Elie Wiesel

Testament eines Zeugen

Unermüdliche Stimme für die Kontinuität jüdischer Existenz über die Abgründe des 20. Jahrhunderts hinweg: Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel im März 2015 Foto: Reuters

Für Elie Wiesel sind im Laufe der Jahre viele Etiketten geprägt worden: »Schtetl-Jude«, »Intellectuel engagé«, »Holocaust-Theologe«, »Hiob von Auschwitz«, »Neo-Rebbe«, um nur einige der gängigsten zu zitieren. Er hinterlässt ein umfangreiches Werk: Essays, Romane, Novellen, Dramen, Übersetzungen, Reportagen, Porträts, Memoiren, Reden, Theaterkritiken, Bibelkommentare, Theologietraktate.

Dennoch zerfällt sein Lebenswerk mit mehr als 50 Büchern nicht in lauter Einzelteile. Wiesel hat die Einheit seines Werks in dem folgenden Bild beschrieben: Es drehe sich wie »konzentrische Kreise« um das Zentrum seines Lagerbuches Nacht. Nach der äußeren Befreiung aus dem KZ versuchen die Romanhelden Wiesels, deren Namen sich bedeutsam auf El, Gott, anfangs- oder endreimen – Elischa, Elieser, Michael, Raphael, Katriel, Paltiel, Asriel, Ariel –, auch innerlich freizukommen, meist vergeblich.

Romane Die Romane schildern unterschiedliche Formen der Vergangenheitsbewältigung: Militanz (Morgengrauen, 1960), Selbstmord (Tag, 1961), Wahnsinn (Gezeiten des Schweigens, 1962), Freundschaft und Glauben (Die Pforten des Waldes, 1964), Zionismus (Der Bettler von Jerusalem, 1968), Schweigen (Der Schwur von Kolvillág, 1973), Rache (Der fünfte Sohn, 1983) – und immer wieder Wahnsinn (Abenddämmerung in der Ferne, 1987). Um das schwarze Loch jener Nacht kreisen auch die essayistischen Arbeiten von Wiesel. Seine sämtlichen Werke, sagt er, seien Kommentare zu diesem »Testament eines Zeugen«.

Das »Reich der Nacht« war für Elie Wiesel aber nicht nur Literatur, es ist ein Archetyp, der auch nach dem 27. Januar 1945 fortlebt. Seither gab es zahlreiche Genozide. Das Überleben verpflichtet, wie Wiesel in seiner Nobelpreisrede sagte, zu humanitärem Engagement.

Wenn Gott und die Welt zu Auschwitz geschwiegen haben, so wollte Wiesel zu ähnlichen Erscheinungen nicht schweigen. Er hat mit seiner ganzen moralischen Autorität zu allen humanitären Katastrophen des 20. Jahrhunderts Stellung bezogen: zum Gulag, zur Apartheid, zum Rassismus in den USA, zu den Genoziden in Biafra, Kambodscha und Bosnien, zum Kriegsrecht in Polen – und dabei besonders auf das Schicksal der Kinder hingewiesen. Die Transformation des Leidens in humanitäre Aktion war für ihn der Grund für eine spezifische Schoa-Erziehung. Sein Werk stellt in der Tat eine große Moralressource für Erziehung und Unterricht dar.

Sighet Elie Wiesels Erinnerungen heben an in der »Welt, die nicht mehr ist« (I. J. Singer). Seine Heimatstadt Sighet bleibt Orientierungspunkt auf der Weltkarte des Globetrotters: »von Sighet nach Paris«, »von Sighet nach New York«, »von Sighet nach Jerusalem«, »von Sighet ins Weiße Haus«, »von Sighet nach Oslo«. Wiesels Sighet ist Inbegriff der »shtot«. Durch Wiesel ist dieser Ortsname – Belz, Lubawitsch, Brisk – zur Bezeichnung entwurzelter jüdischer Frömmigkeitsmilieus geworden. Wiesel schreibt aber keine nostalgischen »Dorfgeschichten«, die Ansichten seiner »shtot« sind angesengt, hinter seinem Ur-Itinerar »von Sighet nach Auschwitz« führt kein Weg zurück.

Auf der Suche nach dem verlorenen Ort wird die Wiedererinnerung bei Wiesel selbst zum Thema und Problem. Er betont einerseits die Pflicht zum Widerstand gegen den »Mnemoklasmus« oder »Mnemozid« (J. Assmann), dessen Realsymbol die Scheiterhaufen aus persönlichen Papieren und religiösen Gegenständen im Krematorienhof von Birkenau sind.

Auf der anderen Seite stellt er die Unmöglichkeit der Erinnerung nach dem Holocaust fest. Erinnerung ist für den Überlebenden höchste Pflicht gegenüber den Toten. Aber wie des Undenkbaren gedenken, wie das Unsagbare sagen, wie das Unbeschreibliche beschreiben?

