman Haller  11.10.2026