Antisemitismus

Streit um Platz 9

In den Schlagzeilen: Die Nennung des Verlegers und Journalisten Jakob Augstein in den Antisemiten-Top-Ten sorgt für Aufregung. Foto: Frank Albinus

Er ist der dritte Deutsche auf der mittlerweile berüchtigten Liste des Simon Wiesenthal Centers. Der Verleger und Journalist Jakob Augstein hat mit dem Duisburger Lokalpolitiker der Linken, Hermann Dierkes (2011), und dem sozialdemokratischen Bestsellerautor Thilo Sarrazin (2010) zwei sehr unterschiedliche Vorgänger. Die Liste heißt »Top Ten Anti-Semitic/Anti-Israel Slurs«, es geht um die zehn auffälligsten antisemitischen beziehungsweise antiisraelischen Verunglimpfungen des jeweiligen Jahres.

Über Thilo Sarrazins Nominierung habe er sich nicht gewundert, sagt Jakob Augstein, über seine eigene sehr wohl. »Aber als ich gesehen habe, dass Henryk M. Broder dahintersteht, war ich schon weniger überrascht.« Als Begründung, dass Augstein auf Platz neun gelistet ist, gibt das Wiesenthal Center, dessen Büro in Los Angeles die Liste erstellt, nicht nur fünf Zitate Augsteins aus dessen »Spiegel-Online«-Kolumne »Im Zweifel links« wieder, sondern zitiert auch Broder, der Augstein als »lupenreinen Antisemiten« und »kleinen Streicher« bezeichnet hatte. Eine andere Referenz als Broders Urteil gibt es nicht.

Feuilleton Seither tobt der Streit. »Die Debatte läuft doch prima«, sagt Broder zur Jüdischen Allgemeinen und betont, dass es nicht um persönliche Dinge geht. Auch Augstein glaubt, dass die Debatte nicht schlecht verläuft, schließlich stelle sich die Mehrheit der Diskutanten in den Feuilletons auf seine Seite. »Ich glaube, dass das Simon Wiesenthal Center einen Fehler gemacht hat«, sagt Augstein dieser Zeitung, denn es habe der Bekämpfung des Antisemitismus geschadet.

»Ich glaube, das hat man in Los Angeles inzwischen auch begriffen.« Er nimmt für sich in Anspruch, nur politisch zu argumentieren: »Es ist doch völlig in Ordnung, wenn Menschen sagen, Augstein ist kein Antisemit, aber was er über Israel schreibt, halten wir für falsch.« Der Antisemitismusvorwurf werde »nur benutzt, um eine kritische Stimme zum Schweigen zu bringen«.

differenziert Das sehen viele ähnlich. Der Journalist Christian Bommarius schreibt in der »Berliner Zeitung«, Augstein kritisiere lediglich die Regierung Netanjahu, »wofür sie alle Welt kritisiert«. Der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik sagte der »taz«: »Augstein manövriert zwar gelegentlich an der Grenze zum Ressentiment, aber er argumentiert differenziert.«

Augstein, der neben seiner Chefredakteurs- und Verlegertätigkeit für den »Freitag« regelmäßig bei »SpiegelOnline« Kolumnen schreibt, wurde schon vor Veröffentlichung der Liste scharf angegriffen. Nicht nur von Broder in der »Welt«, auch von Stefan Gärtner in der »Titanic« und von Rainer Trampert in »Konkret«. Letzterer attestierte Augstein »eine Verblendung, die mit einer Kritik an Aspekten israelischer Politik nichts mehr zu tun hat«.

Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, bemerkte in einem »Focus«-Interview, Augsteins Texte zu Israel seien »allesamt schauderhaft, scheußlich und schrecklich«, er habe eine »Obsession mit Israel«. Damit schüre er auf verantwortungslose Weise antijüdische Ressentiments. »Von einer sachlichen Kritik an der israelischen Politik – und dagegen ist überhaupt nichts einzuwenden – ist Augstein Lichtjahre entfernt. Er trägt mit seinen Kolumnen definitiv zu einer anti-israelischen Atmosphäre bei.«

Doch wer ihn auf die Liste setze, verharmlose Naziparteien. Ähnlich argumeniert der Vizepräsident des Zentralrats, Salomon Korn, der zudem die Art, wie in Deutschland die Debatte geführt wird, kritisierte – etwa, wenn Bommarius schreibt: »Es spricht für den deutschen Rechtsstaat, dass Henryk Broder bis heute frei herumläuft.« Hier zeige sich untergründig der Wunsch, einen jüdischen Kritiker zu verfolgen.

verlag Auch der als Broder-Freund geltende »Spiegel«-Redakteur Jan Fleischhauer stellte sich auf die Seite Augsteins, der mit seiner Familie 24 Prozent Anteile am »Spiegel«-Verlag unterhält: Die Nennung auf der Wiesenthal-Liste gehöre »ins Reich des Absurden«, das habe »selbst der Zentralrat der Juden« festgestellt.