Holocaust-Literatur Wiesel war Pionier und Pate der Holocaust-Literatur und zugleich ihr strenger Kritiker. Insbesondere hat er sich gegen die Sinngebung des Sinnlosen ausgesprochen, wie in den Lagerberichten von Viktor Frankl und Bruno Bettelheim, und entschieden gegen die Trivialisierung protestiert, etwa gegen den Film Holocaust 1979 und zunächst auch gegen die Ausstellung des Holocaust Memorial Museum, zu deren Gründern er gehörte.

Elie Wiesels Gedenkgebot steht in einer spezifisch jüdischen Gedenktradition. Seine Beschreibungen des Überlebenskampfes im KZ sind nicht weniger realistisch als diejenigen seiner agnostischen Leidensgenossen in Auschwitz III, Primo Levi und Jean Améry. Aber anders als sie betrachtete er diese Erfahrung nicht als Widerlegung der jüdischen Religion, sondern als religiöse Herausforderung. Er reagierte mit einer in der biblischen und jüdischen Klagetradition verankerten religiösen Rebellion, die in ihrer Heftigkeit alles Bisherige in den Schatten stellte (so in seiner Kantate »Ani maamin«, 1973).

Hiob Der Überlebensbericht Wiesels will aber mehr sein als nur persönliche Erinnerung, er versteht sich als metaphysische Abrechnung. In seinen späteren Werken rollt Wiesel immer wieder den alten Theodizeeprozess neu auf, obstinat kehrt die Frage wieder: »Und Gott in all dem?« So wie Voltaires Gedicht über das Erdbeben in Lissabon seinerzeit eine theologische Scheidelinie darstellte, so Wiesels Nacht in unserer Zeit.

Die Bezeichnung »Hiob von Auschwitz« ist allerdings irreführend. Denn anders als der biblische Hiob wollte sich Wiesel mit seinem Schicksal nicht abfinden und lehnte die Kapitulation Hiobs vor Gott ab. In seinem Porträt Job ou le silence révolutionnaire versucht er, den Widerruf des »Gottestadlers« (Hiob 40, 1,4) durch einen Vergleich mit den grotesken Geständnissen der Weggefährten Lenins in Stalins Schauprozessen verständlich zu machen. Er erkennt darin eine List, einen letzten Widerstandsakt der Revolutionäre: Indem sie das Unmögliche gestehen, führen sie die Anklage in den Augen des Publikums ad absurdum. Mit diesem hermeneutischen Schlüssel liest Wiesel die Bibel gegen den Strich.

Renouveau Juif Das Herz von Wiesels Jahrhundertwerk sind seine religiösen Schriften. Wiesel zählte neben André Neher, Emmanuel Lévinas und R. Leon Ashkenazi zu den Exponenten des »Renouveau juif« in Frankreich nach dem Holocaust. Diese Rückkehr zu den Quellen vollzog sich als Aktualisierung und ist dem Historismus der Judaistik diametral entgegengesetzt. Das Interesse war nicht primär philologischer Natur, die Frage war vielmehr, welche Lehren die Tradition für unsere vom Holocaust gezeichnete Zeit bereithält.

Wiesel war in diesem Renouveau juif zunächst für Chassidismus zuständig, mit dem er auch familiär verbunden war. Wie Martin Buber die chassidischen Legenden in der ersten Jahrhunderthälfte dem assimilierten deutschsprachigen Judentum auf lebensphilosophische Weise nahebrachte, so Wiesel, der sich selbst als Chassid begriff, den assimilierten französischen und amerikanischen Juden der zweiten Jahrhunderthälfte auf existenzialistische Weise. Damit wurde Wiesel zu einer Art »Rebbe« des jüdischen Revivalismus der 70er- und 80er-Jahre.

Das Werk Elie Wiesels bietet aber eine Re-Interpretation der gesamten jüdischen Überlieferung. Sämtliche jüdische Quellen – Bibel, Talmud und Midrasch, Kabbala und Chassidut – werden im Schatten von Auschwitz reevaluiert. Auschwitz ist für Wiesel ein »point of no return«, eine Rückkehr zum Status quo ante ausgeschlossen, daher will er die Quellen »über die Zeit der Qualen hinweg« neu gelesen wissen. Wiesel selbst forderte nach der Stunde null des Holocaust: »We have to write a new Talmud.«

An sich ist die Re-Lektüre der Heiligen Texte im Licht gegenwärtiger Erfahrungen nicht neu, die jüdische Tradition besteht geradezu aus solchen Re-Lektüren. Wie die Interpreten früherer Generationen trägt auch Wiesel die Erfahrung seiner Generation in die Tora ein und schreibt einen »Neuen Midrasch« (E. Simon), einen »Midrasch zum Midrasch« (D. Banon), einen Kommentar zu den Kommentaren der Heiligen Schriften.

