Gaza

Unter jüdischer Flagge

»So koscher wie eine Portion Kassler«? Edith Lutz auf dem Gaza-Schiff »Irene« Foto: getty

Gaza

Unter jüdischer Flagge

Die Initiatorin eines Hilfsschiffs gerät ins Zwielicht

von Detlef David Kauschke  12.10.2010 16:04 Uhr

Diese Frau macht Schlagzeilen: Edith Lutz, Initiatorin der Aktion »Jüdisches Schiff für Gaza«. Ende September versuchte sie, mit dem Motorsegler »Irene« angeblich dringend benötigte Hilfsgüter zu den Palästinensern im Küstenstreifen zu bringen. Gemeinsam mit jüdischen Aktivisten aus Israel, Großbritannien und den USA schipperte sie unter der Flagge des deutschen Vereins »Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost« von Zypern Richtung Gaza. Nach nur kurzer Seereise stoppte die israelische Marine das Boot im Mittelmeer und schleppte es nach Aschdod. Lutz und andere ausländische Passagiere wurden von den Behörden abgeschoben.

Inzwischen ist sie wieder ins nordrhein-westfälische Sötenich zurückgekehrt. Sie hat noch schnell einem Lokalredakteur der Kölnischen Rundschau telefonisch ihren am Montag veröffentlichten Reisebericht in den Block diktiert, in dem sie unter anderem beklagt, dass sie von israelischen Soldaten »gekidnappt« worden sei. Danach scheint sie ihr Telefon abgeschaltet zu haben. Zumindest für diese Zeitung ist sie nicht zu erreichen, reagiert weder auf Anrufe noch auf Mailbox-Nachrichten.

Medien Zuvor war sie deutlich kommunikativer. Verschiedenen Medien gegenüber hatte sie vorab von ihrem Protest und der geplanten Aktion berichtet. Zu lesen war, dass sie Lehrerin sei, promovierte Judais-tin, Mutter und Ehefrau. Und sie stellt sich als konvertierte Jüdin vor. Gelegentlich erzählt sie auch von ihrem multireligiösen Verein »Abrahams Töchter«. Der hat seinen Sitz in der Osmanischen Herberge, einem Zentrum für islamische Mystik in unmittelbarer Nachbarschaft ihres Wohn-
hauses.

Die Süddeutsche Zeitung schrieb über »die Jüdin, die sich für Palästinenser einsetzt«, der Kölner Stadtanzeiger über die »gefährliche Mission« der Aktivistin. Auch der taz war die 61-jährige »deutsche Jüdin« einen längeren Artikel wert. Im ARD-Magazin Monitor kam Edith Lutz am 17. Juni in einem Beitrag unter dem Titel »Wie deutsche Juden die israelische Seeblockade durchbrechen wollen« zu Wort.

Die Blockade ist nicht gebrochen, aber dafür gibt es inzwischen viele Ungereimtheiten. Der Berliner Tagesspiegel berichtete vergangene Woche, Edith Lutz sei gar keine Jüdin. Autor Henryk M. Broder ist beim Anblick der »Fachfrau für angewandtes Judentum« im Monitor-Beitrag stutzig geworden: »Da kann doch was nicht stimmen, dachte ich, die Sache ist so koscher wie eine Portion Kassler«. Eine deutliche Kritik an der Monitor-Recherche.

Dagegen verwehrt sich Monitor-Redaktionsleiterin Sonia Seymour Mikich. Auf Nachfrage unserer Zeitung antwortet die Fernsehjournalistin: »Wir können heute – vier Monate später – weder beweisen, dass Edith Lutz Jüdin ist – noch dass sie keine ist.« Man bedauere, dass Frau Lutz nicht zu erreichen sei, um diese Fragen abschließend zu beantworen. »Dies wäre auch in unserem Interesse.«

Reaktion Nach der Veröffentlichung gingen Beteiligte und Mitorganisatoren des »Gaza-Schiffes« erst einmal in Verteidigungsstellung. Kate Katzenstein-Leiterer, Vorstandsmitglied der »Jüdischen Stimme«, empörte sich über Broders »unverschämte Unterstellung«. Außerdem komme es ohnehin eher auf das Engagement für die Sache an. Es gehe nicht um halachische Fragen, sondern es reiche völlig aus, »dass man sich jüdisch fühlt«.

Yonatan Shapira, ehemaliger Kampfpilot der israelischen Luftwaffe, war mit an Bord der »Irene«. Er sagte, dass er keinen Anlass habe, daran zu zweifeln, dass Edith Lutz jüdisch sei. »Doch was spielt das für eine Rolle?«, fragt Shapira. »Ich denke, dass dies nur vom Wesentlichen ablenkt. Und das Wesentliche ist, was in Gaza passiert.«

Ein Nachrichtenredakteur der Online-Ausgabe einer großen israelischen Tageszeitung, der ebenfalls über die »German Jew« berichtet hat, will namentlich nicht genannt werden. Aber er lässt sich zitieren: »Sich als Jüdin auszugeben, bei einer Aktion, die einzig als Provokation zu verstehen war, ist eine unglaubliche Chuzpe.«

Konvertierte Jüdin oder nicht? Promovierte Judaistin ist Lutz jedenfalls. Das Kölner Martin-Buber-Institut bestätigt, dass sie dort studiert hat. Und 1995 promovierte sie, so lautet die Auskunft der Potsdamer Universität, zum Thema: »Der Verein für Cultur und Wissenschaft der Juden und ihr Mitglied Heinrich Heine«. Dass Heine Jude war, ist belegt. Für Lutz’ Judentum fehlt bislang ein Nachweis. Auf jeden Fall ist sie nicht mehr die »Jüdische Stimme«.

Auf der Internetseite des Vereins ist in einer Stellungnahme vom vergangenen Donnerstag zu lesen: »Edith Lutz war bis heute Mitglied unserer Organisation.« Dazu sagt Vereinsvorsitzender Rolf Verleger: Frau Lutz habe diesen Schritt selbst unternommen, wohl als Reaktion auf die Empörung darüber, »dass sie vielleicht nicht die Wahrheit gesagt hat«.

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