Feldjäger

Umstrittenes Motto

»Jedem das Seine«? Die Verbandsabzeichen der Feldjäger stehen in der Kritik. Foto: picture alliance/dpa

Feldjäger

Umstrittenes Motto

Zentralrat und Antisemitismusbeauftragter Felix Klein fordern, den Leitspruch »Suum cuique« abzuschaffen

von Michael Thaidigsmann  25.06.2022 23:00 Uhr

Man muss sehr genau hinsehen, um die Worte »Suum cuique« (»Jedem das Seine«) auf den knallroten Baretten der Feldjägertruppe der Bundeswehr erkennen zu können. Doch das Motto, das auf den römischen Staatsmann Cato den Älteren zurückgeht, prangt seit 1955 auf den Abzeichen der Militärpolizei.

Wenn es nach Felix Klein geht, müssen sich die Feldjäger bald ein anderes Motto suchen. Der Bundesbeauftragte für jüdisches Leben und den Kampf gegen Antisemitismus hat Bundesverteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) einen Brief geschrieben und sie gebeten, den lateinischen Leitspruch von der Kopfbedeckung und anderen Abzeichen der Feld­jäger endlich entfernen zu lassen.

Klein argumentiert mit dem Missbrauch des Satzes während der NS-Zeit. So hatten die Nationalsozialisten das Motto gezielt an den Eingangstoren von Konzentrationslagern angebracht, um die Lagerinsassen zu demütigen. »In Buchenwald wurden 56.000 Menschen ermordet. Daher finde ich die Aufschrift auf der Kleidung der Feldjäger nicht länger haltbar – auch wenn sie in Latein geschrieben ist und sich gar nicht auf die Tradition der Nazis bezieht«, begründete Klein seinen Vorstoß im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen.

TRADITION Die in den 50er-Jahren gegründete Bundeswehr stehe in einer neuen, demokratischen Tradition. Sie müsse sich deshalb klar und deutlich von der Zeit des Nationalsozialismus abgrenzen und kritisch damit auseinandersetzen, findet der Antisemitismusbeauftragte. Das gelte auch für die Sprache.

Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums wollte die Forderung auf Nachfrage nicht kommentieren, man prüfe sie noch.

In der Frage des Feldjägermottos sei das bedauerlicherweise noch nicht geschehen. Klein ist aber optimistisch, dass Lambrecht seinem Vorschlag nachkommen wird. Schon als Justizministerin habe sie sich sehr aufgeschlossen gezeigt, »Altlasten aus der NS-Zeit zu beseitigen«, sagte er dieser Zeitung.

Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums wollte die Forderung auf Nachfrage nicht kommentieren, man prüfe sie noch. Der Sprecher verwies auf den Traditionserlass der Bundeswehr aus dem Jahr 2018. Die Tradition der Bundeswehr sei »integraler Bestandteil der Konzeption der Inneren Führung. Tradition bildet sich in einem fortlaufenden und schöpferischen Prozess wertegeleiteter Auseinandersetzung mit der Vergangenheit«.

erlass In dem vor vier Jahren von der damaligen Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) überarbeiteten Erlass heißt es wörtlich: »Der verbrecherische NS-Staat kann Tradition nicht begründen. Für die Streitkräfte eines demokratischen Rechtsstaates ist die Wehrmacht als Institution nicht traditionswürdig.«

Die Vorsitzende des Bundestagsverteidigungsausschusses, Marie-Agnes Strack-Zimmermann, sieht bei den deutschen Streitkräften eine zunehmende Sensibilisierung, was die Auseinandersetzung mit der jüngeren deutschen Geschichte angeht. Man müsse aber »deutlich mehr mit der Truppe und nicht nur über sie reden«. Es sei wichtig, sagte Strack-Zimmermann dieser Zeitung, dass die Betroffenen in die Debatte miteinbezogen und gehört werden. »So eine Entscheidung kann nicht allein von oben getroffen werden.«

Während Wolfgang Hellmich, SPD-Obmann im Verteidigungsausschuss, den Leitspruch nicht verändern möchte und die lateinische Version für unproblematisch hält, da sie »praktisch von niemandem mit den NS-Verbrechen assoziiert« werde, hält Strack-Zimmermann dagegen.

VERSTÄNDNIS Sie habe »großes Verständnis für den Wunsch, dass der Satz in keiner Form mehr verwendet wird – insbesondere nicht durch staatliche Institutionen«, sagte die FDP-Politikerin.

»Eine Entfernung wäre auch im Interesse der Bundeswehr selbst.«

Zentralratspräsident Josef Schuster

Auch der Historiker Michael Wolffsohn sieht das so: »Es ist kaum zu fassen, dass vor Felix Klein das niemandem aufgestoßen ist. Da ich Feldjägern in Uniform nie begegnete, wusste ich auch an meiner Bundeswehruniversität nichts davon. Sonst hätte ich laut ›Aua‹ gesagt«. Dass bislang so wenig darüber diskutiert worden sei, liegt nach Wolffsohns Auffassung daran, dass »Bildung Mangelware ist – nicht nur in der Bundeswehr«.

Julia Bernstein forscht seit einigen Jahren zum Thema. Im Januar 2020 veröffentlichte die Frankfurter Soziologieprofessorin in dieser Zeitung einen Beitrag, der auch den Feldjäger-Leitspruch thematisierte. Viele in Deutschland wüssten einfach nicht, wie problematisch Sprüche wie »Jedem das Seine« oder auch der umgangssprachliche Ausdruck »bis zum Vergasen« für hier lebende Juden seien.

desinteresse Die Frage, ob die Tatsache, dass das Motto »Suum cuique« schon lange vor der NS-Zeit existierte und in einem positiven Sinne verwendet worden sei, als Grund gelten könne, es auch heute noch zu verwenden, beantwortet Bernstein mit einem klaren Nein. »Man kann das nicht einfach entkoppeln von der kollektiven deutschen oder der eigenen familiären Geschichte, wie das viele aus Ignoranz, Desinteresse oder sogar ganz bewusst tun. Denn dieser Satz ist Teil einer Vernichtung, die nicht wiedergutzumachen ist.«

Dieser Ansicht ist auch Josef Schuster. Es gebe »Redewendungen, die unauslöschlich mit dem nationalsozialistischen Massenmord verbunden sind, auch wenn sie nicht von den Nationalsozialisten erfunden wurden«, so der Präsident des Zentralrats der Juden. »Der Satz ›Jedem das Seine‹ gehört unzweifelhaft dazu.« Daher sei es wünschenswert, dass die Aufschrift von Verbandsabzeichen der Feldjäger entfernt werde, so Schuster. »Dies wäre nicht nur im Interesse der Opfer der Schoa, sondern auch der Bundeswehr selbst.«

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