Churban Er knüpft insbesondere an die radikalen Revisionen der Tradition nach den Zerstörungen der beiden Tempel, dem Churban, an, eine Bezeichnung, die er schließlich dem von ihm geprägten Begriff Holocaust vorzog. Neu ist die Brutalität des Bruchs. Ob das Volk nach dem Völkermord weitermachen und -glauben kann wie bisher, das ist hier die Frage. Michael Berenbaum nennt Wiesel deshalb einen »Häretiker«, allerdings einen »Häretiker mit profunden jüdischen Erinnerungen, einer tiefen Liebe zur Tradition und einem tiefen Respekt für sie«.

Wiesels Werk beschränkt sich aber keineswegs auf Holocaustliteratur. Man hat das 20. als das »jüdische Jahrhundert« bezeichnet. Elie Wiesel ist einer seiner wichtigsten Zeugen. Als rasender Reporter hat er alle Wendepunkte und Krisen dieses Jahrhunderts kommentiert: Den »Untergang des Schtetls« (Y. Bauer), den Holocaust, den Exodus 1947, die Gründung Israels, den Eichmann-Prozess, den Sechstagekrieg, die Öffnung des Eisernen Vorhangs und den Auszug der sowjetischen Juden, die Bitburg-Affäre, die Denkmalstreite sowie die literarischen, filmischen, künstlerischen, philosophischen, theologischen Niederschläge dieser Ereignisse.

Die Beharrlichkeit dieser unermüdlichen Stimme bürgt für die Kontinuität der jüdischen Existenz über die Abgründe des Jahrhunderts hinweg. Als Sprachrohr und Gewissen seiner Generation hat Elie Wiesel maßgeblich die jüdische Identität nach dem Holocaust mitgeprägt.

Der Autor ist Leiter der Elie-Wiesel-Forschungsstelle an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg und mit Reinhold Boschki Herausgeber der wissenschaftlichen Werkausgabe von Elie Wiesel im Herder-Verlag.

Meinung

Nein, Frau Pillay hat den Friedensnobelpreis nicht verdient!

Die Südafrikanerin hat Israel vorverurteilt und Antisemitismus in den Reihen ihrer Kommission nicht ernstgenommen. Ihre Auszeichnung durch das Nobelpreiskomitee ist ein großer Fehler, meint der Direktor von UN Watch

von Hillel Neuer  09.10.2026

Sachsen-Anhalt

Zentralratspräsident Josef Schuster: Tillschneider »verhöhnt die Opfer« von Halle

Der rechtsextreme Politiker hatte am Freitag versucht, am Gedenken für die Opfer des Anschlags von Halle teilzunehmen

 09.10.2026

Oslo

Israel-Kritikerin Navanethem Pillay erhält den Friedensnobelpreis

Für ihren Einsatz gegen Menschenrechtsverletzungen und für das Völkerrecht: Mit dem Friedensnobelpreis wird in diesem Jahr die südafrikanische Juristin Navanethem Pillay geehrt

 09.10.2026

Eklat in Halle

AfD-Mann Tillschneider will an Anschlags-Gedenken teilnehmen

Aktivisten der Jüdischen Studierendenunion Deutschland verhinderten, dass der Landtags-Vizepräsident die Synagoge betrat

von André Anchuelo  09.10.2026 Aktualisiert

Magdeburg

Landtagspräsident Rausch plant außenpolitische Initiativen

Mit Tobias Rausch ist erstmals ein AfD-Politiker zum Präsidenten eines deutschen Landtags gewählt. Während noch über die Hintergründe seiner Wahl diskutiert wird, plant der 35-Jährige bereits außenpolitische Initiativen

 09.10.2026

Sondierungen

Lauterbach gegen Rot-Grün-Rot in Berlin

Karl Lauterbach hält den Antisemitismusvorwurf gegen die Linke in Neukölln für gerechtfertigt. Dennoch warnt er vor einer Gleichsetzung mit der AfD

 09.10.2026

Washington D.C.

Trump: Bis zu den Midterms keine Angriffe auf Iran

Am 3. November wird in den USA gewählt. Medien berichteten über mögliche neue Angriffe gegen den Iran noch vor dem Urnengang. Dem widerspricht der Präsident nun

 09.10.2026

Berlin

Zentralrat der Juden kritisiert Antisemitismus-Papier von Linken, Grünen und SPD

Die mutmaßliche neue Regierung will mit Gremien gegen antisemitische Ausfälle von Abgeordneten der Koalition vorgehen. Den Zentralrat der Juden, die Deutsch-Israelische Gesellschaft und die WerteInitiative überzeugt das nicht

 09.10.2026 Aktualisiert

Nahost

Huthis greifen Flughafen in Riad an

Die Huthi und die von Saudi-Arabien unterstützte Regierung bekämpfen sich im Jemen weiter. Auch Saudi-Arabien gerät immer wieder selbst in die Schusslinie. Droht eine weitere Eskalation am Golf?

 08.10.2026