München

Späte Aufklärung?

Unter den Opfern des antisemitischen Verbrechens von 1970 waren auch Schoa-Überlebende. Foto: IMAGO/United Archives Keystone

Sieben jüdische Menschen – zwei Frauen und fünf Männer, von denen einige den Holocaust überlebt hatten – kamen am Abend des 13. Februar 1970 bei einem Brandanschlag auf das Altenheim der Israelitischen Kultusgemeinde in der Reichenbachstraße in München ums Leben. Es war der bis heute verheerendste Angriff auf eine jüdische Einrichtung in Deutschland seit der Schoa.

Nicht nur in der bayerischen Landeshauptstadt war man über das antisemitische Verbrechen tief erschüttert. Bundespräsident Gustav Heinemann nahm an der Beisetzung der Opfer teil, im Bundestag fand eine aktuelle Stunde statt. Anschließend wurden die Sicherheitsmaßnahmen vor jüdischen Einrichtungen in der Bundesrepublik verstärkt; bis dahin hatte es solche nur sporadisch gegeben. Dennoch kehrten viele Juden in den nachfolgenden Jahren Deutschland den Rücken.

Benzin als Brandbeschleuniger

Dass der Brand vorsätzlich gelegt worden war, wurde den Ermittlern schnell klar: Ein Aral-Kanister wurde gefunden. Im Treppenhaus war Benzin als Brandbeschleuniger verschüttet und der Lift im Gebäude außer Betrieb gesetzt worden. Sechs Menschen erstickten oder verbrannten qualvoll, ein Mann starb beim Sprung aus dem vierten Stock. Die damals 21-jährige Medizin-Studentin Sara Elasari aus Israel, die in dem Haus in einer Mansardenwohnung lebte, konnte gerade noch dem Inferno entkommen (vgl. Interview unten).

Jahrzehntelang rätselte man nicht nur über die Identität des oder der Täter, sondern auch über das Motiv. Zeitweise wurde ein linksextremer Hintergrund angenommen, denn Ende der 60er- und Anfang der 70er-Jahre standen jüdische Einrichtungen mehrfach im Visier gewaltbereiter linksterroristischer Gruppierungen. Der Generalbundesanwalt in Karlsruhe übernahm wegen der Bedeutung des Falls die Ermittlungen.
2013 wurden dort erneut Nachermittlungen eingeleitet, doch vier Jahre später wieder ergebnislos eingestellt. Die Mordtat von München geriet in Vergessenheit. Nicht alle wollten das hinnehmen.

2019, ein Jahr vor dem 50. Jahrestag des Verbrechens, startete der bekannte bayerische Kabarettist Christian Springer einen Aufruf in den sozialen Medien. Er sei bitter enttäuscht gewesen, dass sich niemand mehr für den Fall interessiert habe, sagte er dieser Zeitung. Als »Katholik und Münchner« habe er sich in der Pflicht gesehen, etwas dafür zu tun, dass der schlimmste Mordanschlag auf Juden in Deutschland nach 1945 doch noch aufgeklärt werde. »Ich hätte sonst nicht mehr ruhig schlafen können«, sagt Springer.

Das Haus musste nach dem Brand abgerissen werden

Vor dem einstigen Tatort – das Haus musste nach dem Brand abgerissen werden – drehte er vor sieben Jahren ein Video, hielt seine Telefonnummer in die Kamera und appellierte an Zeugen und Mitwisser, sich bei ihm zu melden. Es sei wahrscheinlich, dass noch »Omas und Opas« von damals am Leben seien, die vielleicht ein schlechtes Gewissen hätten und etwas über den Tathergang erzählen könnten.

Doch zunächst schien der ganze Aufwand vergeblich. Springers Handy klingelte nicht, er bekam keinen einzigen Hinweis. Vor rund einem Jahr, immerhin sechs Jahre nach seinem Aufruf, rief ihn dann eine Person an. Sie hatte einen Hinweis, der dem Fall eine neue Wendung gab. Oberstaatsanwalt Andreas Franck, der auch als Antisemitismusbeauftragter der bayerischen Justiz fungiert, ging dem Ganzen sofort nach.

Die Mordtat von München geriet in Vergessenheit.

Auf Nachfrage der »Jüdischen Allgemeinen« wollte Franck mit Verweis auf die noch laufenden Ermittlungen zu den Einzelheiten nicht Stellung beziehen. Allerdings gilt mittlerweile als gesichert, dass der Tatverdächtige Bernd V. Teil einer dreiköpfigen Bande war, die damals für zahlreiche Einbrüche verantwortlich zeichnete. V. wurde später wegen anderer Straftaten zu einer Gefängnisstrafe verurteilt.

Den nun vorliegenden Erkenntnissen zufolge soll er zudem am 13. Februar 1970 gemeinsam mit einem Komplizen versucht haben, in ein Schmuckgeschäft unweit des jüdischen Gemeindezentrums einzubrechen. Als dies misslungen sei, wäre V. so wütend geworden, dass er geschworen habe, das jüdische Altenheim in Brand zu stecken, wie das Magazin »Der Spiegel« berichtete.

Verbindungen des mutmaßlichen Brandstifters in rechtsextreme Milieus

Ob er bei dem Brandanschlag allein handelte oder es Mittäter gab, ist wohl noch nicht endgültig geklärt. Auch zu möglichen Verbindungen des mutmaßlichen Brandstifters in rechtsextreme und andere Milieus laufen noch Überprüfungen. Gesichert ist aber bereits, dass Bernd V. nicht nur ein Einbrecher war. Laut »Spiegel« hatte er einen »Hitler-Tick« und hasste Juden.

Bei Mord gibt es nach deutschem Strafrecht keine Verjährung. Doch der Tatverdächtige ist nicht mehr am Leben, er starb 2020. Nach der Strafprozessordnung kann nicht mehr gegen ihn ermittelt werden. Auch deswegen gab die Bundesanwaltschaft 2025 den Fall an die Staatsanwälte in München ab. Dort entschied Andreas Franck dennoch, die Ermittlungen durchzuführen. Er will nicht ausschließen, dass andere tatbeteiligte Personen noch am Leben sind. Bis Ende März hofft Franck, die Ermittlungen abschließen zu können.

Für Christian Springer ist die juristische Aufarbeitung nur ein Teil der noch zu leistenden Arbeit. Er wünscht sich, dass ein Ruck durch die Münchner Stadtgesellschaft gehen möge und der sieben vor 56 Jahren ermordeten Jüdinnen und Juden würdig gedacht werde.

Ihre Namen, die er früher immer vom Blatt abgelesen hatte, habe er mittlerweile auswendig gelernt, denn, so Springer: »Sie sollen nicht der Vergessenheit anheimfallen.« Sein Appell an die nachkommenden Generationen: »Hört nie auf, nach der Vergangenheit zu fragen. Hört nie auf nachzubohren, auch wenn es manchmal mühsam ist und nervt.«
Er selbst habe zwar in seinem Leben noch nichts aufgeklärt, betont der Kabarettist. »Aber man darf nie lockerlassen. So kann man am Ende ein klein wenig dazu beitragen, dass die Wahrheit ans Licht kommt.«

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