Der »Spiegel« wollte ein Streitgespräch zwischen Augstein und Rabbiner Abraham Cooper vom Büro des Wiesenthal Centers in Los Angeles organisieren. Nach Darstellung des Magazins scheiterte dies an Forderungen Coopers.

Broder sagt, er wolle gerne ein Streitgespräch mit Augstein führen. »Es ist ihm dreimal angeboten worden, er hat dreimal Nein gesagt.« Augstein, der zum Gespräch mit Cooper bereit war, lehnt aber eines mit Broder ab: »Sein Gerede vom Judenblut, das mir vom Messer spritzt, von der Gestapo, in der ich Karriere gemacht hätte, von der Rampe, an der ich meinen Dienst versehen hätte, das verleidet mir wirklich den Kontakt«, sagt er. »Das sprengt jede Grenze. Ich hatte mit Broder keinen Konflikt. Aber er hat mit mir eine Obsession.«

Motto Die große Zustimmung zu Augstein ist laut Broder Ausdruck des Mottos »Lieber gemeinsam unrecht als alleine recht haben«. Inzwischen legte er in einem Interview mit den »Stuttgarter Nachrichten« nach: »Augstein bereitet propagandistisch die nächste Endlösung der Judenfrage vor.«

Von solchen Begriffen will Anetta Kahane, die Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung, in der »Berliner Zeitung« die Debatte wegführen: Viele Juden reagierten sauer, wenn ihnen von einer nichtjüdischen Öffentlichkeit erklärt würde, dass verletzende Äußerungen gar nicht antisemitisch seien. Zudem kritisierte sie die Art, wie hier über Israel diskutiert wird: »Keines der uralten Klischees über die Juden als heimliche Drahtzieher, Weltenherrscher, Unfriedenstifter und Kindermörder, als Krebsgeschwür der Menschheit gilt als antisemitisch, sobald es sich auf Israel bezieht.« Plötzlich präsentiere sich die »Israelkritik« quasi als »Öko-Packung des Politischen: natürlich, ohne giftige Zusatzstoffe, ohne historische Projektionen, ohne Vernichtungsfantasien, ohne Verschwörungstheorien«.

Der Herausgeber der »Zeit«, Josef Joffe, fasste im »Tagesspiegel« die Diskussion so zusammen: »Es ist heute schlimmer, jemanden einen Antisemiten zu nennen, als einer zu sein.«

Jakob Augstein auf Spiegel-Online
»Mit der ganzen Rückendeckung aus den USA, wo ein Präsident sich vor den Wahlen immer noch die Unterstützung der jüdischen Lobbygruppen sichern muss, und aus Deutschland, wo Geschichtsbewältigung inzwischen eine militärische Komponente hat, führt die Regierung Netanjahu die ganze Welt am Gängelband eines anschwellenden Kriegsgesangs.« (6.4.2012)

»Es ist dieser eine Satz, hinter den wir künftig nicht mehr zurückkommen: ›Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden.‹ Dieser Satz hat einen Aufschrei ausgelöst. Weil er richtig ist. Und weil ein Deutscher ihn sagt, ein Schriftsteller, ein Nobelpreisträger, weil Günter Grass ihn sagt. Darin liegt ein Einschnitt. Dafür muss man Grass danken. Er hat es auf sich genommen, diesen Satz für uns alle auszusprechen.« (6.4.2012)

»Wenn Jerusalem anruft, beugt sich Berlin dessen Willen.« (4.6.2012)

»Pech für die Schlecker-Frauen: (...) Würde der Staat Israel für die Durchsetzung seiner machtpolitischen Interessen auf Zahnpastatuben setzen und nicht auf Atomraketen, die berufliche Zukunft von rund 13.000 Drogistinnen wäre sicher.« (4.6.2012)

»Aber die Juden haben ihre eigenen Fundamentalisten. Sie heißen nur anders: Ultraorthodoxe oder Haredim. (...) Diese Leute sind aus dem gleichen Holz geschnitzt wie ihre islamistischen Gegner.« (19.11.2012)

»Gaza ist ein Gefängnis. Ein Lager.«
(19.11.2012)

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